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Terror

"Die Ideologie des IS wirkt weiter"

Auch wenn der Islamische Staat Mossul verloren hat und Rakka vor dem Fall steht: Die Terror-Miliz wird nicht verschwinden. Terror-Experte Guido Steinberg spricht im DW-Interview über den Nährboden des Terrors.

Deutsche Welle: Der sogenannte Islamische Staat hat in Mossul eine Niederlage erlitten; auch in seiner Hauptstadt Rakka in Syrien steht er unter erheblichem Druck. Wie wird es mit dem IS weiter gehen?

Guido Steinberg: Wir werden mit dem IS noch eine ganze Weile zu tun haben. Die Frage ist nur: In welcher Form? Diese Quasi-Staatlichkeit ist jetzt erst einmal beendet und es wird auch schwer, in diese Richtung zurückzugehen. Aus meiner Sicht ist der IS eine irakische Organisation. In den letzten Monaten beobachten wir, dass der IS in die Richtung geht, in die er 2006 schon einmal gegangen ist: Erstens seine Finanzierung im Irak sicher zu stellen. Zweitens versucht er wichtiges Personal der Gegenseite zu töten. Drittens verübt er aufsehenerregende Anschläge. Das sind die drei Pfeiler der gegenwärtigen oder der künftigen IS-Strategie.

25.04.2013 DW Quadriga Studiogast Guido Steinberg (DW)

Terror-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik: Guido Steinberg

Stichwort Finanzierung: In jüngster Zeit wurden ja etliche Initiativen beschlossen, um die Finanzquellen des Terrorismus trocken zu legen. Wird  das auch Auswirkungen auf den IS haben?

Nein, diese Finanzierungsbekämpfung hat oft wenig mit den einzelnen Organisationen zu tun. Der IS ist in einem sehr reichen Land beheimatet. Er hat es in der Vergangenheit geschafft, sich dort zu finanzieren und wird das auch in Zukunft wieder schaffen. Die Frage ist: Wie genau und wo?

In der Vergangenheit war vor allem Mossul das Finanzierungszentrum - also von den Jahren 2006 bis 2012. Es ist die Frage, ob er das noch einmal schafft, wie ausgeprägt die Kontrolle über die Stadt da sein wird. Aber er wird sich aus dem Konflikt im Irak finanzieren, da habe ich überhaupt keine Zweifel.

Der Kampf um Mossul wurde mit großer Brutalität geführt, von beiden Seiten, wie sowohl Amnesty International als auch Human Rights Watch sagen und wie Bilder und Videos von Folterungen und Hinrichtungen an vermeintlichen IS-Kämpfern und deren Angehörigen belegen. Die Stadt, speziell die Altstadt, liegt in Trümmern. Wie gut ist der irakische Staat, die internationale Gemeinschaft aufgestellt, um Wiederaufbau und Versöhnung zu organisieren und dem IS den Nährboden zu entziehen?

Die Situation im Irak ist sicherlich besser als im Nachbarland Syrien, weil der Irak ja eine eigene, funktionierende Regierung hat. Die große Frage ist aber: Was sind denn eigentlich die Vorstellungen der Regierung in Bagdad für Mossul? Da steht zu befürchten, dass die schiitisch-islamistisch geprägte Regierung in Bagdad - die ja auch unter starkem iranischen Einfluss steht - nicht an die große Versöhnung mit den Sunniten von Mossul glaubt. Deswegen muss man auch befürchten, dass das politische Problem nicht beseitigt wird, das dem Aufstieg des IS zugrunde liegt. Wiederaufbau ist sicherlich nicht so sehr das ganz große Problem, weil der Irak ein so reiches Land ist - und weil er bei dem Thema sicher auf die Hilfe der Deutschen und auch anderer Staaten zählen kann.  Aber die politischen Dimensionen des Ganzen sind entscheidend - und da wissen wir noch nicht in welche Richtung Bagdad geht.

Irak Mossul Rückeroberung Besuch Premier Al-Abadi (picture-alliance/Zuma/ Iraqi Prime Ministery)

Iraks Ministerpräsident Haider Al-Abadi trifft am 9. Juli im befreiten Mossul ein

Sie haben von dem grundlegenden politischen Problem gesprochen, das dem Aufstieg des IS zu Grunde liegt. Was genau ist denn dieses Problem?

