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Kultur

Die schwierige Suche nach NS-Raubkunst

Der Bilderfund in München ist eine Sensation. Er zeigt aber auch, wie kompliziert die Suche nach der Herkunft von Kunstwerken ist, die während der NS-Zeit verschwanden. Vor dem Problem stehen auch deutsche Museen.

Jasmin Hartmann blättert in einem vergilbten Buch mit kleinen Skizzen und handschriftlichen Notizen. In Zeile 1937-9 wird sie fündig. Sie entdeckt einen wichtigen Hinweis auf die Geschichte der Grafik, die sie erforscht.

Die Kunsthistorikerin arbeitet seit einem Monat im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Ihr Auftrag ist es, die Herkunft von 2500 Grafiken zu überprüfen. Sie soll herausfinden, ob die Zeichnungen, Aquarelle und Radierungen rechtmäßig in den Besitz des Museums kamen – oder ob Werke darunter sind, die als Raubkunst gelten.

Schwierige Puzzlearbeit

Vergilbtes Buch Foto DW/Elisabeth Yorck von Wartenburg

Das Inventarbuch gibt Aufschluss über die Herkunft der Bilder

Hartmanns Arbeit nennt sich im Fachjargon Provenienzforschung. "Das ist wie das Puzzeln mit Hinweisen", beschreibt sie ihre Arbeit. "Ich recherchiere von innen nach außen. Zuerst schaue ich mir das Kunstwerk selbst an. Dann suche ich nach Akten hier im Haus und in Archiven." Auch das vergilbte Buch stammt aus dem Hausbestand: eine Inventarliste, in der Kunstwerke verzeichnet sind, die das Museum zwischen 1933 und 1937 erworben hat.

Derzeit sucht Hartmann nach der Grafik "Die Genien auf der Lichtlilie" von Philipp Otto Runge, einem der bedeutendsten Künstler der deutschen Frühromantik. Der Hinweis in der Inventarliste belegt, dass das Bild im Jahr 1937 vom Wallraf-Richartz-Museum im Leipziger Auktionshaus Boerner ersteigert wurde. "Das ist für mich ein Verdachtsmoment, dem ich nachgehe", erklärt Hartmann. Denn der Ankauf der Grafik fällt in eine Zeit, in der die Nationalsozialisten jüdischen Familien oder politischen Gegnern zahlreiche Kunstwerke raubten. Über Auktionshäuser oder Kunsthändler wie Hildebrand Gurlitt, dessen Sammlung jetzt in München in der Wohnung seines Sohnes gefunden wurde, kamen einige dieser Gemälde auch in den Besitz von deutschen Museen.

Gurlitt verkaufte auch an das Wallraf-Richartz-Museum

Frau steht neben einer Staffelei mit einer großen Grafik. Foto DW/Elisabeth Yorck von Wartenburg

Hartmann zeigt ihren aktuellen Fall "Lichtlilie"

In Köln ist Gurlitt kein Unbekannter. Der Kunsthändler verkaufte an das Wallraf-Richartz Museum während des Zweiten Weltkriegs das Ölgemälde "Landschaft mit zerborstener Brücke" des niederländischen Malers Meindert Hobbema. Es stammte aus jüdischem Privatbesitz und war 1941 für einen viel zu niedrigen Preis in Paris zwangsversteigert worden. Den Zuschlag bei der Auktion erhielt damals Hildebrand Gurlitt, der das Bild kurz darauf an das Kölner Museum weiter verkaufte. Es wurde inzwischen an die Erben des rechtmäßigen Besitzers zurückgegeben.

Zwielichtige Gemälde unter der Lupe

Kurz nach dem Krieg gaben viele öffentliche Häuser unrechtmäßig erworbene Bilder zurück. Es handelte sich dabei um Fälle, deren Geschichte sich schnell aufklären ließ. Zahllose Kunstwerke mit ungeklärter Provenienz befinden sich jedoch auch heute noch in den Sammlungen. Erst 1998 verpflichteten sich 44 Länder in der Washingtoner Erklärung, die Herkunft ihrer Bestände genauer zu erforschen und Werke, die unter dubiosen Umständen in ihr Haus kamen, an die Erben der Opfer des NS-Regimes zurückzugeben. Das Wallraf-Richartz-Museum startete im Jahr 2000 als eines der ersten öffentlichen Häuser ein dreijähriges Projekt, bei dem 280 Gemälde untersucht wurden. Im Laufe dieser Zeit gab das Museum neben "Landschaft mit zerborstener Brücke" noch ein weiteres Gemälde an die rechtmäßigen Erben zurück.

Provenienzforschung erhält zwei Millionen Euro Fördermittel pro Jahr

Stempel auf der Rückseite der Grafik Foto DW/Elisabeth Yorck von Wartenburg

Sammlerstempel auf der Rückseite der Grafik von Philipp Otto Runge

Unterstützung erhält Hartmann von der Kunsthistorikerin Britta Olényi von Husen, die im Auftrag der Stadt Köln die Nachforschungen koordiniert. "Die grafische Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums ist sehr umfangreich. Wir haben deshalb einen Antrag an die Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin gestellt, um gezielt Werke zu untersuchen", sagt Olényi von Husen. Wenn Museen wie das Wallraf-Richartz-Museum die Bestände ihrer Sammlung aufarbeiten wollen, ist die Berliner Arbeitstelle für Provenienzforschung der erste Anlaufpunkt. Denn sie erhält vom Bundesministerium für Kultur und Medien jährlich zwei Millionen Euro Fördermittel, die sie auf die Museen mit ihren Projekten verteilt.

Frau steht neben einer Staffelei mit einer großen Grafik. Foto DW/Elisabeth Yorck von Wartenburg

Die Kunsthistorikerin Britta Olényi von Husen

"Seit dem Washingtoner Abkommen erhielt die Provenienzforschung zwar eine viel höhere Bedeutung als vorher. Aber es gibt noch immer sehr wenige feste Stellen", so Olényi von Husen. Köln sei in der glücklichen Lage, dass es seit 2007 auch eine feste Stelle im Kulturreferat gibt, die die Provenienzforschung von acht Kölner Museen betreut. Um diese sehr umfangreiche und zeitintensive Aufgabe wirklich zeitnah zu erledigen, reiche das Personal allerdings nicht aus. "Es gibt zu viele Anfragen für zu wenig Wissenschaftler", gibt Olényi von Husen zu bedenken.

Fall "Lichtlilie" gelöst

Hartmann ist bereits mit der nächsten Grafik beschäftigt. Denn den Fall der "Genien auf der Lichtlilie" konnte sie aufdecken. Ihre weiteren Recherchen ergaben, dass der Sohn von Philipp Otto Runge das Bild dem Hamburger Künstlerverein vermachte, in dessen Archiv es bis zur Versteigerung lagerte. Die Grafik ist also kein NS-Raubgut.

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