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Asien

Doktor per Mausklick

Dass Menschen sich per Plagiat zum Doktor schummeln, kommt wohl überall auf der Welt vor. Im Iran wird es ihnen aber besonders leicht gemacht. Hier werden gefälschte akademische Abschlüsse offen im Internet angeboten.

Universitätsabsolventin im Iran (Foto: FARS)

Absolvent

Iranische Studentinnen bei einer Prüfung (Foto: www.hozehkh.ir)

Sie schreiben noch selbst: Iranische Studentinnen bei einer Prüfung

Hamid B. ist Promotionsstudent an einer Teheraner Universität - einer, der seine Doktorarbeit noch selbst schreibt. "Ich hatte mich mit einigen Freunden, die ebenfalls mit ihren Abschlussarbeiten beschäftigt waren, zum Essen getroffen" erzählt der junge Doktorand. "Als ich mich beklagte, dass ich mit der Arbeit nicht vorankomme und die Last immer größer wird, fingen meine Freunde an zu lachen. "Schreibst du deine Arbeit etwa selbst?", fragte mich einer aus der Runde. "Du kannst doch die Abschlussarbeiten in Auftrag geben. Im Internet findest du ein reiches Angebot."

Bei Google auf Persisch ergibt eine Suche nach "An- und Verkauf von Abschlussarbeiten" rund vier Millionen Einträge. Manche dieser Links führen zu Onlineshops, auf deren Produktpalette alles zu finden ist, was das Herz begehrt, angefangen bei Haushaltsgeräten, Kleidung und Kosmetika bis zu Abschlussarbeiten jeglicher Art. Einer dieser Anbieter gibt sogar im Internet die Adresse seines Büros in Teheran an und wirbt mit einem unwiderstehlichen Angebot: "Alles ist vorbereitet! Sie müssen nur Ihren Namen unter die Arbeit setzen und sie ausdrucken. Fertig!"

Andere Anbieter werben mit All-Inclusive-Angeboten, die nicht nur die Erstellung der gewünschten Abschlussarbeit nach dem neuesten Standard beinhalten. Sie bieten auf Wunsch auch einen Beratungsservice an, der die Studenten über den Inhalt ihrer Abschlussarbeit informiert, damit sie diese dann vor den Professoren verteidigen können. Auch für Studierende, die bereits auf halbem Wege an ihrer Arbeit verzweifeln, gibt es Lösungen. Die Arbeit wird einfach durch "kompetente Hände" zu Ende geführt.

Große Bandbreite an Abschlussarbeiten

Abschlußfeier der Studenten im Fach Medizin an der Universität Teheran (Foto: FARS).

Auch diese Teheraner Medizin-Studentinnen haben ihre Doktorarbeit hoffentlich selbst verfasst.

Was den Preis betrifft, ist für jeden Geldbeutel etwas dabei: von der DVD-Sammlung mit Musterarbeiten bis hin zum Ghostwriter, der die Arbeit in Auftrag nimmt und "maßgeschrieben" abliefert. Ob Ingenieurwissenschaft, ob Geisteswissenschaften oder Sprachen - das ist egal. Es spielt auch keine Rolle, ob die Abschlussarbeit an einer staatlichen oder an einer privaten Hochschule vorgelegt werden soll.

Die Nachfrage ist jedenfalls so groß, dass inzwischen auch Privatpersonen in das lukrative Geschäft eingestiegen sind und versuchen, mit der eigenen Diplomarbeit Handel zu betreiben. Ein Internet-User schreibt, dass er seine Diplomarbeit bereits an sechs verschiedene Interessenten verkauft hat und dabei ist, mit einem siebten Käufer über den Preis zu verhandeln.

Der Leiter der Aufsichts- und Kontrollbehörde für Universitäten im iranischen Wissenschafts- und Bildungsministerium, Reza Ameri, sucht die Ursache für diese Entwicklung an den Hochschulen selbst. Wo überwiegend schlecht bezahlte Honorarkräfte eingesetzt werden, sei die Gefahr, dass Arbeiten erkauft werden, wesentlich größer, so Ameri in einem Interview mit der iranischen Nachrichtenagentur MEHR.

"Die gefälschte Prominenz"

Mahmud Ahmadinedschad bei einer Sitzung im iransichen Wirtschaftsministerium (Foto: IRNA)

Dr. Mahmud Ahmadinedschad promovierte in Teheran mit einer Arbeit über Eisenbahnen im Fachbereich "Transportwesen und Verkehrstransportplanung"

Vor den Toren der Universität Teheran stößt man auf Hunderte von Verkaufsanzeigen für Abschlussarbeiten. Selbst einige Buchhandlungen, die sich auf Fachbücher spezialisiert haben, scheinen sich in Aufnahmestellen für Nachfragen dieser Art zu verwandeln.

Während einfache Studenten, die nicht selbst schreiben, sich ihren ersehnten Abschluss und Titel erkaufen müssen, lassen Prominente der politischen Szene im Iran ihre Beziehungen spielen, um sich mit dem gewünschten Titel zu zieren.

Der bislang bekannteste Fall akademischer Fälschung betrifft den früheren, inzwischen verstorbenen Innenminister Ali Kordan. 2008 hatte er unter zunehmendem Druck zugeben müssen, dass sein angeblich von der britischen Elite-Universität Oxford verliehener Ehrendoktortitel eine Fälschung sei. Ihm blieb letztendlich nichts anderes übrig, als seinen Posten zu räumen.

Was ist mit Dr. Ahmadinedschad?

Manche Abgeordnete im iranischen Parlament halten den Doktortitel des ersten Vizepräsidenten Mohammad Reza Rahimi für gefälscht. Und selbst am Doktortitel von Mahmud Ahmadinedschad gibt es Zweifel, denn er soll seine Promotion während seiner Amtszeit als Provinzgouverneur in Ardebil geschrieben haben. Laut Uni-Richtlinien herrscht aber für Doktoranden während ihrer Dissertation volle Anwesenheitspflicht an der Universität.

In einem offenen Brief eines anonymen Kommilitonen von Ahmadinedschad heißt es 2009: "Sehr geehrter Herr Dr., würden Sie uns verraten, wie Sie es geschafft haben, während Ihrer Gouverneursamtzeit in Ardebil zu studieren und Ihre Doktorarbeit zu verfassen? Und dies zu einer Zeit, in der Sie noch wegen Ihres unermüdlichen Einsatzes vom damaligen Präsidenten Hashemi Rafsandschani als Vorzeigegouverneur ausgezeichnet wurden?"

Die Antwort darauf ist der Präsident bis heute schuldig geblieben.

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