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Europa

Kommentar: Offene Wunden in der Ukraine

Die Verbrechen auf dem Maidan sind noch immer ungesühnt. Die Ukrainer haben damals gegen ein korruptes Regime gewonnen, aber ihr Wunsch nach einem besseren Leben blieb bislang unerfüllt, meint Bernd Johann.

Vor einem Jahr besiegten die Ukrainer ein autokratisches und korruptes Regime. Sie wählten die Demokratie und wollen eine europäische Perspektive für ihr Land. Doch ihr Kampf um Würde und Selbstbestimmung hat jetzt einen neuen, viel mächtigeren Gegner: Russland. Aus Angst vor einer demokratischen Ukraine hat der Kreml einen Krieg in Europa angezettelt. Er will um jeden Preis verhindern, dass die Ukraine ein europäisches Land wird, das seinen Bürgern ein Leben in Demokratie, Wohlstand und vor allem Frieden ermöglichen kann.

Monatelang hatten vor einem Jahr Hunderttausende Menschen in der Ukraine gegen das autoritäre System von Viktor Janukowitsch demonstriert. Sie trotzten der eisigen Winterkälte und einer staatlichen Gewalt, die immer brutaler reagierte. Doch es kam zur Wende. Die Machthaber kapitulierten und flohen nach Russland, das die Proteste bis heute fälschlicherweise als Staatsstreich brandmarkt. Doch in Wahrheit brach das System auch von innen zusammen. Am Ende verweigerten sogar die Sicherheitskräfte Janukowitsch den Gehorsam. Feige ergriff der Autokrat die Flucht. Ein Putsch war es nicht. Erst als Janukowitsch schon längst weg war, erklärte ihn das Parlament für abgesetzt.

Trauer und Wut über Krieg und Gewalt

Moskau reagierte auf die Ereignisse in der Ukraine mit Aggression und Gewalt. Gegen die Regeln des Völkerrechts annektierte es die Krim und entfesselte danach den Krieg in der Ostukraine. Und Extremisten schüren die Verunsicherung durch blutige Anschläge in Charkiw und Odessa - Städte, die weit weg von der gegenwärtigen Front liegen. Nach Janukowitsch ist es nun Russland, das den Ukrainern das Recht auf Selbstbestimmung und damit auf Würde nehmen will. Vor diesem Hintergrund erinnerten die Ukrainer jetzt auf stolze Weise und unter großer internationaler Anteilnahme an die Proteste auf dem Maidan in Kiew vor einem Jahr. Dort wurde die Tür zur Freiheit aufgestoßen, aber es entstanden auch offene Wunden.

Bernd Johann - Leiter der ukrainischen Redaktion der DW

Bernd Johann - Leiter der ukrainischen Redaktion der DW

Groß ist die Trauer insbesondere um über 100 Menschen, die bei den Protesten auf dem Maidan in Kiew durch Scharfschützen getötet wurden. Doch in die Trauer mischt sich auch Wut. Und sich richtet sich vor allem gegen die eigene Regierung. Denn bis heute ist nicht geklärt, wer damals auf Demonstranten und Polizisten geschossen hat. Wer waren die Täter? Und wer gab ihnen die Befehle für das Blutbad auf dem Maidan? Noch immer warten die Angehörigen der Opfer auf Antworten. Die ukrainische Justiz hat bei der Aufklärung dieser Verbrechen bislang versagt. Die Wunden sind offen.

Der Kampf um die Würde ist nicht gewonnen

Groß ist aber auch inzwischen die Trauer um Tausende Menschen, die der Krieg in der Ostukraine gefordert hat. Über eine Million Menschen sind in der Ukraine zu Flüchtlingen geworden und leben dort jetzt in provisorischen Unterkünften. Ihre Heimat ist eine Zone der Verwüstung geworden. Die ukrainische Regierung und Präsident Petro Poroschenko stehen unter einem wachsenden Druck der Öffentlichkeit. Im Krieg gegen die von Moskau aus gesteuerten Separatisten reihte sich für die ukrainische Armee bislang Niederlage an Niederlage. Und niemand weiß, ob es wirklich wie jetzt vereinbart zu einer Waffenruhe und einem Rückzug der schweren Waffen kommt.

Von Poroschenko und seiner Regierung erwarten viele Ukrainer noch immer einen Sieg. Doch die traurige Wahrheit ist, Russland ist ein übermächtiger Gegner, den die Ukraine militärisch nicht besiegen kann. Die Stärke der Ukraine besteht darin, dass ihre Menschen auf dem Maidan gezeigt haben, dass sie sich selbst organisieren und gegen politische Lügen aufstehen können. Dieser Mut der Menschen ist es, der Russland Angst machen sollte. Denn die Zivilgesellschaft ist eine starke Kraft, die nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Russland eines Tages wirken wird.

In der Ukraine sind viele Forderungen des Maidan noch nicht umgesetzt. Neben Reformen in der Wirtschaft geht es dabei vor allem um die Schaffung einer unabhängigen Justiz und ein Ende der Korruption im Land. Noch immer ziehen in der Ukraine auch die Oligarchen an den Strippen von Politik und Wirtschaft. Gegen solche Missstände haben sich die Menschen auf dem Maidan eingesetzt. Ein Jahr nach dem Umbruch haben die Ukrainer ihren Kampf noch nicht gewonnen.