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Asien

Die Verfolgung der Bahai im Iran

Mit über 300.000 Anhängern sind die Bahai die größte nichtmuslimische religiöse Minderheit im Iran. Seit über 30 Jahren werden sie systematisch verfolgt, diskriminiert, verhaftet. Und die Repressionen nehmen zu.

Der goldene Schrein von Bab im israelsichen Haifa ist das größte Heiligtum der Bahai (Foto:AFP/Getty Images)

Tempel Haifa Goldener Schrein von Bab

Andere religiöse Minderheiten wie die der Christen, Juden und Zoroastrier gelten zumindest laut Artikel 13 der iranischen Landesverfassung als "schützenswerte religiöse Minderheit". Die Bahai nicht. Sie werden als "politische Sekte" oder schlicht als "Unreine" bezeichnet. Laut islamischer Regierung gilt der Glaube der Bahai als Ketzerei. Sie glauben nicht an Mohammad als den letzten Propheten, sondern an einen Gott, der sich den Menschen in verschiedenen Zeitabständen immer wieder neu offenbart.

Ingo Hofmann, Sprecher der Bahai-Gemeinde in Deutschland (Foto: Baha'i Deutschland)

Ingo Hofmann, der Sprecher der Bahai-Gemeinde in Deutschland

Die Religionsgemeinschaft der Bahai zählt weltweit etwa sechs Millionen Anhänger. Etwa 300.000 von ihnen leben im Iran. Dort, im Geburtsland ihres Religionsstifters Bahá‘u’lláh, ist die Gemeinschaft vor etwa 170 Jahren entstanden. Die geistliche Elite des Landes sah durch die Bahai schon im 19. Jahrhundert ihre eigene Legitimation in Gefahr. Sie brachte den damaligen Schah dazu, die Bahai in die Nähe des heutigen Haifa zu verbannen. Seitdem befinden sich deren heilige Stätten in Israel.

Auch heute noch sehen die Mullahs im Iran ihren Machtanspruch durch den Glauben der Bahai gefährdet, glaubt Ingo Hofmann, Sprecher für Menschenrechtsfragen der Bahai-Gemeinde in Deutschland. Deshalb falle auch die Verfolgung der Bahai noch immer so heftig aus.

Systematische Verfolgung

Die Repressionen im Iran erreichen ein weites Ausmaß: Mehrfach wurden Bahai verhaftet und hingerichtet - über 200 sind es laut einem Bericht des nationalen geistigen Rats der Bahai in Deutschland seit der Islamischen Revolution 1979. Vielen wird der Zugang zu Universitäten verwehrt, ihre Geschäfte werden angezündet, ihre Friedhöfe zerstört. Ihr Alltag wird vom Kindesalter an von Angst, Unsicherheit und psychischem Druck beherrscht, berichtet Sepehr Atefi aus eigener Erfahrung. Der 22-jährige Bahai stammt aus Isfahan und war aktives Mitglied des "Committee of Human Rights Reporters", bevor er im Februar 2010 vor seiner drohenden Verhaftung in die Türkei fliehen musste. Mittlerweile lebt er in Deutschland.

Die Grundlage für die zahlreichen Verhaftungen und Diskriminierungen bildet ein offizielles Dokument des "Obersten Rates der Kulturrevolution" aus dem Jahr 1991. Das sogenannte "Golpayegani Memorandum" weist alle iranischen Behörden an, den Fortschritt und die Entwicklung der Bahai zu blockieren und ihre kulturellen Wurzeln - auch im Ausland - zu zerstören.

Zuspitzung und Verschlechterung der Lage seit 2004

Haupteingang der Universität Teheran (Foto:Isna)

Der Zugang zur Teheraner Uni bleibt vielen Bahai genauso verwehrt wie der zu den anderen Hochschulen des Landes

"Uns erreichen dauernd Meldungen über Verhaftungswellen, Übergriffe oder Brandstiftungen", berichtet Ingo Hofmann. Besondere Schlagzeilen machte die Inhaftierung des informellen siebenköpfigen Führungsgremiums der Bahai im Jahr 2008. Offiziell ist es den Bahai untersagt, sich in gewählten Gremien zu konstituieren. Ein Jahr lang saßen sie ohne jeden Rechtsbeistand im umstrittenen Evin-Gefängnis in Teheran, bevor die sieben Vertreter zur Höchststrafe von 20 Jahren Haft verurteilt wurden.

