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Deutschland

Digitalisierung auf Deutsch: Au ja!

Tencent, Twitter oder Facebook: Die Digitalwirtschaft spricht Englisch oder Chinesisch - nur in Ausnahmefällen Deutsch. Beim Forschungsgipfel in Berlin wurde beraten, wie sich das ändern lässt. Das Resultat: schmerzhaft.

Deutschland Angela Merkel zu Besuch auf der CeBIT in Hannover Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress

Digitales Neuland: Kanzlerin Merkel im März auf der CeBIT 2016

Auf dem Weg ins digitale "Neuland" gelte es, "möglichst viele mitzunehmen". Diesen Appell richtete Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag in Berlin an die Teilnehmer des Forschungsgipfels 2016. Rund 300 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft waren gekommen, um eine Frage zu klären: Warum sind Skype, Twitter, WhatsApp oder YouTube nicht von Deutschen gegründet worden?

Einfache Antworten sind schwierig, wenn sie auch für manchen verlockend erscheinen mögen. Zum Beispiel für tausende User im Netz, die sich vor Monaten über die Kanzlerin lustig gemacht hatten, als sie den Begriff des "Neulands" für das Internet prägte. Fehlen also an der Spitze des Staates "digital natives", das heißt jene, die mit dem Internet groß geworden sind und die das Netz verstehen - und so eine Richtung vorgeben könnten?

Angela Merkel beim Forschungsgipfel 2016 Foto: picture-alliance/dpa/K. Nietfeld

Kanzlerin Merkel: Umdenken!

Merkel mahnt zum Mentalitätswandel

Als die Kanzlerin ihre Bilanz der Digitalisierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zog, wirkte sie ganz in ihrem Element - keinesfalls verloren im "Neuland". Auch wenn sie unumwunden zugab: "Mir ist nicht ganz klar, das sage ich offen, wo wir im weltweiten Vergleich top sind."

Umringt von Wissenschaftlern begann die promovierte Physikerin, pointiert und präzise Stärken und Schwächen auf dem Weg hin zu mehr Internetwirtschaft und Start-Ups in Deutschland zu skizzieren. Da reiche es nicht, sich auf seine Stärken als Nation mit traditionell starkem Auto- und Maschinenbau zurückziehen, so Merkel.

"Was das Denken vom Kunden her anbelangt, da haben wir vielleicht noch nicht die abschließenden Lösungen." Im Gegensatz zu US-amerikanischen Unternehmen wie Facebook und Airbnb, die Geschäftsmodelle schufen, die ein Milliarden-Publikum regelrecht sucht. Facebook ist binnen weniger Jahre zum größten Medienkonzern der Welt aufgestiegen - ohne eigene Journalisten zu beschäftigen. Airbnb vermittelt im Internet so viele Unterkünfte wie kein anderes Unternehmen - ohne eigene Unterkünfte zu besitzen.

Damit so etwas auch hierzulande gelingen könne, so die Kanzlerin, brauche es einen Mentalitätswandel. Die Tatsache werde zu wenig akzeptiert, dass Daten wichtige Rohstoffe seien. Nur mit einer solch "positiven Grundeinstellung" in Bezug auf die Auswertung großer Datenmengen, auch BigData genannt, könnten neue Geschäftsmodelle entstehen. Dieses Denken müsse sich in Großkonzernen, aber auch in kleinen und mittleren Unternehmen durchsetzen, denn die Digitalisierung werde "alle irgendwann erreichen".

Einiges habe die Bundesregierung auch bereits angestoßen, so Merkel. Beispielsweise einen Innovationsdialog, der Schlüsselakteure regelmäßig zusammenbringe. Die Industrieplattform "Industrie 4.0", ein Forum, durch das die digitale Vernetzung der industriellen Produktion gefördert werde. Und die "Hightech-Strategie", mit der innovative Grundlagenforschung gefördert werde. "Nur schonungslose Analysen werden uns helfen voranzukommen", gab die Kanzlerin die Marschroute vor.

Der Google Car, unterwegs seit 2014 Foto: EPA/Google

Im Silicon Valley in den USA fahren bereits selbststeuernde Autos - Google Car seit 2014

Innovationen ohne Strategie

Eine solch schonungslose Analyse stammt von Dietmar Harhoff, dem Vorsitzenden der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). Im Frühling veröffentlichte das von ihm geleitete unabhängige Beratungsgremium der Bundesregierung ihr Jahresgutachten. Mit wenig schmeichelhaften Ergebnissen: "Die Politik in Deutschland hat es versäumt, gute Rahmenbedingungen für neue Geschäftsmodelle zu schaffen, sondern eher auf etablierte Strukturen und Modelle gesetzt", so die Studie.

Statt mit der Strategie Industrie 4.0 nur die Industrieunternehmen bei der Digitalisierung zu unterstützen, so die Kommission weiter, sollte der Schwerpunkt der Digitalisierung bei Handel und Dienstleistungen liegen: "Hier bedarf es dringend einer überzeugenden Gesamtstrategie."

Und auch von Seiten der Industrie bekam die Kanzlerin Gegenwind. Es fehle an digitaler Führung durch den Staat, kritisierte Telekom-Chef Timotheus Höttges. "Wir sind seit 15 Jahren dabei, die elektronische Gesundheitskarte einzuführen." Eine Vorbildfunktion der öffentlichen Hand, die neue Technologien auch wirklich in den Alltag integriere, sehe anders aus.

Start-Ups im Konzern

Er versucht es jetzt mit Start-Up-Mentalität: Daimler-Chef Zetsche Foto: Kay Nietfeld/dpa

Start-Up-Mentalität: Daimler-Chef Zetsche

Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender des Stuttgarter Autobauers Daimler, skizzierte, wie er sich die Innovation im eigenen Haus in Zukunft vorstellt. Sein Credo: "Wenn wir alles so lassen, wie es ist, dann ist das der sichere Absturz." Der Chef von 284.000 Mitarbeitern verpasst dem Unternehmen jetzt eine Verjüngungskur. Innerhalb des Konzerns machen sich acht Start-Up-Unternehmen daran, unabhängig voneinander Prototypen für neue Automodelle zu entwickeln. Am Ende soll aus diesem "Peninsula", "Halbinsel", genannten Projekt ein einziges Modell entstehen, das nach völlig neuen Spielregeln konzipiert wurde. Vernetzt und autonom fahrend, versteht sich, so Zetsche.

Der Telekom-Chef schloss mit einer Warnung an die Politik, neue Geschäftsmodelle nicht dadurch im Keim zu ersticken, dass sie in einen bestehenden Rechtsrahmen gepresst würden. So könne letztlich nur eine schlechte Kopie von Silicon Valley entstehen - und zwar eine langsamere. Der Gesetzgeber hierzulande versuche aber genau das, nämlich bestehende Regeln beizubehalten, so Höttges: "Deswegen quälen wir uns so mit der Digitalisierung."

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