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Fokus Osteuropa

Die seltsame Beziehung der Russen zur EU

Die im Dezember 2010 in Russland erhobene repräsentative Umfrage DW-Trend hat eine bemerkenswerte Sichtweise der Russen auf die Europäische Union offenbart, meint Ingo Mannteufel.

Themenbild Kommentar (Grafik: DW)

Die Ergebnisse des DW-Trends sind aufsehenerregend, wenn nicht gar eine kleine Sensation: Denn wie die repräsentative Umfrage im Auftrag der Deutschen Welle zeigt, plädieren immer mehr Russen für einen Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union. Dieses Stimmungsbild ist schon deshalb verwunderlich, weil Russland weder ein offizieller Beitrittskandidat ist noch ein EU-Beitritt auf der politischen Agenda in Brüssel oder Moskau steht. In der russischen Politik wird dieses Thema gar nicht näher diskutiert.

Sensationelle Ergebnisse

Portrait von Ingo Mannteufel (Foto: DW)

Ingo Mannteufel, Leiter der Russischen Redaktion

Doch wie das Markt- und Meinungsforschungsinstitut IFAK für den DW-Trend im Dezember 2010 in Russland festgestellt hat, sprechen sich fast die Hälfte aller Russen für einen EU-Beitritt Russlands in den nächsten zehn Jahren aus. Als explizite Beitrittsgegner sehen sich sogar nur 18 Prozent der Bevölkerung. In der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen wünschen sich bereits 33 Prozent einen schnellen EU-Beitritt binnen ein bis zwei Jahren. Wie sind diese Zahlen zu deuten und was steckt dahinter?

Überzeugte Europäer, die Russland als Teil der europäischen Kultur und Wertegemeinschaft sehen, könnten aufgrund der überwältigenden Zahlen jubeln. Nach dieser Lesart findet auch das russische Volk 20 Jahre nach Ende des kommunistischen Sonderweges seinen Weg "zurück nach Europa". Doch so sehr diese Interpretation zu wünschen wäre, so sehr zeigen die weiteren Ergebnisse des DW-Trends ein komplexeres Bild.

Teilwahrnehmung der EU

Denn wie der DW-Trend feststellt, sehen die Russen in der Europäischen Union in erster Linie eine Wirtschaftsunion. Denn rund die Hälfte der Russen betrachtet wirtschaftliches Wachstum als ein wesentliches Ziel der EU. Fast ein Drittel verbindet mit der EU noch die Entwicklung einer gemeinsamen Sicherheitsstrategie. Dagegen verbinden nur 14 Prozent der Befragten die Europäische Union mit freiheitlichen Werten, Demokratie und einer gemeinsamen europäischen Identität.

Natürlich ist die EU auch eine Wirtschaftsunion. Der Kern ist aber das Bekenntnis zu einem freien, rechtsstaatlichen und demokratischen Europa. Auch wenn es im Alltag nicht immer so leicht zu erkennen ist, so ist doch die wirtschaftliche Verflechtung kein Selbstzweck. Es ist ein Mittel um "Frieden und Freiheit zu wahren und zu festigen", wie es zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft heißt. Die Europäische Union von heute ist vor allem eine politische Union, an die die Nationalstaaten umfangreiche Souveränitätsrechte abgegeben haben.

Die Ergebnisse des DW-Trends sind also in zweifacher Hinsicht zu verstehen: Erstens, die Russen wünschen sich eine engere wirtschaftlichere Anbindung an Europa. Das ist gut. Aber die Umfrage offenbart, zweitens, eine große Unkenntnis der russischen Bevölkerung über die Europäische Union, ihre Werte, Grundlagen und Funktionsweise. Das ist schlecht – denn Missverständnisse zwischen Europäern und Russen sind vorprogrammiert.

Pro-europäische Stimmung nutzen

Dass die Europäische Union in Russland aber verzerrt wahrgenommen wird, ist auch ein Problem der EU. Scheinbar gelingt es ihr nicht, ausreichend über sich und ihre ideellen Grundlagen zu informieren. Daher ist die EU nun aufgefordert, intensiv ihre Außen-Kommunikation in Russland zu überarbeiten und eine umfangreichere Aufklärungskampagne zu betreiben. Die grundsätzlich pro-europäische Stimmung in Russland bietet zumindest gegenwärtig ein optimales Umfeld dafür.

Autor: Ingo Mannteufel
Redaktion: Markian Ostaptschuk

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