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Wissen & Umwelt

Die Hürden der Energiewende

In Iserlohn gilt der Leitsatz: "Energie sparen - Klima schützen". Konzepte, Ideen und Fördermittel sind vorhanden. Doch der Ölpreis und EU-Vorgaben vereiteln Investitionen in erneuerbare und emissionsarme Technologien.

Klimaschutz Ulrike Badziura (Foto: Stadt Iserlohn)

Ulrike Badziura leitet die Abteilung für Umwelt- und Klimaschutz der Stadt Iserlohn

"iserlohnenergieklima". Hinter diesem Buchstaben-Ungetüm stecken drei Wörter: Iserlohn. Energie. Klima. Und unter der Marke arbeitet ein Netzwerk von Unternehmen, Organisationen, Vereinen, Hochschulen und Privatleuten daran, den Klimaschutz und die Energiewende in der Stadt, südlich von Dortmund gelegen, voranzutreiben. Die Fäden laufen bei Ulrike Badziura (s. Artikelbild) in der Stadtverwaltung zusammen. Die Leiterin der Abteilung Umwelt- und Klimaschutz sieht sich in der Verantwortung, "durch effizienten Umgang mit Energien vor Ort, Ressourcen zu schonen und zum Erhalt der Umwelt beizutragen." Besonders stolz ist Badziura, dass "die Stadt zu 100 Prozent zertifizierten Ökostrom bezieht, obwohl er teurer ist als Atomstrom und normaler Ökostrom."

Naturkatastrophe und Teuerungsrate führten zum Umdenken

Ein Orkan vor Ort und explodierende Energiepreise hatten die Lokalpolitiker vor Ort zum Umdenken gebracht: Erst hatte Kyrill im Januar 2007 derart gewütet, dass die Bäume auf Anhöhen rings um die Stadt wie Streichhölzer umgeknickt waren, ein Jahr später heizten exorbitant hohe Heiz- und Benzinkosten die Diskussionen über alternative, regenerative Energien und den Klimawandel an.

Blick auf die Stadt Iserlohn (Foto: Stadt Iserlohn)

Von Wald umgeben und durch Industrie geprägt: Iserlohn

Die Stadt am östlichen Rande des Ruhrgebiets ist einerseits geprägt von Hügeln, Wäldern und Natur, die eine hohe Lebensqualität garantieren. Andererseits haben die zahlreichen metallverarbeitenden Unternehmen seit dem Beginn der Industrialisierung zu einem hohen Energieverbrauch und CO2-Ausstoß beigetragen. Sie waren Großteils dafür verantwortlich, dass 2010 der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Energieverbrauch in Iserlohn magere 5,1 Prozent betrug. In Deutschland wurden 10,4 Prozent Strom und Wärme aus regenerativen Quellen bezogen.

Grenzen für Ausbau regenerativer Energien

Doch seit der Rat ein eigenes Konzept absegnete, hat die rund 95.000 Einwohner zählende Kommune in Sachen Klimaschutz aufgeholt. Sie wurde für ihre Klimaschutzmaßahmen mit dem European Energy Award in Silber und Gold für energiebewusstes Handeln ausgezeichnet.

Dem sind allerdings Grenzen gesetzt, wie Ulrike Badziura am Beispiel Windkraft zeigt: "Die Hügel um die Stadt profitieren zwar von höheren Windgeschwindigkeiten. Sie sind jedoch allesamt bewaldet. Windanlagen dürfen daher dort nicht gebaut werden." Auch führten die Diskussionen über die "Verspargelung der Landschaft" in der Bürgerschaft zu einer mehrheitlichen Ablehnung. Eine von zwei ausgewiesenen Windenergiezonen schien im Nachhinein mangels Windhöffigkeit ungeeignet. "In anderen Fällen verhinderten Artenschutz-Richtlinien der Europäischen Union den Bau von Windkrafträdern", sagt Umweltexpertin Badziura.

Stadt als Vorbild für Bürger und Industrie

Sie bedauert dies, "weil ich glaube, dass wir auf Windenergie nicht verzichten können." Obwohl die Gegend eher zu den regenreichen in Deutschland zählt, sei auch das Solar-Potenzial nicht zu unterschätzen. "Bei städtischen Einrichtungen haben wir das gesamte Potenzial genutzt." Um auch die Bürger zu überzeugen, dass sich private Investitionen in Photovoltaik-Anlagen lohnen können, hat die Stadt ein Kataster erstellen lassen.

