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Nahost

Christlicher Verzweiflungskampf gegen IS

Während die IS-Kämpfer ihren Vernichtungsfeldzug gegen Minderheiten im Irak fortsetzen, versucht eine Gruppe schlechtbewaffneter Christen in dem Dorf Alkosch, den Vormarsch des IS zu stoppen.

Mrayma Mansur wirkt nervös. Er führt die Nachtpatrouille assyrischer Christen in der Stadt Alkosch im Nordirak. Er hat einen Dolch in den Gürtel seines Kampfanzuges gesteckt, seine grünen Augen sind blutunterlaufen. Um ihn herum sitzen seine Männer, halten uralte Waffen in den Händen und trinken gezuckerten Tee. Das Wort Verrat macht die Runde. Als die kurdischen Peschmerga Anfang August vor dem Vormarsch der IS-Kämpfer auf christliche Städte zurückwichen, blieben Mrayma und seine Männer hier. Ob auch Alkosch angegriffen würde, wussten sie nicht. Die IS-Milizen standen nur wenige Kilometer südlich. Fast alle Einwohner der Stadt flohen; sie fürchteten das Schlimmste. "Wir hatten 70 oder 80 Männer, die zurückblieben und in den Bergen Wache hielten.

Von den Hügeln, auf denen Alkosch, eine assyrisch-christliche Stadt mit rund 6000 Einwohnern, gebaut ist, blickt man auf die Ninawa-Ebene. Zögernd kehren inzwischen Familien zurück, und Peschmerga-Kämpfer gehen wieder an die Front, nur 15 Kilometer entfernt. Ein einsamer Ladeninhaber bewacht sein Geschäft im mit Brettern vernagelten Basar. Das nachmittägliche Läuten der Kirchenglocken und vereinzelte Fahrzeuge unterbrechen von Zeit zu Zeit die Stille. Das Rabban-Hormisd-Kloster aus dem 7. Jahrhundert, gebaut in den Felshang über der Stadt, ist wegen der Sicherheitslage geschlossen.

Rückzug der Peschmerga

Krämer in seinem Laden Foto: Jodi Hilton 2014

Selbst bescheidene Geschäfte sind im bedrohten Alkosch kaum noch zu machen.

In der Stadt herrscht immer noch Unsicherheit. Zwischen Alkosch und der Front kurz vor der Stadt Tel Iskof halten die Peschmerga einige Kontrollposten besetzt. Mrayma hat die Peschmerga von seinem Ausguck aus zurückweichen sehen. "Ich habe Autos und Panzer beobachtet, wie sie von Tel Iskof weg nach Dohuk fuhren", sagt er. "Wir haben unseren Familien gesagt, dass es für sie nicht mehr sicher ist." Jetzt sind die christlichen Kämpfer mit ihren Tarnanzügen und verrosteten Fahrzeugen entschlossen, ihre geliebte Stadt zu schützen. Doch sie wissen, dass sie gegen den IS keine Chance haben. "Wenn die Peschmerga uns verlassen, werden die IS-Leute uns töten", sagt Mrayma.

Hemin Hawrami von der Kurdisch-Demokraten Partei sagt, der IS sei besser bewaffnet als die Peschmerga. Die Assyrisch-Demokratische Bewegung hat etwa hundert Kämpfer, dazu kommen rund 2000 kampfbereite Freiwillige und Männer, die mit verschiedenen christlichen Parteien verbunden sind. Die Waffen werden privat gekauft oder kommen über die Assyrisch-Demokratische Bewegung und ihre Unterstützer, sagen deren Anführer. Sie rechnen jeden Augenblick mit einem Angriff.

Ein Dorf gegen IS

Wadhah Sabih, Diakon der örtlichen St-Georgs-Kirche, flüstert, während im Gotteshaus altsyrische Gebete rezitiert werden: "Wir haben im Laufe der Jahrhunderte Alkosch gegen viele Feinde verteidigt. Doch jetzt können wir uns nicht verteidigen. Wenn schon die Armee nicht gegen den IS ankommt, wie soll es ein einzelnes Dorf können? Der IS hat sich dem Teufel verschrieben." Die Christen sind wütend, dass sie aus ihrer alten Heimat vertrieben werden. Der 10. August war der erste Sonntag seit Jahrhunderten, dass die Glocken von St. Georg nicht läuteten, so Wadhah gegenüber der Deutschen Welle. Vor 2003 lebten schätzungsweise 1,5 Millionen Christen im Irak, heute sind es etwa 400.000, und viele von ihnen wollen das Land verlassen.

Um die Niwana-Ebene im Schnittpunkt zwischen dem kurdischen und dem arabischen Irak wurde schon viel gekämpft. Aber als der "Islamische Staat" die Oberhand gewann, sagen die Vertreter ethnischer und religiöser Minderheiten, hätten sie wirklich Angst bekommen. Nach Massakern und der weitgehenden Vertreibung der Jesiden, wurde um Sindschar eine neue jesidische Verteidigungstruppe zusammengestellt. "In Sindschar vertrauen die Jesiden keinen Fremden, wenn es um ihre Verteidigung geht", sagt Jakub Jago von der Assyrisch-Demokratischen Bewegung, "sie wollen sich selbst verteidigen. Wir wollen den Irak nicht aufteilen. Wir wollen in unseren Gebieten nur selbst bestimmen."

Das Schicksal selbst in die Hand nehmen

Wachtposten Foto: Jodi Hilton 2014

Wachtposten suchen die Umgebung nach IS-Kämpfern ab.

Der gesamte Nordirak ist verwüstet. Diejenigen, die bleiben, vertrauen ihren Schutz niemandem an, den sie nicht persönlich kennen. Christliche Politiker sagen, andere Minderheiten in der Niwana-Ebene sollten sich ebenfalls selbst verteidigen können, darunter die Jesiden. Doch es ist unwahrscheinlich, dass die verschiedenen Gruppen die IS-Kämpfer besiegen können. Sie brauchen Unterstützung. Sie haben Bagdad und die Regionalhauptstadt Erbil um Waffen, Ausbildung und taktische Koordinierung gebeten. Sie haben auch um Schutz aus dem Ausland in Form einer Schutzzone nachgesucht. Mrayma gibt die Meinung vieler seiner christlichen Landsleute wider, wenn er sagt, wenn sein Volk keine internationale Unterstützung bekomme, "dann werde ich meinen Pass nehmen und mit meiner Familie in ein anderes Land gehen, denn dann wird es hier nicht mehr sicher sein".

Bei Einbruch der Dämmerung stellen die assyrischen Kämpfer am Rand der Stadt nach wie vor die Verteidigung zusammen. In der Stadt läuten wieder die Glocken. Ein Kind wird heute getauft. Die Menschen hier haben das Vertrauen in ihre Beschützer verloren. Aber sie wissen noch immer nicht, auf wen in diesem Konflikt sie sich verlassen können.

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