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Kultur

Die Russen sind schon da

Offiziell leben nur wenige Russen in Deutschland. Doch als sprachliche Minderheit haben russischsprachige Einwanderer alle anderen Zuwanderergruppen zahlenmäßig längst überholt.

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In Berlin gibt es eine eigene russische Zeitung: "Russkij Berlin"

Schon einmal gab es eine große Wanderungswelle von Russland nach Deutschland. Nach der Oktober-Revolution von 1917 flohen vor allem Aristokraten, Offiziere und wohlhabende Bürgerliche nach Westen. 1923 hielten sich allein in Berlin ungefähr 350.000 russische Flüchtlinge auf, im ganzen damaligen Deutschen Reich waren es über 600.000. Für die meisten war das nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Frankreich, England und vor allem in die USA. Denn in Deutschland mussten sich die ehemaligen Militärs, Hochschullehrer oder Politiker ihr Geld als Taxifahrer, Portiers, Sekretärinnen, Übersetzer oder Kellner verdienen. Nicht wenige lebten in der ersten Zeit auch vom Verkauf mitgebrachter Wertgegenstände. Über den so genannten "Ball der russischen Chauffeure" schrieb ein zeitgenössischer Autor: "Hier findet man fast durchweg Herren mit sehr guten Manieren, die ihren Frack oder Smoking zu tragen verstehen und tadellos Französisch und Englisch sprechen."

Tiefkühlkost statt Rock-Oper

So manche unverhoffte Wendungen eines Emigrantenlebens ähneln sich über die Generationen hinweg. Ein Beispiel aus Mecklenburg-Vorpommern: Der ukrainische Jude Juri Levitin war einst Maschinenbauingenieur, Boris Flax war Regisseur und Solostar einer Rock-Oper in Sankt Petersburg. Beide zusammen betreiben heute in Rostock eine Fabrik für Tiefkühlkost. Genauer gesagt eine für original russische Pelmeni. Das ist die russische Version der Ravioli oder Maultaschen, gefüllt mit Hackfleisch oder Quark und Rosinen. Flax nahm vor sieben Jahren alte Kochbücher aus seiner russischen Heimat mit nach Westen, und das Geschäft mit dem Essen läuft mitlerweile so gut, dass er seine Schwierigkeiten mit dem Erwerb der deutschen Sprache schlicht auf Zeitmangel schieben kann. Acht Mitarbeiter beschäftigt die kleine Manufaktur, mittlerweile beläuft sich der Umsatz auf eine Million Euro im Jahr.

Rückkehr nach 240 Jahren

Deutschstämmige Aussiedler aus Russland in Salzwedel im Betsaal

Salzwedel (Sachsen-Anhalt): Mennoniten der Gemeinde Salzwedel in Sachsen-Anhalt sind am 13.06.2001 zum Gottesdienst im Betsaal versammelt, unter ihnen Anna Derksen mit Enkelkind Anton (r). Vorwiegend ältere Frauen nehmen an den Gottesdiensten teil. Rund 1000 Mennoniten gibt es in Salzwedel. 1992 kamen die ersten 200 dieser strenggläubigen und besonders wegen ihres Fleißes geachteten deutschstämmigen Aussiedler aus Russland in die Altmark. "Nach fast zehn Jahren sind sie immer noch Fremde im eigenen Land", sagt Pastor Abram Derksen.

Eine Sonderrolle innerhalb der anwachsenden russischsprachigen Minderheit in Deutschland spielen die so genannten Aussiedler. Sie gelten staatsbürgerrechtlich als Deutsche. Die Nachkommen der vor 240 Jahren von Zarin Katharina der Großen massenhaft im Wolga-Gebiet angesiedelten Deutschen strömen seit den 80er Jahren zurück in das Land ihrer Vorfahren. Allein nach dem Ende der Sowjetunion 1990 waren es fast 2,5 Millionen so genannte "Spätaussiedler". Selbst nach Generationen galten viele von ihnen in Russland noch als "Deutsche", pochten auch auf ihre kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit. Doch seit der Zwangsanpassung während der Stalin-Zeit ging diese verloren. Die meisten der heute als Spätaussiedler oder als deren Familienangehörige nach Deutschland zuziehenden ehemaligen Sowjetbürger sprechen kein Wort Deutsch mehr.

Aussiedeln oder Einwandern?

Der Osnabrücker Migrationsforscher Professor Klaus Bade beschrieb die Situation in einem Presseinterview so: "Heutzutage kommen die Aussiedler aus der früheren Sowjetunion zwar nicht rechtlich, aber kulturell, mental und sozial in eine echte Einwanderungssituation."

Offiziell verzeichnet das statistische Bundesamt in Deutschland nur 297.106 Bürger aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, davon 116.003 aus der russischen Föderation. Nähme man die Muttersprache als statistisches Kriterium, dann hätten sie zusammen mit den so genannten Spätaussiedlern die türkischen Muttersprachler als größte im Lande lebende Minderheit mit knapp unter zwei Millionen längst und in kürzester Zeit zahlenmäßig weit überholt. (mib)

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