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Deutschland

Die Menschwerdung des Autors

In Deutschland gibt es so viel Literatur live zu hören wie nie zuvor. Jede Stadt hat ihr Lesefest. Den Besuchern geht es um das große Geheimnis hinter dem Werk.

Nächtliche Glasfasade des Festspielgebäudes. Im Vordergrund ein Plakat mit einem Komma, dem Logo des Literaturfestivals

Schauplatz des Internationalen Literaturfestes: Haus der Berliner Festspiele

Im Innenhof des Hauses der Berliner Festspiele stützt sich Ulrich Schreiber schwer auf einen Biertisch. Er ist der Leiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin. Es ist Mittag, aber er hat eine lange Nacht hinter sich. "Gestern Abend habe ich mit 500 Leuten zusammen arabische Poesie im Lustgarten gehört", sagt Schreiber und rückt sich seine Brille zurecht, "das war vielleicht die größte Lesung arabischer Poesie die es je in Europa gegeben hat." Schreiber ist nach eigenen Worten euphorisiert. Um ihn herum geht es vielen Literaturfest-Besuchern so. Sie genießen das Live-Erlebnis Literatur.

Blick auf eine Bühne mit vier Diskussionsteilnehmern. Foto DW/Heiner Kiesel

Diskussion mit Lesern

Die Zeiten sind vorbei, in denen es für den Genuss von Texten gereicht hat, sich ein Buch zu kaufen. Deutschland ist zum Land der Literaturfestivals geworden. 300 Veranstaltungen stehen auf dem Programm des internationalen Literaturfestivals in Berlin. Gleichzeitig sitzen in Hamburg Autoren beim Harbourfront-Literatur-Festival auf der Bühne. Ulrich Schreiber erwartet in diesem Jahr – dem 9. des Berliner Literaturfestivals – einen neuen Besucherrekord, mit mehr als 35.000 Besuchern.

Zurück zur Mündlichkeit

Ulrich Schreiber spricht mit Rachid Boudjedra. Foto DW/Heiner Kiesel

Ulrich Schreiber, der Leiter des internationalen Literaturfestivals (links) im Gespräch mit dem algerischen Autor Rachid Boudjedra

Jede Stadt, die etwas auf sich hält, macht Bücher und Autoren zum Event. Die Besucher nehmen auch an lauschigen Sommerabend in Kauf, Stundenlang auf unbequemen Stühlen einer Stimme aus dem Lautsprecher zu lauschen. Aber selbst wenn man sie nicht versteht – für gewöhnlich lesen die Autoren in ihrer Landessprache – ist es für viele Zuhörer ein überwältigendes Erlebnis, die Geschichte quasi im Superoriginal zu hören: Mit der Stimme dessen, der sie erfunden hat.

Regina Dyck leitet eines der ältesten Literaturfestivals in Deutschland, "Poetry on the Road" in Bremen. "Der Kontakt mit dem Autor schafft eine Sinnlichkeit des Literaturerlebens, die ein Buch allein nicht bieten kann", beschreibt sie den Reiz der Lesungen. "Vielleicht ist das auch ein Anklang an die Zeiten vor dem Buchdruck, als die Geschichten nur über die Stimme des Erzählers transportiert worden sind." Eine Regression in die Zustände zu Zeiten Homers oder Walther von der Vogelweides?

Schwitzend, stotternd, extrovertiert

Die Berliner Literaturforscherin Christina Förner sieht ebenfalls in dem Kontakt mit dem Autor den Schlüssel zum Erfolg der Festivals. "Der Autor tritt normalerweise hinter seinem Werk zurück, er ist das große Geheimnis, das glaubt der Besucher einer Lesung zu entdecken." Da sitzen sie dann auf der Bühne, mal schüchtern, mal extrovertiert, schwitzend, stotternd oder grau und farblos und geben sich dem Publikum preis. "Da merkt man oft sehr gut, dass die Literaturerzeugung kein irgendwie göttlich-schaffender Akt ist, sondern viel harte Arbeit", beschreibt Christina Förner das Literatur-Erlebnis.

Die Literaturforscherin Christina Förner. Foto DW/Heiner Kiesel

Christina Förner, Literaturforscherin

Das wollen die Leute sehen. Manchmal wird die Lesung auch zum Spektakel. Ganz extrem zelebrierte das Rainald Götz, als er 1983 bei seinem Auftritt beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt eine Rasierklinge zückte und sich auf der Bühne die Stirn aufritzte. Ungeheuer beliebt sind auch die Lesungen Harry Rowohlts, die dieser selbst als "Schausaufen" bezeichnet hat.

Catering und Kinderspaß

Die Suche nach dem Kontakt mit den Autoren hat eine lange Tradition. Früher war sie literarischen Zirkeln vorbehalten, Lesungen im kleinen ausgesuchten Kreis. Mittlerweile werden sie zum Massenerlebnis – auch vorangetrieben von den Verlagen, die ihre Autoren zu Lesungen ermuntern. Literaturfestivals sind zum Marketinginstrument geworden. "Eine effiziente Form der Literaturvermittlung", sagt Festivalchef Schreiber. Es gibt sie mittlerweile mit Rundum-Programm vom Catering bis zur Kinderbespaßung. Nicht allen Autoren liegt das, auch wenn es viele gibt, die sich freuen, die Früchte langer, oft quälender Arbeit am Text mit den Lesern diskutieren zu können. Christina Förner befürchtet aber, dass Literaturfestivals den Blick vom Eigentlichen ablenken können. "Die Bücher werden durch das Vorlesen ja nicht besser", sagt sie, "aber es ist einfach leider nicht mehr nur notwendig, gut schreiben zu können, sondern man muss es auch effektvoll unter die Leute bringen."

Autor: Heiner Kiesel

Redaktion: Elena Singer

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