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Wirtschaft

Die Volkswagen-Familie

Es begann mit dem Käfer. Im Lauf der Jahrzehnte wurde daraus ein Auto-Imperium. Die Geschichte von Volkswagen ist auch die Geschichte einer Familie. Doch wer hat hier das Sagen?

Was den Briten die Royal Family, ist den Deutschen die Familie, die bei Volkswagen die Fäden zieht. Sie liefert sei Jahren den Stoff, aus dem auch königliche Dramen sind: Es geht um Macht, Einfluss und Intrigen. Volkswagen-Chef Martin Winterkorn ist dabei nur ein Angestellter, wenn auch ein gut bezahlter. Mit einem Jahreseinkommen von knapp 16 Millionen Euro führt er die Gehaltsliste der deutschen Top-Manager an.

Und doch reichte ein Satz, um ein dickes Fragezeichen hinter Winterkorn Karriere zu setzen. "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", hatte Ferdinand Piëch fast beiläufig in einem Spiegel-Interview gesagt. Piëchs Wort hat Gewicht - er leitet das Kontrollgremium von Volkswagen, den Aufsichtsrat. Bis 2002 war er fast ein Jahrzehnt lang selbst Vorstandsvorsitzender des Konzerns, also Vor-Vorgänger von Winterkorn.

Ferdinand Piech und Wolfgang Porsche 2012

Cousins Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche (r.)

Winterkorn erhielt nach Piëchs Angriff auch Unterstützung, etwa von Wolfgang Porsche, der ebenfalls im Aufsichtsrat von Volkswagen sitzt. Piëchs Aussage sei "seine Privatmeinung", die "mit der Familie inhaltlich und sachlich nicht abgestimmt ist".

Die Familie. Gemeint sind die Familienzweige Porsche und Piëch, denn Wolfgang Porsche und Ferdinand Piëch haben denselben Großvater. Und ihnen, also ihren Familien, gehört die Mehrheit an Volkswagen, dem zweitgrößten Autobauer der Welt.

Die Wurzeln

Der Großvater war der Ferdinand Porsche. 1938 plante er für die Nazis das Volkswagen-Werk und entwickelte den Ur-Volkswagen, den VW Käfer. Später wurde er von den Alliierten inhaftiert, aber nie verurteilt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Militärregierung der britischen Besatzungszone das Volkswagenwerk und übergab es 1949 an das Bundesland Niedersachsen - unter anderem mit der Auflage, Gewerkschaften großen Einfluss einzuräumen. 1960 schließlich wurde Volkswagen zur Aktiengesellschaft und privatisiert, das Land Niedersachsen behielt einen Anteil von 20 Prozent.

Automobil-Konstrukteur Ferdinand Porsche

Automobil-Konstrukteur Ferdinand Porsche

Parallel dazu entwickelte sich aus Ferdinand Porsches 1930 gegründetem Ingenieurbüro der Sportwagenbauer Porsche in Stuttgart. Hier hatten die Familien Porsche und Piëch von Beginn an das Sagen, ungefähr zu gleichen Teilen. In Salzburg gründeten sie zudem ein Handelsunternehmen nahmens Porsche Holding, das Österreich und später Südosteuropa mit Porsches und VW belieferte. Außerdem erhielten die Familien Lizenzgebühren für jeden der weltweit millionenfach verkauften VW Käfer.

Streit gab es in der Familie schon oft. Als es einmal besonders turbulent wurde, einigten sich die Porsches und die Piëchs 1972 darauf, sich aus dem operativen Geschäft der Familienunternehmen zurückzuziehen. Seitdem führen angestellte Manager die Geschäfte. 1992 übernahm Wendelin Wiedeking den Chefsessel bei Porsche, 1993 wurde Ferdinand Piëch Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, die damals rote Zahlen schrieb. Die Familien Piëch und Porsche besaßen zu dieser Zeit nur einen geringen Anteil an Volkswagen.

Allerdings begannen sie ab 2005, diesen Anteil stückweise auszuweiten - und zwar über die von ihnen kontrollierte Porsche AG. Um das Beteiligungsgeschäft vom Sportwagenbau zu trennen, gründeten die Familien die Porsche Automobil Holding SE (nicht zu verwechseln mit dem österreichischen Autohändler Porsche Holding). Die stimmberechtigten Stammaktien der Holding werden "ausschließlich von Mitgliedern der Familien Porsche und Piëch gehalten", heißt es im Geschäftsbericht.

Die Übernahme

Über dieses Vehikel versuchte Porsche-Chef Wiedeking dann ab 2008 das scheinbar Unmögliche: Der kleine Sportwagenhersteller wollte die viel größere Volkswagen AG übernehmen. Wiedeking hatte dabei die Rückendeckung von Wolfgang Porsche, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Porsche Automobil Holding SE. Ferdinand Piëch, der zu dieser Zeit schon dem Aufsichtsrat von Volkswagen vorsaß, war angeblich gegen die Übernahme. Der gewagte Plan scheiterte schließlich wegen der Finanzkrise, die eine Finanzierung der Schulden unmöglich machte.

Stattdessen kam es umgekehrt: Volkswagen schluckte Porsche, der Sportwagenhersteller wurde zur zwölften Marke im Konzern. Piëch hatte über Porsche triumphiert. Gewonnen haben sie trotzdem beide, denn das Familienunternehmen Porsche Automobil Holding SE ist nun Hauptaktionär bei Volkswagen und besitzt mehr als die Hälfte der Stimmrechte (siehe Grafik).

Gegen den Willen des Bundeslandes Niedersachsen kann die Familie dennoch nichts entscheiden. Das Land kann wichtige Entscheidungen blockieren, obwohl es nur 20 Prozent der Stimmrechte hat - eine Besonderheit, die selbst zwei Klagen der EU-Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof nicht ändern konnten.

Trotzdem ist der Streit um die zukünftige Ausrichtung von Volkswagen auch eine Familienangelegenheit, eine weitere Runde im endlosen Kampf der Cousins Ferdinand Piëch (Jahrgang 1937) und Wolfgang Porsche (Jahrgang 1943). Treffpunkt des sechsköpfigen Präsidiums des Aufsichtsrats von Volkswagen ist Salzburg. Hier haben die beiden jeweils ein Haus.

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