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Deutschland

Die Islamkonferenz - eine Alibiveranstaltung?

Die Gespräche zwischen Bundesregierung und islamischen Verbänden stoßen stets auf großes Medieninteresse. Doch viele Akteure an der Basis zweifeln am Sinn und Nutzen der Islamkonferenz.

Besucher eines Straßenfests in Berlin-Kreuzberg (Foto: dpa)

Straßenfest in Berlin-Kreuzberg

Kazim Erdogan verfolgt die Diskussion über die Deutsche Islamkonferenz in türkischen wie in deutschen Medien sehr genau. Erdogan ist Psychologe und betreut beim Bezirksamt Neukölln in Berlin tagtäglich Menschen aus vorwiegend islamischen Ländern. Die Deutsche Islamkonferenz und ihre Themen beschäftigten die Menschen nicht, die er betreue, sagt er. Sie hätten andere, dringendere Sorgen als die Integration des Islam in Deutschland. Die Muslime, die ihn aufsuchten, hätten nicht das Problem, dass sie wegen ihres Glaubens benachteiligt würden. "Der Punkt ist, dass sie Probleme bei der Beschulung ihrer Kinder haben; sie haben Probleme in den Familien; die Kinder haben schlechte oder keine Schulabschlüsse. Das sind die wahren Probleme, die die Menschen haben", sagt der Psychologe.

Die Gymnasiallehrerin Hülya Savvidis (Foto: DW)

Die Gymnasiallehrerin Hülya Savvidis

Kazim Erdogan hat vor drei Jahren den bundesweit ersten Gesprächskreis für türkische Väter gegründet. In dieser wöchentlichen Runde kommen türkische Väter zusammen und sprechen miteinander über ihre Sorgen und Probleme wie Erziehung, Ehe, Scheidung, Gewalt, Arbeitslosigkeit. Obwohl auch tagespolitische Themen angesprochen werden, stand die Islamkonferenz bisher nicht auf der Tagesordnung. Sie sei in ihrer Zusammensetzung und ihrer Art zu abgehoben, als dass sie die einfachen Bürger erreichen könnte, ist Kazim Erdogan sich sicher: "Die Islamkonferenz ist eine Alibiveranstaltung. Man will unbedingt zeigen, dass man die Menschen ernst nehmen will. Aber wie kann man die Menschen ernst nehmen, wenn die Menschen, die man ernst nehmen will, gar nicht dabei sind?"

Nur 15 Prozent der Muslime vertreten

Kazim Erdogan schließt sich damit der Kritik an, die die Islamkonferenz seit ihrem Bestehen vor vier Jahren begleitet: Dass die Verbände nämlich, die mit dem Innenminister an einem Tisch sitzen, nur eine Minderheit von etwa 15 Prozent der vier Millionen Muslime in Deutschland vertreten. Daran ändere auch die neu dazu gekommene, weltliche "Türkische Gemeinde in Deutschland" nichts, die nicht organisierte Muslime vertritt, meint die Islamwissenschaftlerin Britta Marschke. "Größtenteils fühlen sie sich auch nicht von den Personen vertreten, die dort für den Islam sitzen. Es wäre wichtig, dass man nicht nur an einem großen Tisch sitzt, kluge Theorien austauscht und sich irgendetwas vornimmt. Integration kann nur auf Augenhöhe und im direkten Austausch von Menschen passieren."

Deswegen schlägt die Islamwissenschaftlerin vor, die Muslime sollten in ihren jeweiligen Wohnorten Vertreter wählen, die dann als Ansprechpartner für die regionalen Regierungen zur Verfügung stehen, ähnlich wie dies in Bremen und in Niedersachsen gehandhabt wird. Das sei sinnvoller und demokratischer als die derzeitige Zusammensetzung des Gremiums, sagt Marschke. "85 Prozent der Musliminnen und Muslime sind nicht vertreten durch diese Organisationen, aber die Organisationen stellen es so dar, als würden sie alle vertreten."

Islam in Schulen dominant

Marschke arbeitet bei der Gesellschaft für Interkulturelles Zusammenleben und steht mit muslimischen Bürgern in direktem Kontakt. Sie betreut unter anderem ein Projekt, das Kindern in Moscheen Nachhilfeunterricht erteilt. Dabei habe sie festgestellt, dass kaum jemand in den Moscheen die Islamkonferenz kenne. Trotz aller Kritik aber, meint die Islamwissenschaftlerin, die drei Jahre in der Türkei gelebt hat und gut Türkisch spricht, brauche der Staat solch ein Gremium wie die Islamkonferenz. "Es gibt bestimmte Fragen, da braucht der deutsche Staat einen Ansprechpartner, wenn es beispielsweise um die Frage des Religionsunterrichtes geht, oder um die Frage, wer die Muslime im Rundfunkrat vertritt."

Kazim Erdogan vom Bezirksamt Berlin-Neukölln (Foto: DW)

Kazim Erdogan vom Bezirksamt Berlin-Neukölln

Was den Religionsunterricht angeht, ist die türkischstämmige Gymnasiallehrerin Hülya Savvidis mit der Berliner Regelung zufrieden: Das konfessionsfreie Fach Ethik ist verpflichtend für alle Schüler, Religion kann als Wahlfach zusätzlich besucht werden. Zwar sei die Islamkonferenz weder Schülern noch Eltern bekannt, aber der Islam sei in Schulen, besonders in Bezirken mit hohem muslimischen Bevölkerunsanteil bereits fest verankert. Das Problem sei selten die Integration des Islam, vielmehr hätten Schulen oft mit der Dominanz desselben zu kämpfen, meint Savvidis, die Deutsch, Geschichte und Türkisch unterrichtet. "Ich denke schon, dass in Schulen - vor allem in Kreuzberg - der Islam integriert ist und dass die Mädchen ihre Freiheiten haben, mit ihren Kopftüchern in die Schule zu kommen und ihre Ansichten zu vertreten", sagt sie. "Es ist teilweise sogar so, dass diejenigen, die nicht diese Ansichten vertreten, verdrängt werden."

An diesem Zustand könne die Diskussion am Innenministertisch zwar kaum etwas ändern, sagt die Lehrerin, aber es sei höchste Zeit, die bestehenden Probleme beim Namen zu nennen und sie auf höchster Ebene zu untersuchen. Insofern sei es richtig, dass der Innenminister sich mit muslimischen Vertretern berate. Es dürfe nur nicht der Fehler gemacht werden, die Islamkonferenz völlig losgelöst von der Basis abzuhalten. "Theoretische Diskussionen lösen keine praktischen Probleme", sagt Savvidis.

Autor: Kemal Hür
Redaktion: Dеnnis Stutе

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