1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Distanz zum Mordaufruf des Ministers?

Die pakistanische Regierung hat sich von dem Mordaufruf des Eisenbahnministers gegen den amerikanischen Produzenten des Mohammed-Schmähfilms distanziert. Aber Experten zweifeln daran, dass sie es ernst meint.

Pakistan's Railway Minister Ghulam Ahmad Bilour speaks during a news conference in Peshawar September 22, 2012. A Pakistani minister offered $100,000 on Saturday to anyone who kills the maker of an online video which insults Islam, as sporadic protests rumbled on across parts of the Muslim world. I announce today that this blasphemer, this sinner who has spoken nonsense about the holy Prophet, anyone who murders him, I will reward him with $100,000, Ahmad Bilour told a news conference, to applause. A spokesman for Pakistan's prime minister said the government disassociated itself from the minister's statement. REUTERS/Stringer (PAKISTAN - Tags: POLITICS RELIGION TPX IMAGES OF THE DAY)

Ghulam Ahmad Bilour

Ghulam Ahmad Bilour, Eisenbahnminister Pakistans, hatte ein Kopfgeld in Höhe von 100.000 US-Dollar auf den Produzenten des Mohammed-Schmähfilms ausgesetzt. Er rief die radikalislamischen Taliban und das Terrornetz Al Kaida auf, die "noble Tat" zu begehen - auch er selbst sei bereit, den US-Filmemacher zu töten, wenn sich ihm die Gelegenheit böte. 

Es stellt sich die Frage, warum Bilour so schweres Geschütz auffährt. Er gehört zur gemäßigten säkularen Awami-National-Partei (ANP), die sich vor allem in der nordwestlichen Grenzprovinz (NWFP) und in Balutschistan für die Belange der Paschtunen und der Belutschen einsetzt. Auf nationaler Ebene koaliert sie mit der Regierungspartei, der linksgerichteten Pakistanischen Volkspartei unter dem Vorsitz von Präsident Asif Ali Zardari, und unterstützt auch den Kampf gegen radikal-islamische Extremisten.

Protestierende in Pakistan verbrennen Reifen auf der Straße in Rawalpindi (Foto: AP)

In vielen muslimischen Ländern, wie auch in Pakistan, gab es gewaltsame Proteste gegen den Mohammed-Schmähfilm

Die Regierung in Islamabad und die ANP distanzierten sich von dem Mordaufruf. "Das Statement entspricht nicht der Regierungspolitik. Wir distanzieren uns ausdrücklich von diesem Mordaufruf", so ein Sprecher von Premierminister Raja Pervez Ashraf. Auch ANP-Sprecher Zahid Khan wies die Äußerungen des Eisenbahnministers weit von sich: "Wir glauben an Gewaltlosigkeit und dafür ist unsere Partei auch bekannt."

"Politisches Kalkül"

Altgediente politische Aktivisten wie B.M. Kutty glauben zwar auch, dass Bilour als Person und mit seiner Aussage "nicht ernstzunehmen" sei. Doch manch einer vermutet dennoch verborgene Partei-Interessen, trotz aller öffentlichen Dementi: "Die Pakistanische Volkspartei, die Awami-National-Partei und die anderen liberalen Parteien versuchen, Kapital aus den anti-westlichen Gefühlen der Menschen zu schlagen", glaubt Riad Ahmed. "Diese Parteien wissen, dass die einfachen Pakistaner die Nase voll haben von ihnen. Sie glauben, der einzige Weg, um bei den Parlamentswahlen im kommenden Jahr Wählerstimmen zu erhalten sei der, nationalistischer zu erscheinen als die Nationalisten."

Pakistans Präsident Asif Ali Zardari (Foto:dpa)

Präsident Zardari will die UN auffordern, den umstrittenen Film zu verurteilen

Jaffar Ahmed, Professor für Pakistan-Studien an der Universität von Karatschi ist anderer Ansicht: "Die ANP erhält ihre Wählerstimmen wegen ihrer auf paschtunische Nationalinteressen ausgerichteten Politik. Deshalb glaube ich nicht, dass der Mordaufruf dieser Partei nutzt. Im Gegenteil würde ihr solch eine religiöse Rhetorik eher schaden." Ahmed glaubt nicht, dass die ANP ihr Ansehen als säkulare Kraft aufs Spiel setzen würde.

Der Billigfilm unter dem Titel "The innocence of Muslims" (Unschuld der Muslime) hatte, wie in anderen muslimischen Ländern, auch in Pakistan zu blutigen antiwestlichen Protesten geführt. Religiöse Parteien riefen die Bürger zu Straßendemonstrationen gegen das Video und gegen die USA auf. Den vergangenen Freitag (21.09.2012) hatte die pakistanische Regierung auf Druck radikaler Parteien zum Feiertag ausgerufen, um die Proteste zu kanalisieren. Dennoch kamen mindestens 19 Menschen ums Leben, als ein gewaltsamer Mob öffentliche Einrichtungen in Flammen setzte und amerikanische Unternehmen angriff. 

Religiöser Fanatismus

Pakistans General Zaheerul Islam (Foto:AP/dapd)

Religiöse Parteien haben enge Verbindungen zur Armee, sagen Experten

Viele politische Kommentatoren und Menschenrechtsaktivisten in Pakistan sind der Ansicht, die staatliche pakistanische Politik habe immer die islamistische Ideologie und die Extremisten unterstützt - egal, wofür die unterschiedlichen politischen Parteien stehen und was ihre politischen Führer in der Öffentlichkeit sagen. Parteien und Einzelpersonen zählen nicht, wenn es um die Staatsraison gehe. Und diese werde hauptsächlich bestimmt durch die mächtige Armee.

"In Pakistan genießen religiöse Gruppen und Organisationen staatlichen Schutz und die Unterstützung des von der Armee gestützten Establishments - auf Kosten anderer (säkularer - Red.) Gruppen", so der pakistanische Historiker Mubarak Ali. Experten wie er glauben, es sei unwahrscheinlich, dass der pakistanische Staat diese langjährige Unterstützung von radikalen Islamisten in Zukunft aufgeben wird - auch wenn die Staatsvertreter behaupten, den Extremismus im Land zu bekämpfen. Religiöser Fanatismus in jeder Form komme dem herrschenden System zupass. Es benutze sie, um innere Angelegenheiten unter Kontrolle zu halten und als Verhandlungsoption in den Beziehungen zum Westen.

Die Redaktion empfiehlt