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Amerika

Die deutschen Wurzeln des kalifornischen Weins

1875 begannen die Brüder Beringer in Kalifornien Wein herzustellen und wurden zu Mitbegründern des US-amerikanischen Weinbaus. Ihr Unternehmen überstand alle Krisen und hat sich heute als Global Player etabliert.

Es war die Verheißung des großen Glücks: Die Brüder Beringer aus Mainz waren zwei von zwei Millionen Deutschen, die zwischen 1868 und 1888 in die USA auswanderten, um dort ein neues Leben zu beginnen. Friedrich arbeitete zunächst als Geschäftsmann in New York. Jakob folgte ihm 1869, aber die Großstadt an der Ostküste gefiel ihm nicht. In ihrer Heimat hatten die Brüder schon Erfahrungen im Weinbau gesammelt. Jakob hörte von den guten Böden und dem bestens geeigneten Klima an der amerikanischen Westküste. So machten sich beide auf den Weg nach Kalifornien.

Das im Fachwerkstil errichtete Rhine House auf dem Beringer-Gut. Foto: DW/Günther Birkenstock

Das "Rhine House" erinnert an die deutsche Heimat der Gutsgründer

Jakob Beringer wurde Geschäftsführer bei Charles Krug, einem preußischen Einwanderer, der 1861 im kalifornischen Napa-Tal den ersten kommerziellen Weinbaubetrieb der Region eröffnet hatte. Doch ein Großbrand zerstörte die "Winery". Nur mühsam erholte sich Charles Krug von diesem Schicksalsschlag, wurde dann aber neben Beringer zu einer der Ikonen des US-amerikanischen Weinbaus.

Innovativ von Anfang an

1875 ging Jacob Beringer eigene Wege und kaufte zusammen mit seinem Bruder Friedrich das Weingut St. Helena mit 75 Hektar Rebland. Als Erinnerung an die Heimat errichteten die beiden auf dem Gutsgelände unter anderem das "Rhine House" im Rheingauer Fachwerkstil, ein stattliches Gebäude mit 17 Zimmern, heute eine vielbesuchte Touristenattraktion.

Von Anfang an zeigten sich die Beringers als große Weinbaupioniere und findige Geschäftsmänner. Sie ließen ein tiefes unterirdisches Tunnelsystem bauen, in den Fels gegraben von Chinesen, die nach der Fertigstellung der Transkontinentalen Eisenbahn in den USA Arbeit suchten. So entstand ein riesiger Weinkeller mit konstanten 14,5 Grad Celsius, bestens geeignet für die Weinherstellung und Lagerung im oft heißen Napa-Tal. Und das war nicht die einzige Innovation, betont Laurie Hook, die heute das Weingut Beringer leitet. “Eine der vielen Neuheiten war, dass die Beringers beim Aufbau ihres Weingutes die Gravitation benutzten. Sie ließen die Trauben mit Pferdewagen auf den Berg ziehen, um sie dann von oben in den Vergärungsraum fallen zu lassen.“ Eine Technik, die heute im modernen Bio-Weinbau genutzt wird. Denn je weniger der Wein durch Pumpen über weite Strecken befördert wird, desto besser die Qualität. Das lehrt die Erfahrung.

deutsch-amerikanische Weingut Beringer in Kalifornien. Beringer Winemarker Laurie Hook. Foto: DW/Günther Birkenstock

Leitet heute das Weingut Beringer: Laurie Hook

Außerdem richteten die Beringers eine eigene Weinschule ein, um mikrobiologisches Know-How für den Weinbau zu nutzen, lange bevor ähnliche Einrichtungen in den USA und Europa etabliert wurden. Fachleute aus Europa wurden eingeladen und halfen mit, die dynamische Entwicklung zu fördern.

Kampf ums Überleben

Die Reblausplage, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa den größten Teil der Weinfelder zerstörte, begünstigte den weiteren Erfolg und die Expansion des Weingutes. Die Beringers machten nicht nur in den USA gute Geschäfte, sondern konnten auch in viele Länder exportieren, in denen die Weinproduktion zusammenbrach.

Ein Blick in den geräumigen Weintunnel des Beringer-Guts. Foto: DW/Günther Birkenstock

Im Weintunnel herrschen konstante 14,5 Grad Celsius

Als 1918 das Gesetz der Prohibition den Handel mit alkoholischen Getränke verbot, bedeutete das für die meisten Weingüter Nordamerikas das Aus. Die Produktion im Napa-Tal sank um mehr als 90 Prozent. Die Beringers erhielten jedoch die Genehmigung, Wein "für religiöse Zwecke", also Messwein, zu produzieren - und überlebten. Als 1932 die Vermutung aufkam, die Prohibition könnte bald aufgehoben werden, setzte der damalige Weingutsleiter Fred Abruzzini aufs Ganze und produzierte weit mehr als die erlaubte Menge. Das Risiko war hoch, doch die Rechnung ging auf: Im Dezember 1933 wurde das Alkoholverbot aufgehoben und Beringer konnte die weindurstigen Amerikaner schnell beliefern.

Tourismus als neue Einkommensquelle

In den folgenden Jahren begann das Weingut, seine Türen für ein breites Publikum zu öffnen. Sehr früh wurde so der Weintourismus im Napa-Tal eingeläutet. Heute reisen Heerscharen von Besuchern nicht nur zu Beringer, sondern ins gesamte Napa-Tal, um die historischen Gebäude der Weingüter zu bewundern. Sie erwerben längst nicht mehr nur hochpreisige Weinflaschen sondern auch allerlei andere Souvenirs.

Der Verkaufsraum im Chateau St. Jean bietet auch viele Souvenire. Foto: DW/Günther Birkenstock

Der Weintourismus wird auch in Kalifornien immer wichtiger

Wie bei expandierenden Unternehmen üblich, hat das Weingut seit den 1970er Jahren mehrfach den Besitzer gewechselt. Heute ist es auf 1200 Hektar Größe angewachsen und im Besitz der "Treasury Wine Estates", einem globalen Weinkonsortium mit Sitz in Australien. An der innovativen Ausrichtung wird unterdessen festgehalten. Neben Seminaren für Weinprofis in einem eigenen Lehrzentrum wurde 1984 auf dem Beringer Gelände ein "Culinary Center" eingerichtet, eine Schule für amerikanische Küchenchefs zur Komposition von Wein und Speisen.

Das Entscheidende aber ist für Weinfrau Laurie Hook, dass sich der familiäre Führungsstil im Weingut nie geändert hat: "Über die gesamte Zeit, mehr als ein Jahrhundert, hat es nur sieben hauptverantwortliche Weingutsleiter gegeben", sagt sie. "Alle Besitzer waren sich der Bedeutung bewusst, dass man für diese Arbeit Zeit und tiefes Verständnis braucht, um Qualität hervorzubringen."

In den USA gibt es heute rund 320.000 Hektar Weinfelder, dreimal soviel wie in Deutschland. Der größte Teil davon liegt in Kalifornien. Auf das Napa-Tal entfallen nur 18.000 Hektar. Doch bleibt das Tal in punkto Innovation und Qualität in den USA nach wie vor der Spitzenreiter.