Diesel-Nachrüstung? Geht doch! | Wirtschaft | DW | 31.05.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Fahrverbote

Diesel-Nachrüstung? Geht doch!

Während die deutschen Autobauer weiter nur Software-Updates für Diesel anbieten, bietet ein Mittelständler aus Witten eine Hardware-Lösung an, die nicht nur bezahlbar, sondern vor allem effizient ist.

Als erste Stadt in Deutschland hat Hamburg seit diesem Donnerstag (31.05.2018) ein Fahrverbot für ältere Diesel-Fahrzeuge auf zwei stark befahrenen Straßen. Und zwar für Pkw und Lkw. Andere Großstädte dürften mit großer Wahrscheinlichkeit diesem Vorbild folgen. Denn auch in Düsseldorf, Kiel, Köln, Stuttgart und München liegen die Stickoxidbelastungen im Jahresmittel deutlich über den Grenzwerten. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) drängt zwar auf eine Nachrüstung der Hardware von Dieselfahrzeugen, doch  die Automobilhersteller lehnen eine Kostenübernahme ab und halten eine Softwareupdate für ausreichend.

Dabei gibt es eine Hardware, die die Stickoxidwerte nachweislich sogar unter die Euro 6-Grenze von 80 Milligramm pro Kilometer drücken kann. Zum Nachrüstungspreis von rund 3000 Euro. 

Die Redaktion empfiehlt

Entwickelt hat dieses System das Zulieferunternehmen Twintec in Witten in Nordrhein-Westfalen, ein auf Abgasnachbehandlung spezialisiertes Tochterunternehmen der Baumot-Gruppe. Im Zuge der Dieselabgasaffäre musste man darum nicht bei null anfangen. Schließlich verfügt man bei Twintec über langjährige Erfahrungen im Bereich der Nutzfahrzeuge. "Also für die großen Kaliber wie Landmaschinen, Baumaschinen oder Überlandbussen bis hin zu Schiffsaggregaten", sagt Marcus Hausser, der Vorstandsvorsitzende der Baumot-Gruppe. Was in Großfahrzeugen funktioniert, so die Devise, sollte im Prinzip auch für Diesel-Pkw geeignet sein. Am Ende der Entwicklung stand das sogenannte BNox-System mit einem speziellen Generator, um das notwendige Ammoniak bereits in der Kaltstartphase nutzen zu können.

Deutliche Reduzierung gegenüber Software-Update

Bei BNox, erläutert Marcus Hausser, "handelt es sich im Grunde um ein SCR-System, das eine selektive katalytische Reduktion herbeiführt." Unter der Zuführung von Ammoniak wandelt dieser Katalysator Stickoxide in Stickstoff und andere ungefährliche Gase um. Ein Nachrüstsystem, das den Stickoxid-Ausstoß älterer Dieselfahrzeuge drastisch reduziert. Und zwar bereits auf Strecken unter einem Kilometer. Überdies noch unabhängig von den Außentemperaturen bei einem Kaltstart.

Zum Nachweis der Tauglichkeit rüsteten Twintec-Ingenieure einen VW Passat der Euro 5-Norm mit diesem System aus. Bei Testfahrten, die über Stadt-, Landstraßen und Autobahnabschnitte führten, ergaben die von unabhängigen ADAC-Experten durchgeführten Messungen einen Ausstoß von 49 Milligramm Stickoxid pro Kilometer. Ein Wert, der sogar noch deutlich unter der Euro 6-Norm von 80 Milligramm pro Kilometer liegt. Zum Vergleich: Selbst nach einem Software-Update blies der Serien-Passat mit Euro 5-Norm über 430 Milligramm in die Umwelt. Mit einem Software-Update allein, davon ist Marcus Hausser überzeugt, lässt sich der Stickoxid-Ausstoß nicht ausreichend reduzieren. "Das kann eine Verbesserung der Emission von vielleicht 15 Prozent bringen. Und das ist schon hochgegriffen."

Video ansehen 02:54
Jetzt live
02:54 Min.

Bosch will den Diesel retten

Kosten liegen bei 3.000 Euro

Für den Großteil der Dieselfahrzeuge ist nach den Worten von Marcus Hausser eine Nachrüstung per Software nicht ausreichend. Über Deutschlands Straßen rollen immerhin  rund 5,6 Millionen Dieselfahrzeuge der Euro 5-Norm, die umgerüstet werden müssten. Geeignet wäre dafür das BNox-Systems, dessen Kernstück ein Generator darstellt, der im Getriebetunnel verbaut ist. In diesem Bauteil wird der benötigte Reinigungszusatz AdBlue in Ammoniak umgewandelt, das dann als heißes Gas in den eigentlichen Katalysator geleitet wird.  Um den Ammoniak-Generator  auf Temperatur zu halten, schaltet sich bei Bedarf ein elektrischer Heizer hinzu, so dass die Reinigung selbst bei einem Kaltstart schon nach einer Minute beginnt. Das im Motorraum untergebrachte Steuergerät zur Dosierung ist kaum größer als ein Taschenrechner. Den 18 Liter fassenden Tank für das AdBlue, also den Harnstoff,  haben die Techniker platzsparend in der Reserveradmulde im Kofferraum untergebracht. Diese 18 Liter, versichert der Leiter der Twintec-Forschungsabteilung, Thorsten Haake, genügen für eine Reichweite von 10.000 Kilometern.

Im Prinzip ist dieses System reif für die Serienproduktion. Schon bei der Entwicklung habe man nach den Worten von Marcus Hausser  immer darauf geachtet, "dass wir Großserienkomponenten verwenden. Zum einen wegen der Dauerhaltbarkeit, zum anderen natürlich aber auch wegen der Verfügbarkeit. Und nicht zuletzt auch wegen des Preises."

Einschließlich Einbau beziffert Hausser die Kosten für die Nachrüstung mit dem BNox-System auf rund 3000 Euro. Im Unterschied zu den deutschen Fahrzeugherstellern haben asiatische Autobauer bereits ihr Interesse an diesem Abgasreinigungssystem signalisiert. Das Know-How dieses deutschen Unternehmens ist im Ausland nicht nur für die Nachrüstung von Personenwagen gefragt. In London zum Beispiel rüstet man einen Großteil der roten Doppeldecker-Busse mit dem BNox-System zur Entlastung der Umwelt aus.

Video ansehen 01:43
Jetzt live
01:43 Min.

Alte Diesel in Osteuropa gefragt

Audio und Video zum Thema