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Europa

Die Ukraine am wirtschaftlichen Abgrund

Um einen Staatsbankrott abzuwenden und ausländische Kredite zu bekommen, erhöht die Ukraine drastisch die Energiepreise für private Haushalte und kürzt Sozialleistungen. Einem Großteil der Bevölkerung droht die Armut.

"Soll ich vielleicht aufhören zu essen?" Der Kiewer Rentner Valeri versucht zu lächeln, doch seine Stimme klingt bitter. Seine Rente beträgt umgerechnet knapp 30 Euro. Doch wegen der Inflation kann er sich für dieses Geld immer weniger leisten. Bisher ging die Regierung in Kiew von einer jährlichen Inflationsrate von rund 13 Prozent aus. Nun hat sie ihre Prognose nach oben korrigiert und erwartet eine doppelt so hohe Inflation. "Der aktuelle Haushalt, der im Dezember letzten Jahres beschlossen wurde, basierte auf bestimmten Einnahmen, die sich als überholt erwiesen haben", sagte Robert Kirchner von der Deutschen Beratergruppe bei der ukrainischen Regierung im DW-Gespräch. Neben der steigenden Inflation sei man in Kiew auch bei der Einschätzung des schrumpfenden Bruttoinlandsprodukts pessimistischer. Das ukrainische Parlament will deshalb am 3. März den Haushalt ändern.

Ukrainer vor dem Kamin mit dem Holzfeuer (Foto: Lilia Rzeutskaya)

Immer mehr Ukrainer heizen im Winter mit Holz

Den Löwenanteil seiner für ukrainische Verhältnisse ohnehin bescheidenen Rente gibt Valeri für Strom, Wasser und Heizung aus. Für andere Ausgaben sei kaum noch Geld da. "Ich weiß nicht, was ich nach der Preiserhöhung machen soll", sagt er.

Gaspreiserhöhung um 280 Prozent

Wie Millionen andere Ukrainer verfolgt Valeri die Nachrichten über bevorstehende Preissteigerungen für private Haushalte mit Sorge. Der Strom wird ab dem 1. März um 40 Prozent teurer. Die Heizkosten sollen bald um 60 Prozent steigen. Besonders stark wird der Gaspreis angehoben. Die Vorsitzende der Ukrainischen Nationalbank, Valeria Hontarewa, kündigte an, das Gas werde um 280 Prozent teurer werden.

Der Grund seien Verhandlungen über neue Kredite mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Es geht um 17,5 Milliarden US-Dollar. Die Ukraine möchte die bereits vereinbarten Kredite ausweiten und deren Laufzeit von zwei auf vier Jahre verlängern. Einen Großteil des Geldes braucht das osteuropäische Land, um frühere Kredite zurückzuzahlen. Allein Russland möchte bis Ende des Jahres drei Milliarden US-Dollar zurück. Der IWF zeigt sich bereit, Kiew entgegenzukommen. Als Vorleistung soll die Ukraine jedoch unter anderem Preiserhöhungen für private Haushalte durchsetzen. Mit einer Entscheidung des IWF wird Anfang März gerechnet.

Nationalwährung Hrywnja im Sinkflug

Ukrainische Familie Wirtschaftskrise (Foto: Lilia Rzeutskaya)

Um Wasser zu sparen wird oft Geschirrspüler verwendet

Seit Ende 2013 balanciert die Ukraine am Rande des Staatsbankrotts. Damals gab die Regierung des prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch zu, die Staatskasse sei leer. Nach dem Machtwechsel in Kiew und dem Ausbruch eines bewaffneten Konflikts in der Ostukraine verschlechterte sich die Lage dramatisch. "Wegen des Krieges kommen in die Ukraine keine Investoren", stellt der Ökonom Kirchner fest. Auch die Staatswährung Hrywnja verliere schnell an Wert.

Die Regierung in Kiew plante Ende Dezember einen Dollarkurs von 17 Hrywnja im Jahresdurchschnitt. Zwei Monate später soll diese Prognose nach oben korrigiert werden - auf 21 Hrywnja. Doch auch die wurde schon von der Realität überholt. Ein US-Dollar kostet in Kiews Wechselstuben inzwischen über 30 Hrywnja.

Alle Bevölkerungsschichten sparen

Während auf der einen Seite die Preise steigen, will die Regierung auf der anderen Seite soziale Ausgaben kürzen. Die Mindestrente soll zum Beispiel erst im Dezember 2015 angehoben werden. "Nach der Parlamentsabstimmung über den neuen Haushalt werden die Ukrainer den Gürtel noch enger schnallen müssen", sagte der Kiewer Wirtschaftsexperte Andrij Nowak im DW-Gespräch. "Ein Großteil der Bevölkerung wird jenseits der Armutsgrenze leben."

Wasser- und Gaszähler einer ukrainischen Familie (Foto: Lilia Rzeutskaya)

Preise für Gas und Wasser sollen kräftig steigen

Nicht nur Rentner und Menschen mit niedrigen Einkommen machen sich deshalb Sorgen. Auch Besserverdiener sind betroffen - wie die Familie Sawtschuk. Die Eheleute Ihor und Maria, beide Ende dreißig, leben mit ihren drei Kindern in einem eigenen Haus in der Nähe der Hauptstadt Kiew. Ihor ist Kleinunternehmer, seine Frau bleibt zu Hause bei den Kindern. Auch sie machen sich Gedanken über das Sparen. "Wir überlegen uns, ob wir einen Biomasse-Heizkessel installieren lassen, doch der ist sehr teuer", sagt Ihor. "Oder wir reduzieren unseren Gaskonsum auf ein Minimum".

Krieg als unkalkulierbares Risiko

Beobachter in Kiew fragen sich, wie sich die immer schlechtere Wirtschaftslage auf die Stimmung im Land auswirken könnte. Ein Drittel der Bevölkerung sei bereit, noch ein Jahr auszuhalten - vorausgesetzt, es werde Reformen geben. Das fand das Rasumkow-Zentrum, ein Thinktank in Kiew, in einer Umfrage heraus. Doch fast genauso viele Ukrainer - 29 Prozent - wollen keine weiteren Rückschläge hinnehmen. Sie meinen, ihre Lage sei bereits unerträglich.

Die Ökonomen warnen dabei vor Krieg als unkalkulierbarem Risiko. "Wenn sich der Konflikt in die Länge zieht, wird die Regierung ihre Militärausgaben und Zahlungen an ausländische Gläubiger neu berechnen müssen", sagt Andrij Nowak. Auch Robert Kirchner sieht das ähnlich: "Wenn der Krieg aufhört, wird das Geld ausreichen." Wann das geschehe, könne man nicht voraussagen. Bisher scheint ein Dauerfrieden in der Ostukraine unwahrscheinlich. Viele Beobachter gehen von neuen Kämpfen zwischen prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee im Frühling aus.

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