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Fokus Südosteuropa

Die rumänische Bettelmafia von Köln

In der Vorweihnachtszeit begegnen sie einem wieder vermehrt in deutschen Innenstädten: Kinder, alte Frauen, Männer mit Gehstock, die um Geld bitten. Viele stammen aus Rumänien – und sind Teil eines kriminellen Systems.

Bettler auf der Strasse (AP Photo/Martin Meissner, File)

Die Domplatte in Köln. Menschenmassen ziehen an der ehrwürdigen gotischen Kathedrale vorbei und stolpern regelrecht über eine ganze Reihe von "Statuen", Maskierte in einem Kostüm, die reglos auf ein zugeworfenes Geldstück warten. Für jedes klingende Münzgeräusch bedanken sie sich artig auf Deutsch. Untereinander sprechen sie in der "Arbeitspause" Rumänisch. Die "lebendigen Standbilder" gehören – nicht nur in Köln – zum Straßenbild in den deutschen Innenstädten.

Seit Sommer 2010 sehen sich die Behörden in Deutschland wieder mit einem Phänomen konfrontiert, das sie noch aus den 1990er Jahren kennen – und das für viele Jahre der Geschichte angehörte: Bettelbanden und Kriminelle aus Südosteuropa sind bundesweit wieder aktiv. Ein Schwerpunkt ist Köln. Vor allem mit rumänischen Staatsbürgern hat die Polizei hier zu tun, sagt ihr Sprecher Christoph Gilles. Die stummen "Statuen" sind nur ein kleiner Teil der kriminellen Szene.

Deutsche und rumänische Polizisten auf Streife

Die alte Frau bettelt am Rheinufer (Foto: E.T., Bild Köln)

Die alte Frau bettelt am Rheinufer - für die Chefs in Rumänien

Im Herbst 2011 hat Gilles zwei rumänische Polizisten begleitet, die zusammen mit ihren deutschen Kollegen in der Kölner Innenstadt eingesetzt wurden. Das Ergebnis dieser Aktion könne sich sehen lassen, sagt Gilles, mehrere Verbrechen, die von rumänischen Staatsbürgern begangen worden waren, wurden aufgedeckt: "Wir hatten hier unter anderem eine überörtliche Einbrecherbande, die nachts einen Raubüberfall auf ein Kölner Seniorenpaar in deren Wohnung verübt hat." Die Täter wurden beim Einbruch von den Senioren erwischt und schlugen die dann brutal nieder, fesselten und raubten sie aus. Die Polizei konnte die Verbrecher ermitteln und ihnen 18 weitere Taten nachweisen. Sie hatten einen Schaden von ca. 100.000 Euro angerichtet, vier Personen mussten ins Gefängnis.

Eine weitere, siebenköpfige Bande aus Rumänien wurde ebenfalls verhaftet. Sie hatten mit insgesamt 32 Metall-Diebstählen einen Gesamtschaden von mehr als 600.000 Euro angerichtet. Zwei weitere Personen sitzen zurzeit in Untersuchungshaft, die zwischen November 2010 und April 2011 über 100 Geldautomaten in der Kölner Innenstadt geplündert haben sollen.

Die Informationen über die Präsenz rumänischer Polizisten in der Domstadt hatte eine durchaus abschreckende Wirkung: Laut Kölner Polizei ist die Anzahl der von rumänischen Staatsbürgern begangenen Straftaten zurückgegangen. Die Zusammenarbeit mit den zuständigen rumänischen Behörden – vor allem mit dem Konsulat Rumäniens in Bonn – sei sehr gut, sagt Gilles. Die bisherigen Straftaten will der Polizeisprecher nicht als "organisierte Kriminalität" bezeichnen. Hingegen erwähnt er die "organisierten Aktionen" ganzer Bettelbanden – doch dafür sei das Ordnungsamt der Stadt zuständig.

Bettelbanden kontrollieren die Innenstadt

Rosenverkäufer (Foto: E.T., Bild Köln)

Der Falsche Rosenverkäufer

Tatsache ist, dass sich in letzter Zeit viele Kölner Bürger über die Aggressivität der unzähligen Bettler in der Innenstadt beschwert haben. Jüngst strahlte der öffentlich-rechtliche Fernsehsender WDR eine Reportage aus, in der ein Bettler mit sichtbarer Gehbehinderung an einem Bein plötzlich seine Krücke in die andere Hand nimmt und mit dem "gesunden" Bein zu hinken beginnt.

Auch Robert Kilp, Leiter des Kölner Ordnungsamts, spricht von einem Problem mit aggressiven Bettlern aus Osteuropa. Vor allem Organisationen aus Rumänien und Bulgarien würden die Bettelbanden kontrollieren. Die Chefs hätten elegante Autos und würden die Bettler in improvisierten Wohnungen unterbringen: "Wir haben festgestellt, dass bis zu 20 Personen in einer Wohnung im Kellerraum oder im Dachgeschoss leben. Es ist dann aber in der Regel auch festzustellen, dass diese Personen entweder betteln, aber auch teilweise strafbare Handlungen begehen."

Bei einem Rundgang durch die Kölner Innenstadt sieht man sie sofort. Sie haben die lokalen Obdachlosen offensichtlich vertrieben und besetzen die "besten" Plätze: vor den Kaufhäusern, an belebten Straßenecken, vor Cafes. "Auf der Domplatte darf keiner betteln, der nicht seinen Obolus an die rumänische Mafia entrichtet hat", erzählt ein Kölner. Er stammt aus Rumänien, wohnt seit 20 Jahren in der Domstadt und hat öfter mit einigen der "lebendigen Statuen" in seiner Muttersprache geplaudert. In Deutschland ist "stilles Betteln" weder strafbar noch stellt es eine Ordnungswidrigkeit dar. Doch dieses aggressive Betteln sei für viele Menschen zum öffentlichen Ärgernis geworden, sagt der Wahlkölner und erzählt: "Wenn sie keinen Erfolg mit dem Betteln haben, bekommen sie oft Hinweise von Landsleuten, die unauffällig am Straßenrand stehen... 'Guck mal nach seiner Brieftasche', hört man leise Zurufe."

Schneller Geldtransfer

Weihnachtsmarkt in Köln (Foto: DW/Majed Abusalama, Köln)

Weihnachtsmarkt in Köln

Viel Geld bleibt den Bettlern nicht übrig, berichtet der Leiter des Kölner Ordnungsamts: "Die Menschen profitieren in der Regel nicht davon, dass sie das Geld erbetteln, sondern müssen es weitergeben. Das geht dann sehr schnell über Banken in Bahnhofsnähe nach Bukarest oder Sofia", sagt Robert Kilp. Die Polizei habe feststellen können, dass innerhalb von einer halben Stunde nach dem Geldtransfer die Summen in Rumänien oder Bulgarien durch sogenannte "Clan-Chefs" abgehoben würden.

Köln, in der Einkaufsstraße Schildergasse. Aus mehreren Ecken ertönen bekannte Weihnachtslieder - gespielt auf Akkordeon, Klarinette und fremd klingenden Streichinstrumenten. Auf der Domplatte zittern Statuen in der kalten Zugluft und hoffen, dass in dieser besinnlichen Adventszeit viele Menschen nicht nur ihr Herz, sondern auch ihren Geldbeutel öffnen.

Autor: Cristian Stefanescu

Redaktion: Robert Schwartz