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Die "Brücke" als Skandal

Die Sittenwächter in Dresden kannten vor 100 Jahren keine Gnade. Als die Künstlergruppe "Brücke" mit Plakaten für ihre im September 1906 beginnende Erstlingsschau werben wollte, griffen die Hüter der Moral ein.

Das Bild 'Artistin' (1910) von Ernst Ludwig Kirchner - seit der ersten 'Brücke'-Ausstellung sind seine Bilder ständig auf Reisen und werden gezeigt

Das Bild 'Artistin' (1910) von Ernst Ludwig Kirchner - seit der ersten 'Brücke'-Ausstellung sind seine Bilder ständig auf Reisen und werden gezeigt

"Da der Eindruck des behaarten Geschlechtsteils der weiblichen Gestalt hervorgerufen werde", lehnten sie den Entwurf ab, erinnerte sich der Maler Fritz Bleyl an den Sündenfall. Laut Gesetz waren öffentliche Darstellungen untersagt, die das Scham- und Sittlichkeitsgefühl der Bevölkerung verletzen konnten. Nach heutigen Maßstäben wirkt Bleyls gelbe Lithographie einer stilisierten Frau so harmlos wie ein Kuss in einer Vorabendserie.

Künstlervereinigung mit Manifest

Bleyl gründete mit seinen Mitstreitern Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff am 7. Juni 1905 in Dresden – noch als Architekturstudenten - die Künstlergemeinschaft "Brücke". Damit begann mit dem Expressionismus ein neues Zeitalter der Malerei. "Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt", hieß es im Manifest der Gruppe.

Der "Brücke"-Stil reift

Die frühen Werke der "Brücke" zeigen kontrastreiche Farben, die durch den Neoimpressionismus und Werke Theo van Goghs Edvard Munchs angeregt sind, heißt es beim Buchheim Museum über den Expressionismus und die Künstlergruppe. Erst um 1910 entfaltete sich der reife "Brücke"-Stil mit zunehmend eckigen Formen und dem großflächigen Einsatz von Farbe. Eine reduzierte Formensprache und leuchtende Farben gerieten zum Markenzeichen. "Das Schiefrunde wurde zum Charakteristikum ihrer Bilder. Sie veränderten die Zentralperspektive, zerstörten die Ordnung und kämpften gegen eine zu große Festigkeit", sagt der Direktor der Galerie Neue Meister in Dresden, Ulrich Bischoff.

Stichtag 24. September 1906

Nachdem Werke einzelner "Brücke"-Maler schon zuvor in Expositionen auftauchten, begann am 24. September 1906 der eigentliche Ausstellungsbetrieb. Schauplatz war die Lampenfabrik von Karl-Max Seifert im Dresdner Stadtteil Löbtau, einem bevorzugten Arbeitsort der Künstler. Als Zeichner und Assistent im Architekturbüro von Wilhelm Kreis hatte Heckel den Fabrikanten Seifert kennen gelernt. Kreis war mit dem Neubau von Schauräumen für die Fabrik beauftragt und setzte Heckel als Bauleiter ein. Auf einem Schwarz-Weiß-Foto blieb der Musterraum der Fabrik überliefert. An der Decke hängen unzählige Lampen, an den Wänden die Bilder der "Brücke"-Künstler.

Die Themen und Motive der Werke kreisten um das eigene Leben, um Modelle und Atelierszenen. Ihre sommerlichen Aufenthalte an Seen und den Küsten der Nord- und Ostsee – um den Akt in "freier Natürlichkeit" zu studieren, wie es auf der Internet-Seite der Expressionismus-Museen (Buchheim Museum, Schlossmuseum Murnau und das Franz Marc Museum) weiter heißt.

Herausforderung für die Kritiker

Die Zeitungen berichteten damals meist mit kleinen Nachrichten und Berichten. "Wenn man die mehr oder weniger robuste Anwendung der Farbenprinzipien des Pointillismus, der ungebrochenen Farben des Sonnenspektrums, für modern hält, so sind diese Ölgemälde mit ein paar Ausnahmen im höchsten Grade 'modern'", schrieb der "Dresdner Anzeiger" am 6. Oktober 1906 eher reserviert. "Bilder, die in einem wilden Farbenrausch entstanden zu sein scheinen, Improvisationen in ungewissen Formen, mit naiven oder tiefdeutigen Bezeichnungen" waren für die Kritik eine Herausforderung. Tatsächlich hatten sich die Maler vom späten Impressionismus (Pointillismus) inspirieren lassen.

Von Dresden nach Berlin

Inzwischen waren zum Gründer-Quartett weitere Maler hinzu gestoßen. Auch Cuno Amiet, Emil Nolde und Max Pechstein stellten bis in den Oktober hinein in der ersten "Brücke"-Schau aus. Eine zweite folgte am selben Ort von Dezember bis Januar 1907. Ein Jahr nach ihrer Gründung war die "Brücke" im gesellschaftlichen Leben der Stadt angekommen. Auch die erste von sieben Jahresmappen erschien.

Bis 1911 blieb die "Brücke" in Dresden, danach errichtete sie ihre Pfeiler in Berlin. Im Mai 1913 folgte die Auflösung der Gruppe. Ihr erster Ausstellungsort, die Seifertsche Lampenfabrik, hielt länger durch. Von ihr blieb jener Bau erhalten, der damals die ersten "Brücke"-Bilder aufnahm. Derzeit prüft die Stadt Dresden das Konzept eines Investors, der auf dem Firmenareal Gewerbe, Wohnungen, Büros, Gastronomie und Parkplätze vereinen will. (kap)