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Wirtschaft

Die Rückkehr der "Ölwaffe"

Am Ölmarkt tobt ein Preiskampf. Das Barrel kostet weniger als 50 US-Dollar. Doch trotz Überproduktion weitet vor allem Saudi-Arabien die Produktion aus. Allein wirtschaftlich ist das nicht mehr zu erklären.

Die Verbraucher in Europa reiben sich verwundert die Augen: Während der Hauptreisezeit im Sommer steigen für gewöhnlich die Spritpreise an den Tankstellen. In diesem Jahr aber können sich die Autofahrer über ein dauerhaft niedriges Preisniveau an den Zapfsäulen freuen. Der Grund: Um Rohöl, den strategischen Rohstoff Nummer eins moderner Industriegesellschaften, tobt ein Krieg - ein Preiskrieg.

Weltweit laufen die Pumpen auf den Ölfeldern, als gäbe es kein Morgen. Die Folge: Ein Überangebot auf den Märkten. Der Brancheninformationsdienst OPIS bezifferte das im Juli auf 350.000 Barrel pro Tag. Dennoch fahren einige Ölförderländer die Produktion weiter hoch - speziell Saudi-Arabien: Das Ölscheichtum steigerte seine Ölförderung im Juni um satte 50.000 Barrel pro Tag.

Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Mayer spricht im DW-Interview deshalb vom Einsatz der "Ölwaffe" - diesmal nicht gegen die Verbraucher im Westen, sondern gegen lästige Konkurrenz und politisch missliebige Nachbarn. "Das erste Ziel ist es, die Konkurrenz aus den dem Fracking-Bereich niedrig zu halten, speziell aus den USA ", führt der frühere Chefsvolkswirt der Deutschen Bank aus. "Das andere Ziel ist, zu verhindern, dass der Iran auf dem Ölmarkt wieder zu einer starken Kraft wird."

Eine Tafel mit Treibstoffpreisen steht am 22.11.2014 in Dortmund (Foto: Ina Fassbender/dpa)

Fallende Preise freuen Verbraucher - und bereiten Produzenten Sorgen

Irans Rückkehr auf den Ölmarkt

Vier Jahre lang war der Iran mit der Verschärfung der Sanktionen 2012 vom internationalen Ölmarkt weitgehend abgekoppelt. Die Produktion war deutlich gesunken, der Export um die Hälfte zurückgegangen. Das Atomabkommen hat das geändert. Mit Beginn des Jahres sind die Ölsanktionen weggefallen. Drei Ziele verfolge der Iran seit dem Abkommen mit Hochdruck, erklärt Azadeh Zamirirad von der Stiftung Wissenschaft Politik in Berlin gegenüber der DW: "Erstens, die Ölproduktion wieder auf das Niveau der Vorsanktionszeit von 2011 anzuheben. Zweitens, verlorene Marktanteile so schnell wie möglich zurückzugewinnen und drittens, ausländische Direktinvestitionen für die marode Infrastruktur im Energiesektor zu gewinnen."

Der niedrige Ölpreis erschwert das Erreichen dieser Ziele. Dazu kommt: Gegenüber Saudi-Arabien hat der Iran fast doppelt so hohe Förderkosten: In Saudi-Arabien kostet es 14 US-Dollar, ein Barrel aus der Erde zu holen, im Iran schon 30 US-Dollar. In Russland liegt der Preis schon bei über 50 US-Dollar. "Aus iranischer Sicht will Saudi-Arabien nach dem Atomabkommen mit allen Mitteln einen politisch und wirtschaftlich erstarkenden Iran verhindern", sagt die Berliner Iran-Expertin Zamirirad. "Teheran hat Riad daher immer wieder vorgeworfen, den Ölpreis ganz bewusst zu drücken."

Das neue Ölterminal in Neka in der nordiranischen Provinz Mazandaran

Nach vier Jahren Pause kehrt Iran auf den Ölmarkt zurück

Saudi-Arabien erhöht den Spritpreis

Dabei leidet Saudi-Arabien selbst unter dem niedrigen Ölpreis. Das Land ist noch stärker vom Ölexport abhängig als die "Widerstandsökonomie" der wirtschaftlich deutlich breiter aufgestellten Iraner. Entsprechend begann das neue Jahr für die Saudis ausgesprochen ungewohnt: mit einer kräftigen Erhöhung des Benzinpreises. Auch die Preise für Diesel und Kerosin wurden angehoben, ebenso für Gas, Strom und Wasser.

