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Kultur

Marokkanische Jugendliche: Zwischen Abenteuer und Tod

Immer mehr marokkanische Jugendliche versuchen über die Meerenge von Gibraltar nach Europa zu kommen. Auf dem Weg riskieren sie ihr Leben. Doch sie wissen: Schaffen sie es bis nach Spanien, können sie meist bleiben.

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Mohammed klemmte sich unter einen Lastwagen, um nach Europa zu kommen

Mohammed ist da aufgewachsen, wo Deutsche, Franzosen oder Engländer Urlaub machen. Er stammt aus Imichil im Atlas-Gebirge. Das malerische Berberdorf ist bekannt für seine wunderschöne Landschaft, sowie seinen Heiratsmarkt. Mohammed hat schöne Erinnerungen an seine Heimat. Dennoch verließ er sie. Heute lebt Mohammed, gerade 18 Jahre alt geworden, in Südspanien, in der Nähe von Cádiz.

In Imichil leben seine Eltern, sieben Schwestern und ein Bruder. "Wir haben dort eigentlich ein gutes Leben", sagt Mohammed. "In der Schule waren wir 30 Schüler. Doch irgendwann ging einer nach dem anderen nach Europa. Am Ende blieben nur die Mädchen übrig. Als ich sah, dass all meine Freunde nach Europa gingen, beschloss ich auch zu gehen."

Im Fahrgestell eines Lastwagen

Sein Vater hatte ihm verboten zu gehen. Doch Mohammed sah im Fernsehen Bilder aus Spanien. Er glaubte das Leben sei dort einfach besser. Mohammed erinnert sich genau an den Tag, als er ging. Mit einem Freund nahm er früh den Bus in die Hafenstadt Tanger, 50 Euro hatte ihm sein Bruder besorgt.

Spanien Marokko Straße von Gibraltar

Die Straße von Gibraltar. An ihrer engsten Stellen liegen nur 14 Kilometer zwischen Europa und Afrika

Mohammed trieb sich einen Monat lang in Tanger am Hafen herum, dort wo die Autofähren nach Spanien ablegen. So wie Hunderte von Jugendlichen aus ganz Marokko beobachtete er, wie Autos, Lastwagen und Busse auf die Fähren fuhren. Er wartete auf den richtigen Moment, sich unter eines der Fahrzeuge zu klemmen. "Doch die Polizei erwischte mich immer wieder, die haben mich geschlagen und aus dem Hafen geworfen".

Aufgeben kam für ihn nicht in Frage. Irgendwann klappte es, Mohammed hängte sich in das Fahrgestell eines Lastwagens. Als er in Spanien ankam, wurde von der Polizei erwischt und landete in einem Heim für jugendliche Einwanderer.

Auswanderung als Abenteuer

Spanien Marokko Jose Luis Cabrera

Jose Carlos Cabrera, Betreuer in einem Jugendheim in Algeciras

Jose Carlos Cabrera arbeitet in der südspanischen Stadt Algeciras in einem solchen Heim als Betreuer. Die Schicksale der Jugendlichen sind oft dramatisch. Manche mussten schon als Kind bis zu 12 Stunden am Tag schuften, andere stammen aus zerrütteten Familienverhältnissen, lebten jahrelang auf der Straße, schnüffelten Klebstoff. Doch Cabrera kennt auch viele Fälle wie den von Mohammed. "Es gibt inzwischen auch Jugendliche, die einfach nur auswandern, weil die Hälfte ihres Viertels ausgewandert ist. Für sie ist die Auswanderung eine Art Abenteuer."

Es hat sich längst herumgesprochen, dass die Jugendlichen – sind sie erst einmal in Spanien angekommen - als Minderjährige speziellen Schutz genießen. Sie bekommen in der Regel Papiere und können dann, wenn sie 18 sind, bleiben und arbeiten. Das ziehe immer mehr Jugendliche an, sagt Cabrera und bringe die Heime an die Grenze ihrer Aufnahmekapazitäten. Er spricht gar von untragbaren Zuständen in den Heimen. "Wir können die Jugendlichen nicht so umfassende betreuen, wie es nötig ist", klagt er.

Massive Rückführungen drohen

Zuständig für die Jugendlichen sind die jeweiligen Regionalregierungen. In Andalusien überlegen die Behörden derzeit, wie sie die Jugendlichen möglichst schnell nach Marokko zurückschicken können. Minderjährige dürfen nicht abgeschoben werden. Die Familien müssen ausfindig gemacht und zahlreiche juristische Hürden überwunden werden. Bislang hatten sich die Behörden an diese Regeln gehalten, doch nun fürchten Flüchtlingsorganisationen eine massive Rückführungswelle. "Die andalusische Regionalregierung hat kürzlich angekündigt 880 marokkanische Jugendliche mit ihren Familien zusammenzuführen. Sie behaupten, die Jugendlichen hätten kein Bleiberecht, da sie aus geordneten Familienverhältnissen stammen", sagt Brigitte Espuche, Expertin für jugendliche Einwanderer von der Organisation Pro Menschenrechte in Cadiz.

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Brigitte Espuche von der Organisation Pro Menschenrechte in Cádiz

Davon könne jedoch nicht die Rede sein. Die, die kommen würden immer jünger, auch der Anteil von Mädchen steige. Espuche fürchtet Andalusien könnte seine im Vergleich mit anderen Regionen wie Madrid, Katalonien oder den Kanarischen Inseln vorbildliche Politik mit den Jugendlichen aufgeben. "Das was zum Teil in Madrid oder Katalonien Familien-Zusammenführung genannt wurde, waren in Wirklichkeit verdeckte Abschiebungen. In Andalusien ist es noch zum Glück nicht passiert, dass Kinder einfach an der Grenze zu Marokko ausgesetzt wurden. Noch nicht."

Auswandern als Delikt

Jugendliche wieder zurück nach Marokko zu schicken, ohne Garantie, dass sie auch wieder bei ihren Familien landeten, sei fatal. Marokko habe keine Betreuungseinrichtungen, außerdem müssten die Jugendlichen damit rechnen bestraft zu werden. Nach marokkanischem Recht ist die illegale Emigration ein Delikt. Es wird dabei nicht zwischen Minderjährigen und Erwachsenen unterschieden. Wer illegal ausreist kann mit einer Geldbuße oder gar Gefängnisstrafe belegt werden", sagt Espuche.

Mohammed hat seine rechtliche Situation in Spanien regeln können, bevor er 18 Jahre alt wurde. Damit kann er bleiben. Inzwischen macht er eine Lehre als Handwerker, am Wochenende arbeitet er in einem Restaurant. Würde er wieder nach Spanien kommen? Mohammed zögert nicht: "Nein, Ich würde nicht noch mal kommen. Im Atlas, da, wo ich herkomme, gibt es nette Leute. Ich vermisse meine Familia sehr, und sie mich." Bald will Mohammed seinen Führerschein machen, Wenn er etwas Geld gespart hat, will er zurück zu seiner Familie nach Marokko, nach Imichil. Er hofft, dass er dann dort auch seine alten Schulfreunde treffen wird.

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