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Welt

Die Sorge vor dem Katastrophenwinter

Rund zwölf Millionen Menschen in Syrien und im Irak sind dringend auf Hilfe angewiesen. Nun verschärft sich die Krisenlage: Bis zum Wintereinbruch sind es nur noch wenige Wochen. Es droht eine humanitäre Katastrophe.

Die Vereinten Nationen sprechen bereits jetzt vom "größten humanitären Notfall unserer Zeit". In wenigen Wochen wird der Winter über die ohnehin schon von schweren Krisen gebeutelten Gebiete in Syrien und im Irak hereinbrechen. Wenn die Temperaturen unter den Nullpunkt sinken, wird das Leid der Menschen in der Region steigen. Vielerorts mangelt es am Allernötigsten. Viele Flüchtlinge leben im Freien oder in provisorischen Unterkünften. Es steht zu befürchten, dass viele den Winter nicht überleben.

Vor allem im vom Bürgerkrieg massiv zerstörten Syrien fehle es an geeigneten Unterkünften, an Winterkleidung und an Decken, sagt Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe. Nahrung und Trinkwasser seien häufig Mangelware. Eine Situation, die vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen sei, so Dieckmann. Schließlich herrschte in Syrien vor dem Bürgerkrieg eine solide Ernährungslage.

Syrische Kinder im Flüchtlingslager Arsal in der libanesischen Beeka-Region im Winter 2013 (Foto: AFP/Getty Images)

Libanon 2013: Im vergangenen Jahr bereitete der Winter in den Flüchtlingslagern der Nachbarländer große Probleme

Flüchtlingsstrom aus den umkämpften Gebieten hält an

Dies hat sich durch die Kriegsjahre drastisch geändert. Die UN-Hilfsorganisation OCHA geht davon aus, dass allein in Syrien mehr als sechs Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Viele Felder liegen brach, weil Millionen Menschen vor Regierungstruppen oder radikalislamischen Milizen wie dem "Islamischen Staat" (IS) in die Nachbarländer geflohen sind. Dort sind sie auf Versorgung von Außen angewiesen. Fast drei Millionen syrische Flüchtlinge meldet das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR aktuell. Die meisten von ihnen sind im Libanon, in der Türkei oder in Jordanien untergekommen. Allein aus der seit Wochen heftig umkämpften Grenzstadt Kobane an der syrisch-türkischen Grenze sollen seit September mehr als 170.000 Menschen in die Türkei geflohen sein.

Bedrohlich ist die Lage auch im Irak. Immer mehr Menschen flüchten vor den IS-Terrormilizen über die Grenze, vor allem nach Jordanien oder in die Türkei. Rund 1,8 Millionen Menschen wurden seit Januar aus ihren Heimatorten vertrieben. Zusätzlich halten sich nach Schätzungen des UNHCR fast 900.000 Binnenflüchtlinge in der Kurdenregion im Nordirak auf und suchen dort Schutz, die Bundesregierung rechnet sogar mit 1,2 Millionen. Die meisten von ihnen stammen aus den von IS-Kämpfern kontrollierten Gebieten in Ninevah, Salah Din und der Provinz Anbar.

Infografik Welthunger-Index 2014 Veränderung zu 1990 (Grafik: dw.de)

Die Ernährungslage im Irak hat sich seit 1990 drastisch verschlechtert

Die Ernährungslage im Land hat sich in den vergangenen Jahren ausweislich des

diesjährigen Welthungerindex

deutlich verschlechtert. Der Anteil unterernährter Menschen hat sich dort seit 1990 mehr als verdoppelt - entgegen dem globalen Trend: Seit 1990 ging die Zahl der chronisch Unterernährten um 39 Prozent zurück.

Bundesentwicklungsminister fordert mehr Hilfe von allen Seiten

Angesichts dessen zeichnet Bundesentwicklungsminister Gerd Müller ein düsteres Bild: "Wir haben vielleicht noch vier oder acht Wochen, bis der Winter kommt. Das World Food Programme ist nicht durchfinanziert. Es kann noch sechs Wochen Nahrung ausgegeben werden. Die Säuglingsrationen werden bereits gekürzt."

Müllers Ressort hatte im August zuletzt zusätzlich 20 Millionen Euro Soforthilfe für Flüchtlinge im Irak zur Verfügung gestellt. "Wir können ja und müssen helfen, dass diese Leute über den Winter kommen, überleben", sagte Müller dem Deutschlandfunk. Dabei sei allerdings nicht allein die Bundesregierung in der Pflicht. "Die EU hat Geld, es sind Töpfe vorhanden, die sind voll. Ich fordere deshalb eine 'Sondermilliarde', die sofort jetzt eingesetzt wird, um Winterquartiere zu bauen, um Not und Elend zu mildern."

Müller appellierte zudem an die Spendenbereitschaft der Bevölkerung: "Das ist auch eine menschliche Verpflichtung, eine christliche Verpflichtung. Wer reich ist, kann auch ein Prozent, würde ich mal sagen, - jeder von uns auch persönlich, nicht nur der Staat - abgeben, um diese Not, dieses Elend zu lindern."

Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, spricht am 13.10.2014 in Berlin während einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Welthunger-Index 2014. (Foto: Lukas Schulze/dpa)

Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe

"Jede Spende hilft, die humanitäre Situation für die Menschen dort sehr stark zu verbessern", sagt auch Bärbel Dieckmann. Angesichts der fragilen Sicherheitslage und der massiven Zerstörungen stehe der Wiederaufbau der Region dabei allerdings nicht im Fokus. "Wir können im Moment helfen, unterstützen und humanitäre Hilfe leisten." Illusionen dürfe man sich aber nicht hingeben, sagt Dieckmann: "Es geht um die Grundversorgung der Menschen." Langfristig könne nur eine politische Lösung die Lage der Menschen verbessern, betont sie. Doch diese ist auch im Jahr vier seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs nicht in Sicht. Und der Winter steht vor der Tür.

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