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Türkei

Die Hagia Sophia: Heute Museum, morgen Moschee?

Die Zeichen mehren sich, dass die derzeit als Museum genutzte Hagia Sophia in Istanbul eines Tages wieder als Moschee dienen könnte. Im Ramadan wurden dort bereits zum zweiten Jahr in Folge Koranverse gelesen.

Der Protest war scharf. Während des Ramadans hatte die türkische Religionsbehörde Diyanet eine Koranlesung und Gebete in der Hagia Sofia, der ehemals größten Moschee der Welt organisiert. Seit gut 80 Jahren allerdings dient die Hagia Sofia als Museum. Lesung und Gebete waren auch vom Fernsehen übertragen worden - und zwar im zweiten Jahr in Folge.

Diesen Schritt hatte die griechische Regierung umgehend verurteilt. "Die Hagia Sofia gehört zum Weltkulturerbe der Unesco", hieß es in einer Stellungnahme des Außenministeriums. "Der Versuch, sie durch Koranlesungen in eine Moschee umzuwandeln, ist ein Affront gegen die internationale Gemeinschaft, die darauf reagieren sollte." Auch die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) zeigte sich alarmiert.

Tatsächlich versuchen türkische nationalistische Gruppen seit längerem, das Museum wieder in eine Moschee zu verwandeln, ungeachtet der wechselvollen Geschichte des Baus. Im Jahr 537 hatte es Justinian, der Kaiser des Oströmischen Reichs, eingeweiht. Fast tausend Jahre lange diente es als christliche Kirche, bis Mehmet II. im Jahr 1453 das damalige Konstantinopel eroberte und die Hagia Sophia - die "Heilige Weisheit" - in eine Moschee verwandelte. Er soll dort das erste islamische Gebet gesprochen haben. Im Laufe der Zeit wurden vier Minarette angebaut, die Kuppel wuchs auf eine Höhe von 56 Metern.

Bildergalerie Hagia Sophia (Getty Images)

Christliche Spuren: Wandbilder in der Hagia Sophia

Kulturschock Republik

Fast 500 Jahre diente das Gebäude dann frommen Muslime als Gebetsstätte. Im Jahre 1935 ließ es Mustafa Kemal "Atatürk", der Gründer der türkischen Republik, in ein Museum umwandeln - als weithin sichtbares Zeichen seiner Entschlossenheit, das Land in einen säkularen Staat zu verwandeln. Zu diesem Zweck schaffte er auch die höchsten religiösen und politischen Institutionen des Islam ab, das Kalifat und das Sultanat.

Aus seiner Distanz zur Religion seiner Landsleute hatte Atatürk nie einen Hehl gemacht. Der Islam, erklärte er, habe die Türken ihrer ursprünglichen Identität entfremdet. "Unter diesen Umständen ähnelte die türkische Nation jenen, die den Koran auswendig lernen, ohne die Bedeutung auch nur eines einzigen Wortes zu verstehen, und daraufhin senil werden."

"Quälende Erinnerung"

Die 1923 vollzogene radikale Umwandlung des Osmanischen Reiches in eine säkulare Republik schmerzt viele Türken bis heute. Der säkulare türkische Schriftsteller Orhan Pamuk beschreibt in seinem Erinnerungsbuch "Istanbul", dass selbst in weltlich ausgerichteten Familien wie seiner Erinnerungen an die osmanisch-islamische Zeit auch nach der Gründung der Republik fortbestanden.  "Noch waren die traurigen Zeugnisse einer absterbenden Kultur überall anzutreffen", erinnert sich der 1952 geborene Schriftsteller an seine Jugendzeit. "Das Streben nach Europäisierung schien weniger einem Modernisierungsdrang zu entspringen als vielmehr dem Wunsch, die mit quälenden Erinnerungen behafteten Überreste des untergegangenen Reiches so schnell wie möglich loszuwerden, so wie jemand nach dem Tod der schönen Geliebten schnell ihre Kleider, ihren Schmuck und die Fotos von ihr fortwirft, um von der Erinnerung nicht überwältigt zu werden."

Mustafa Kemal Atatürk (AP)

Gründer der modernen Türkei: Mustafa Kemal "Atatürk"

Melancholie und Missbrauch

Diesen teils verborgenen, teils offenen Schmerz machen sich radikale nationalistisch-islamistische Gruppen heute zunutze. Der Wunsch nach einer Rückkehr zu einem in der Öffentlichkeit immer stärker sichtbaren Islam - in seiner extremsten Variante strebt er sogar die Wiedereinführung des Kalifats an - ist längst zum Spielball politischer Parteien geworden.

Die Diskussion um die Hagia Sophia hatten zunächst ultranationalistsche Gruppen angestoßen. Ihnen folgte die rechtsgerichtete Milliyetci Hareket Partisi (MHP), die "Partei der Nationalistischen Bewegung". Sie trieb mit ihren Forderungen dann auch die AKP des Präsidenten vor sich her - beide Parteien buhlen um die Gunst der konservativen Wähler.

2013 initiierte die Nationale Türkische Studentenunion eine Unterschriftenkampagne, um die Hagia Sophia wieder als Moschee zu nutzen. Die Aktion endete am 29. Mai 2014 - dem Jahrestag der Eroberung Konstantinopels. In deren Umfeld äußerte sich auch der damalige AKP-Politiker und stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc: "Wir blicken auf eine trauernde Ayasofya und bitten Gott, dass die Tage nicht fern sind, in denen sie wieder lacht." Lachen, so die Botschaft, würde die Hagia Sophia erst als Moschee wieder.

Stark für die Wiedernutzung der Hagia Sofia als Moschee macht sich seit Jahren auch die Anatolische Jugendvereinigung. Deren Istanbuler Chef Ali Ugur Bulut hatte dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel bereits im Juni 2014 ein entsprechendes Interview gegeben. Der Bau, erklärte er, sei nicht nur ein Wahrzeichen von Istanbul, sondern auch "ein Symbol der islamischen Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453. Ich sehe es als unsere Aufgabe, dieses islamische Erbe zu schützen und weiterzugeben. Die Hagia Sophia muss wieder eine Moschee werden!".

Leere in den Moscheen

Diese Sicht scheint sich offenbar auch die von Erdogans AKP geführte türkische Regierung zu eigen zu machen. Auf die Kritik aus Griechenland an der Lesung reagierte sie scharf. "Statt dem türkischen Volk zum Fastenmonat Ramadan und der 'Nacht der Allmacht' zu gratulieren, hat sich das griechische Außenministerium entschieden, die Lesungen des Koran und den Aufruf zum Gebet zu entstellen", hieß es am Freitag aus dem türkischen Außenministerium.

Diese Haltung hatte die AKP nicht immer vertreten. Deren Vorsitzender, Staatspräsident Erdogan, hatte vor Jahren zur Umwidmung der Hagia Sofia in eine Moschee noch eine ganz andere Haltung. Diejenigen, die dies forderten, erklärt er, sollten doch erst einmal sehen, dass die anderen Moscheen Istanbuls sich zu den Gebetszeiten wieder füllen würden.

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