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Europa

Die elektronischen Augen Gibraltars

Die spanische Regierung baut das teure High-Tech-Grenzüberwachungssystem SIVE aus. Es habe die Zahl der Bootsflüchtlinge stark sinken lassen, vor allem in der Meerenge von Gibraltar. Ein Blick hinter die Kulissen.

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Im "Gehirn" des Sive in Algeciras

Das große "Time"-Magazin aus New York nannte ihn einen Helden. Den Franziskaner-Bruder Isidoro Macías aus der südspanischen Hafenstadt Algeciras. 2003 stieg der kleine Mann mit dem weißen Haar und den buschigen Augenbrauen für den "Time"-Fotografen ins Meer. Knietief, mitsamt seines grauen Umhangs und dem goldenen Kreuz auf der Brust, stand er im Wasser, auf dem Arm das schwarze Baby einer Migrantin, die mit einer "patera", so der spanische Begriff für die Flüchtlingsboote in der Meerenge von Gibraltar, nach Spanien gekommen war.

Nigerianerin, Einwandererin mit Kindern, bei Papa Patera in

Die Nigerianerin Augustina kam schwanger nach Spanien. Dort bekam sie die Zwillinge Kevin und Kelly

Es war die Zeit, als der Strom der "pateras" nicht enden wollte dort, wo Afrika und Europa sich bis auf 14 Kilometer nähern. Fast täglich filmten TV-Kameras Afrikaner, zitternd, zusammengepfercht auf Schlauchbooten, die Haut von der Mischung aus Salzwasser und Dieseldampf verätzt. Darunter auch viele schwangere Frauen. Vor allem um sie und ihre Babys kümmerte sich Bruder Isidoro. Das brachte ihn den Spitznamen "Papa Patera" ein.

Neue Flüchtlingsrouten

Bis zu 20 schwangere Frauen gleichzeitig wohnten in einem Haus des Franziskaner-Ordens. "Die schliefen auf Luftmatratzen", erinnert sich Isidoro. Heute sind nur noch drei Frauen mit insgesamt vier Kindern bei ihm. "Es ist schlagartig weniger geworden. Über die Meerenge kommt so gut wie niemand mehr", sagt Isidoro. "Die spanischen Sicherheitskräfte haben Technologien entwickelt, die dazu geführt haben, dass die Flüchtlinge und die verbrecherischen Schlepper andere Routen nehmen müssen."

Mann mit Kreuz. Bruder Isidoro, Papa Patera, SIVE, Algeciras, Grenzüberwachungssystem, Spanien, migration

Papa Patera - Bruder Isidoro

Bruder Isidoro bezieht sich auf das High-Tech-Grenzüberwachungssystem SIVE (Sistema Integrado de Vigilancia Exterior), das die spanische Regierung seit 2002 an der Südküste ausbaut. Das für die Meerenge zuständige Kontrollzentrum des Systems befindet sich in der Kommandozentrale der Guardia Civil in Algeciras, ein Komplex von schmucklosen Gebäudeblocks mit bröckelnder Fassade gleich neben der Stierkampfarena. Nur selten gewähren die Behörden Journalisten Einblick.

Big-Brother on the Beach

Der Guardia-Civil-Beamte Salvador Gomez führt ins "Gehirn" des SIVE, einen Raum in Neonlicht, mit tiefen Decken und einem Dutzend Bildschirmen. Am Kopfende des Raumes hängt ein riesiger Panoramabildschirm an der Wand. Er zeigt eine Karte der Meerenge, eine der meist befahrenen Wasserstraßen der Welt. Hunderte gelber Punkte sind zu sehen, jeder einzelne steht für ein Schiff. Die Kommandozentrale in Algeciras überwacht insgesamt einen 114 Kilometer breiten Streifen der Meerenge. Fünf rote Dreiecke an der andalusischen Küste markieren die Stationen, wo auf Türmen hochauflösende Video- und Wärmebildkameras installiert sind.

"Das Besondere am SIVE ist, dass es Tag und Nacht schwimmende Objekte orten und sichtbar machen, die kaum über die Wasseroberfläche herausragen und weniger als ein Meter lang sind", sagt Gomez. Derzeit werden neue Kameras installiert. Sie liefern Live-Bilder in Farbe. Per Joystick können die Kameras auf jeden beliebigen Punkt in der Meerenge ausgerichtet werden. Zoom auf die Playa von dem Fischer- und Ferienort Barbate. Touristen lümmeln in der Sonne, Surfer pflügen durch das Wasser. Ein Hauch von Big Brother. Doch zu sagen, die Bilder seien gestochen scharf, ist übertrieben. Die Auflösung reicht zur Wahrnehmung der Silhouetten, mehr ist nicht drin.

Jugendliche wagen Überfahrt

Die Beamten beobachten vor allem den Schiffsverkehr von Süden nach Norden. Immer wenn ein Punkt an der marokkanischen Küste erscheint, wird seine Route verfolgt. Es sind vor allem marokkanische Jugendliche, die die Überfahrt noch wagen, trotz SIVE. "Erst heute morgen haben wir zwei junge Marokkaner in der Meerenge aufgegriffen", sagt Gomez. "Sie haben versucht, mit einem Kinder-Schlauchboot, das in jedem Supermarkt zu kaufen ist, die Meerenge zu überqueren."

Die Jugendlichen wissen: Auch wenn sie von der Polizei erwischt werden, können sie nicht einfach abgeschoben werden. Als Minderjährige genießen sie besonderen Schutz. Dennoch: SIVE sei ein Erfolg, sagt Gomez und verweist auf die Statistik. Im Jahr 2000 sind im Einsatzgebiet der Guardia Civil von Algeciras 13.000 Menschen aufgegriffen worden, die meisten waren per Boot über die Meerenge gekommen. In diesem Jahr sind es bislang weit weniger als 1000.

Lesen Sie im zweiten Teil: Hilft das SIVE Leben retten? Ist Grenzsicherung ein gutes Geschäft?

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