Seitdem habe sich die Situation für die Bahai im Iran dramatisch verschlechtert, erzählt Sepehr Atefi im Gespräch mit der DW. Vor allem spürbar sei das aktuell in der Provinz Semnan, nordöstlich von Teheran. Vor wenigen Wochen erst seien dort Schulkinder aus dem Unterricht herausgeholt, vor das Informationsministerium zitiert und über ihre Eltern ausgefragt worden.

Dass derartige Methoden eine enorm einschüchternde Wirkung haben, weiß Sepehr Atefi noch aus seiner eigenen Schulzeit. "Zu meiner Zeit kamen hin und wieder Lehrer in den Unterricht, die uns über die 'unsittlichen Praktiken' der Bahai 'aufklären' wollten. So wurde vor der ganzen Klasse erzählt, dass wir Bahai bei unseren Versammlungen Sexorgien abhalten würden, dass bei uns Geschwister einander heiraten und dergleichen mehr.“ Sepehr selbst habe sich bis in die Oberstufe nicht getraut, der Autorität des Lehrers zu widersprechen und sich dadurch als Bahai zu erkennen zu geben. Nur seine engsten Schulkameraden wussten darüber Bescheid.

Auch wenn Sepehr zufolge die meisten Schulkinder von heute diesen Geschichten keinen Glauben mehr schenken, so habe doch der Versuch, diese zu verbreiten seitens der Behörden systematisch zugenommen - allen internationalen Protesten zum Trotz.

Ohne Bildung keine Zukunft

Auf den ersten Blick scheinen diese internationalen Proteste zumindest in einem Bereich gewirkt zu haben: Auf internationalen Druck hin wurde im Jahr 2004 die Angabe der Religionszugehörigkeit von den Zugangsbögen zur Aufnahmeprüfung der Universitäten entfernt. In der Folge wurden - anders als zuvor - einige Hundert Bahai zu den Universitäten zugelassen. Nach Recherchen verschiedener Menschenrechtsorganisationen wurden jedoch mehr als zwei Drittel von ihnen im Laufe des Studiums wieder exmatrikuliert, sobald die Uni dahinterkam, dass sie Bahai waren. 2006 verfasste das Bildungsministerium einen Brief an 81 Universitäten, in dem den Bahai mit Verweis auf das Golpayegani-Memorandum das Studieren untersagt wurde.

Auch Sepehr Atefi hatte sich zum Studium angemeldet. Seine Bewerbung wurde abgelehnt, weil er angeblich "unvollständige Unterlagen" eingereicht hätte. Diese Rückmeldung hätten auch die meisten seiner Bahai-Freunde erhalten.

Um der Perspektivlosigkeit der Jugend entgegenzuwirken, gründete die Bahai-Gemeinde im Iran bereits im Jahr 1987 das "Bahai Institute for Higher Education“(BIHE) - ein informelles Netzwerk, das sich als eine Art heimliche Fernuniversität mit über 150 ehrenamtlich engagierten Lehrenden organisiert hat.

Unterrichtet wird mit minimalen Möglichkeiten in Kleingruppen und privaten Wohnungen oder online. Sepehr Atefi hat so drei Semester Soziologie studiert, bevor er das Land verlassen musste. In den letzen Jahren sind die Behörden verstärkt gegen das BIHE vorgegangen, bis es im Mai 2011 gänzlich für illegal erklärt wurde. Nach großangelegten Razzien im ganzen Land wurden viele Verantwortliche verhaftet, die derzeit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren absitzen, berichtet Sepehr Atefi. Aber das BIHE, sagt er, sei weiter aktiv - allen Repressionen und Verboten zum Trotz.

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