Einblick ins Blockheizkraftwerk (BHKW) der Stadtwerke Iserlohn

Blockheizkraftwerk liefert Strom und Wärme

Online kann so jeder Eigentümer abrufen, ob sein Grundstück ausreichend Sonne einfängt - Wirtschaftlichkeitsprüfung inklusive.

Die Stadtwerke - eine Tochter der Stadt - wollen in Zukunft als lokaler Strom- und Energielieferant grundsätzlich auf konventionelle Energiequellen verzichten. Der Anteil an Erneuerbaren liegt bei 40 Prozent. Ein mit Wasserkraft betriebener Hochbehälter liefert CO2-neutral Strom.

Doch EU-Richtlinien verhindern den weiteren Ausbau von Wasserkraft. Der Abfall der Kommune wird im Müllheizkraftwerk (MHKW) verbrannt, eine von zirka 70 Anlagen in Deutschland. Die dabei freigesetzte Energie wird ins Stromnetz eingeleitet und in Rohre, um 80 Prozent aller Haushalte im Stadtkern mit Fernwärme zu versorgen.

Ölpreis vereitelt Investitionen in Erneuerbare

"Die Kraft-Wärme-Kopplung, also die gleichzeitige Nutzung für Strom und zum Heizen, hat Potenzial, aber aufgrund der aktuellen niedrigen Ölpreise, ist der Ausbau nur schwierig umsetzbar", bedauert Ulrika Badziura. "Privatleute, die vor der Entscheidung stehen, ihr Haus mit Erdwärme zu versorgen, müssten dafür bis zu 20.000 Euro ausgeben. Stattdessen investieren sie eher in einen neuen Kessel, um Erdöl zu verheizen, weil die Preise so sehr gefallen sind."

Holzschnitzel (Foto: Gero Rueter).

Wenn der alte Kessel raus muss: Ist Heizen mit Öl noch zeitgemäß?

Als weitere Option zur Wärmeversorgung bieten die Stadtwerke "Nahwärme-Inseln" an, eine Zentralheizung für mehrere Häuser, sagt Geschäftsführer Reiner Timmreck: "Mehrere Verbraucher schließen sich zusammen und werden durch ein zentrales Heizkraftwerk versorgt, so groß wie eine Doppelgarage. Das Grundstück organisieren die Stadtwerke." Nicht nur Bürger, auch lokale Unternehmen konnten für Energieeffizienz sensibilisiert werden. So hat das Medizinunternehmen Medice ein Blockheizkraftwerk gebaut, um firmeneigenen Strom zu erzeugen.

Langfristig setzen die Sauerländer auf die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) als die effizienteste Methode zur Strom- und Wärmeerzeugung. Iserlohn ist eine von sechs Modellkommunen des Landes Nordrhein-Westfalen, die mit Fördermitteln für den Ausbau der Technologie unterstützt werden. "Wir sind Vorbild und bauen zehn Brennstoffzellen in öffentlichen Gebäuden ein, die die zugeführte Energie umwandeln", erklärt Verwaltungsangestellte Badziura.

E-Mobility works

Auch bei Elektromobilität gehört Iserlohn zu drei Modellkommunen in Deutschland, die von der EU gefördert werden. Die Stadt will die Lärmemissionen, Stickoxide und Feinstäube vermindern und den Anreiz für den Kauf von Elektroautos erhöhen - zum Beispiel durch die Bereitstellung kostenloser Parkflächen im Stadtzentrum. Doch noch schrecken Autobesitzer wegen hoher Anschaffungskosten, geringer Reichweite und fehlender Ladekapazitäten vor dem Kauf eines PKW mit Elektromotor zurück.

Alter Heizkessel (Foto: imago).

Die Geschäftsführung der Stadtwerke mit Reiner Timmreck (li.) und Klaus Weimer fördern E-Mobility

Daher sind die Stadtwerke dabei, das Ubritricity-System einführen. Die Stadt stellt öffentliche Flächen bereit. Bei dem System, das auf der E-world-Messe Mitte Februar erst vorgestellt wird, ist der Stromzähler direkt am Ladekabel eingebaut. Die Abrechnung fürs "Auftanken" erfolgt dann digital über die monatliche Stromrechnung und nicht wie bisher über jede Säule und Anbieter einzeln, erklärt Reiner Timmreck: "Bisher sind die Abrechnungssysteme in den Ladesäulen integriert. Solch eine Säule kostet aber 10.000 Euro und ist damit noch völlig unrentabel, weil die Nachfrage fehlt. Mit dem neuen System können wir für das gleiche Geld zehn Säulen aufstellen."

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