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Kultur

Die Erblast des Diktators

Immer mehr Menschen in Osteuropa sind mit dem HI-Virus infiziert. Nirgendwo in Europa leben so viele Kinder mit dem Virus wie in Rumänien. Ein Besuch in dem Kinderhospiz St. Laurence in Cernavoda.

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Rumäniens Kinder: die Dunkelziffer an Aids und HIV-erkrankten ist hoch

Valentin feiert seinen 14. Geburtstag: "Multi Ani", "viele Jahre noch", so steht es auf dem eigens gebastelten Transparent, auf dem ein kräftiger Star Wars Warrior gemalt ist. Der Held in Valentins Leben. Die Freude in der heiteren Runde ist groß. Jeder Geburtstag ist hier ein ganz besonderer Grund zum Feiern. Denn es kann der letzte sein in dem Leben der 35 HIV-positiven Kinder, die derzeit in dem Hospiz St. Laurence in Cernavoda, der östlichsten Region Rumäniens, leben.

Kinder in Rumänien - Aids

Kinder in Cernavoda

Hilflosigkeit der Erwachsenen

Valentins Begeisterung über die vielen Geschenke, mit denen er an diesem Tag überhäuft wird, ist seinen Augen abzulesen. Doch manchmal starren sie ins Leere. Die Wangen des schmächtigen Jungen, der wie ein Achtjähriger wirkt, sind eingefallen. Er bewegt sich langsam und apathisch, denn bei Valentin ist die Immunschwächekrankheit Aids bereits ausgebrochen. Seine Eltern sind nicht bekannt, die Mutter gab den Kleinen vor Jahren an eine Hilfsorganisation ab. Warum, ist nur zu erahnen. Vielleicht war die Mutter überfordert mit zu vielen Kindern, vielleicht hat sie gemerkt dass Valentin anders ist.

Ärztin in einem AIDS Krankenhaus in Rumänien

Ärztin Dr. Rodica Matusa

Irrationale Familienpolitik und verseuchtes Blut

Fast alle Kinder in dem Heim am Ufer des Donau- Schwarzmeerkanals teilen ein ähnliches Schicksal. Die schottische Organisation "Children in Distress" aus Glasgow errichtete in dem kleinen Dorf Cernavoda vor zehn Jahren ein Hospiz, nachdem im Westen bekannt wurde, welch schreckliches Erbe der Diktator Nikolae Ceausescu nach seinem Tod 1989 dem kommunistisch heruntergewirtschafteten Land und seinen 22 Millionen Bewohnern hinterließ.

Die marode Gesundheits- und Familienpolitik des Diktators förderte die höchste Rate an HIV-infizierten Kindern in Europa zutage. Ceausescu "befahl" regelrecht den Kinderreichtum, jede Frau sollte dem Staat fünf Kinder gebären. Abtreibungen waren verboten. Im Land, das zu den ärmsten in Europa gehört, war eine ausreichende Versorgung nicht gewährleistet. Fehlernährte Kinder wurden mit Blutkonserven und mehrmals benutzten Spritzen behandelt. Und die waren verseucht.

Wahrheit verboten

Eine Politik der Vertuschung verhinderte, dass sich Ärzte mit dem HI-Virus öffentlich und wissenschaftlich auseinandersetzen konnten. Immer mehr Kinder starben an Tuberkulose oder Lungenentzündungen. "Man wusste, dass es dieser Virus war, doch nachforschen war verboten. Auf den Totenscheinen mussten wir Krankheiten eintragen, die nicht die eigentliche Todesursachen waren", so Dr. Rodica Matusa, Aids-Spezialistin im Victor Babesh Hospital in der Hafenstadt Constanca.

Schwarze Zahlen

Nach offiziellen Angaben der rumänischen Behörden sind über 5.000 Kinder mit HIV und Aids registriert. Inoffiziell aber seien es zwischen 11.000 und 14.000, so Dr. Matusa. Die meisten leben in dem Bezirk Constanca, der an das Schwarze Meer angrenzt. Die Nähe zum Meer und zur Hafenstadt Constanca, und auch die Öffnung zum Westen erhöhte die Aidsrate durch Prostitution und Drogenhandel.

AIDS Patient in Rumänien

Im Victor Babesh Hospital

Die Kinder im St. Laurence Hospiz in Cernavoda werden von rumänischem und englischem Pflegepersonal in familienähnlichen Gruppen betreut. Für die Kinder ein Paradies, meint Lorna Jameson, die Heimleiterin. Denn hier gibt es Spielzeug und Süßigkeiten, Platz und eine Hospizinterne Schule.

Schlechte medizinische Versorgung

Aber viele Kinder wissen nicht, dass sie "Sida" haben - Aids. Und die Behandlung kostet viel Geld. Die rumänische Regierung leiste eine unzureichende Unterstützung, beklagen internationale Hilfsorganisationen. Einige wenige Kinder erhalten einen regelmäßigen Medikamenten-Cocktail aus 30 Anti-Virus Tabletten. Dass sie jetzt ihr Teenageralter noch erleben, sei erfreulich, meint die Hospizleiterin: "Doch nun müssen wir uns Gedanken machen, wie wir sie über ihre Krankheit und aud das Leben vorbereiten."

Valentin ist nur wenige Monate nach seinem Geburtstag gestorben. In der Hospizeigenen Kapelle ist ein Gedenkbuch aufgebahrt. Spielzeug und Teddybären umsäumen das große Buch. Letzte Erinnerungen.

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