Das grundlegende Problem ist, dass wir im Irak in den Jahren nach 2003 einen Aufstand hatten. Von den aufständischen Gruppierungen ist nur der IS übrig geblieben, zunächst in Gestalt der irakischen Al-Kaida. Diese Organisation hat enorm davon profitiert, dass Sunniten, aber auch Säkularisten, die von den Sunniten gewählt wurden, in den folgenden Jahren an den Rand des politischen Systems gedrängt wurden. Die hatten kaum Einfluss auf die Geschicke des Irak, der nun stark unter dem Einfluss Irans steht. Es dominieren dort jetzt schiitische-islamistische Parteien, die den Sunniten kaum eine Beteiligung zuzustehen bereit sind. Das ist das Problem der irakischen Politik und ich sehe da im Moment auch keine grundlegende Änderung - auch wenn sicherlich einige Politiker in Bagdad das Problem verstehen.

Mossul ist zwar die größte Stadt im Irak, die vom IS befreit wurde, aber nicht die erste. Da gab es zuvor unter anderem Tikrit, Ramadi und Falludscha. Wie hat sich die Situation denn dort entwickelt?

In den meisten Städten, vor allem aber in Tikrit und bei Ramadi, hat es Menschenrechtsverletzungen gegeben: Vor allem gegen die sunnitische Zivilbevölkerung, gegen Gefangene denen man unterstellt hat, dass sie IS-Kämpfer oder auch Sympathisanten seien. Die Erfahrungen der letzten Monate lassen wenig Hoffnung zu. Man muss allerdings dazu sagen: Überall dort, wo der IS vertrieben wurde ist die Situation noch sehr schlecht. Ganz einfach deshalb, weil große Teile dieser Städte zerstört sind, weil sie noch nicht von Sprengfallen bereinigt sind. Es gibt da noch sehr viele praktische Probleme. Dazu kommt eine Politik der Zentralregierung, die wenig Hoffnung zulässt, dass die Regierung in Bagdad  eine andere Politik als in der Vergangenheit zu führen bereit ist. Deswegen gehe ich fest davon aus,  dass der IS - oder vielleicht auch andere Organisationen - auch in Zukunft einen gewissen Rekrutierungspool im Nord- und Westirak haben werden.

Philippinen Militärrazzia (Getty Images/AFP/T. Aljibe)

Der IS hat sich weltweit ausgebreitet - auch auf den Phillippinen wie hier in Merawi

Wie beschädigt ist die "Marke" IS durch die Niederlage in Mossul und wie wird sich das auf die Rekrutierung von Anhängern auswirken?

Das ist leider noch nicht sehr genau zu sagen, weil der IS zum einen enorm attraktiv gewesen ist, viel attraktiver als Terrororganisationen vor ihm. Deswegen muss man befürchten, dass die Ideologie weiter wirkt. Aber diese Ideologie hat vor allem gewirkt, weil der IS eines beanspruchen konnte: Ein Staat zu sein. Von diesem islamischen Staat nach dem Vorbild des siebten Jahrhunderts, dem Vorbild des Propheten, haben viele Salafisten weltweit geträumt. Nun gibt es den nicht mehr, vielleicht ist auch der Kalif tot. Das wirft die Frage auf: Wie viel Staat muss der IS denn eigentlich anbieten, um Rekruten anzuziehen? Das wissen wir letzten Endes nicht.

Was bedeutet die Schwächung des IS für die Terrorgefahr in Europa?

Die Terrorgefahr in Europa ist sehr hoch und ich glaube nicht, dass sich daran grundlegend etwas ändern wird. Auf der einen Seite sehen wir, dass unsere Sicherheitsbehörden reagieren, dass sie besser aufgestellt sind als noch in 2014 und 2015. Das führt auch dazu, dass die großen Anschläge mittlerweile ausbleiben, wie beispielsweise in Paris am 13.11.2015. Auf der anderen Seite müssen wir damit rechnen, dass mit der Niederlage des IS sehr viele Kämpfer ausweichen werden. Ein Teil wird sicherlich in die Heimatländer zurückkehren. Ein Teil wird vielleicht auch auf den Weg geschickt werden, so dass die Terrorgefahr in Europa wahrscheinlich auf einem ähnlichen Niveau bleiben wird wie in den letzten beiden Jahren - mit der einen Einschränkung: Es wird für den IS schwerer, ohne die Organisationsmöglichkeiten, die er als Quasi-Staat hatte, die ganz großen Anschläge zu verüben wie die in Paris. Wir werden es wahrscheinlich mit kleineren Anschlägen zu tun haben, wie wir sie schon in den letzten Jahren häufig gesehen haben.

 

Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg ist Terror-Experte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.
Die Fragen stellte Matthias von Hein.

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