Sebastian Sons von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, DGAP, hält Riads Ölpreispolitik für eine gefährliche Strategie. Denn die knappe Haushaltslage trifft in Saudi-Arabien auf jahrzehntealte sozio-kulturelle Probleme. Nahost Experte Sons zählt sie auf: hohe Jugendarbeitslosigkeit, mangelnde Orientierung, starke Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften, großer Staatssektor.

Auch für die anderen Produzenten sei die von Saudi-Arabien mitverursachte Ölschwemme problematisch, erklärt Sons. Doch die könnten gegen den großen Einfluss Saudi-Arabien in der OPEC nicht ankommen. "Nichts von dem, was versucht wurde, wird von den Saudis angenommen. Dementsprechend haben die Saudis quasi die alleinige Entscheidungsgewalt innerhalb der OPEC, gegen die sich die anderen Staaten nicht durchsetzen können", so DGAP Experte Sons.

Game-Changer Fracking

Der Preiskrieg begann bei einer Ministersitzung der Opec im November 2014. Damals ging es um die Frage, wie auf die Zunahme der Ölproduktion durch Amerikas Fracker und die Rückkehr Iraks auf den Ölmarkt reagiert werden sollte. Die unter Umweltschützern kritisierte Fracking-Technologie hat innerhalb weniger Jahre aus den USA den drittgrößten Ölproduzenten der Welt gemacht, nur knapp hinter Saudi-Arabien und Russland. Zwischen 2010 und 2015 konnten die USA ihre Ölproduktion fast verdoppeln.

So sieht Leon Leschus denn auch die stark gestiegene Produktion in den USA als zentralen Faktor für den Preisverfall zwischen Mitte 2014 und Anfang 2016. Der Ölexperte des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts erinnert daran, dass die Preise in dieser Zeit von über 100 US-Dollar pro Barrel auf unter 30 US-Dollar abgestürzt sind. Schon damals habe Saudi-Arabien seine Produktion nicht heruntergefahren, um die US-Produzenten unter Druck zu setzen. Denn Fracking ist teurer als das Ölpumpen im Wüstensand.

Fracking Anlage in Pennsylvania (Foto: Spencer Platt/Getty Images)

Die Fracking-Revolution in den USA brachte die Preise ins Rutschen

Scheitern in Doha

Der vorerst letzte Versuch, den Ölpreis zu stabilisieren, scheiterte Mitte April in der katarischen Hauptstadt Doha. Vertreter von 18 ölproduzierenden Staaten waren zusammengekommen - inklusive des Nicht-OPEC Mitglieds Russland. Eigentlich sollte dort nur noch verabschiedet werden, was seit Februar verhandelt worden war: Das Einfrieren der Ölproduktion auf dem Stand von Januar 2016.

Nicht dabei: Die ebenfalls eingeladenen Iraner. Die lehnten ein Einfrieren ihrer Fördermenge ab, solange sie noch nicht das Vorsanktionsniveau von 2011 erreicht hätten. Die meisten anderen Staaten trugen das mit.

Nicht aber Riad. Zum Ärger und zur Enttäuschung der versammelten Ölminister ließ Saudi-Arabien das Abkommen platzen. In der Analyse von DGAP Nahost-Experte Sons: "Man sieht hier die Ölwaffe nicht nur im Sinne von: Wir wollen unsere Marktanteile behaupten. Man sieht sie auch im Sinne von: Wir versuchen unseren Erzfeind und Rivalen Nummer eins in die Schranken zu weisen - den Iran."

Thomas Mayer erwartet für die nähere Zukunft kein Ende des Preiskriegs. Denn, so der Volkswirtschaftler: "Das Angebot wird nicht verknappt. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage relativ schwach, weil die Weltwirtschaft nicht mehr hergibt." Solange diese Großwetterlage besteht, wird der Ölpreis vermutlich niedrig bleiben - zur Freude der Verbraucher.

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