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Nahost

Die Angst vor einem weiteren Konfliktherd

Selbstmordattentäter und zerstörte Häuserfassaden: Der syrische Bürgerkrieg ist in der libanesischen Hauptstadt Beirut angekommen. Doch Hisbollah und Iran wollen eine Eskalation vermeiden - jedenfalls vorerst.

Hisbollah im Libanon (Foto: ANWAR AMRO/AFP/Getty Images)

Die Hisbollah im Libanon erhält Unterstützung aus dem Iran

Jedes Mal, wenn das Assad-Regime Verstärkung braucht, schickt die vom Iran ausgestattete schiitische Hisbollah tausende Kämpfer über die Grenze. Syrische Regierungstruppen sind in den vergangenen Tagen gemeinsam mit Hisbollah-Kämpfern weiter in Gebiete im Umland der Großstädte Damaskus und Aleppo vorgerückt, die bislang unter der Herrschaft der Rebellen standen. Sunnitische Gruppen aus dem Libanon unterstützen, wenn auch weniger organisiert und schlagkräftig, die Opposition in Syrien.

Der Libanon steckt also bis zum Hals in der Syrien-Krise. Es seien die Erinnerungen an 15 Jahre Bürgerkrieg von 1975 bis 1990, die bislang verhindert hätten, dass der Krieg in Syrien auf den Libanon übergreift, sagt Bente Scheller, Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut im Gespräch mit der DW.

"Keine Bühne für politische Botschaften"

Seit am Dienstag (19.11.2013) bei einem Doppelanschlag auf die iranische Botschaft im Süden der libanesischen Hauptstadt mindestens 23 Menschen getötet wurden, finden libanesische Politiker klare Worte. Der amtierende libanesische Regierungschef Nadschib Mikati sagte, es sei nicht akzeptabel, "den Libanon als Bühne zu benutzen, um politische Botschaften in die eine oder andere Richtung von sich zu geben".

Aufruhr nach dem Anschlag auf die iranische Botschaft in Beirut (Foto: REUTERS/Mahmoud Kheir)

Mindestens 23 Menschen und 147 Verletzte gab es bei dem Anschlag in Beirut

In einem Statement des sunnitisch geprägten Parteienbündnisses "14. März" hieß es, der Libanon zahle den Preis dafür, dass der Iran sich in Syrien an die Seite eines verbrecherischen Regimes stelle. Zu den Anschlägen bekannte sich die sunnitische Al-Kaida-nahe Extremistengruppe Abdallah-Assam-Brigaden. In einem Bekennerschreiben nannte sie als Motiv die Beteiligung der schiitischen Hisbollah-Miliz am Bürgerkrieg in Syrien. Über den Nachrichtendienst Twitter wurden weitere Anschläge angedroht, sollte sich unter anderem die Hisbollah nicht umgehend aus Syrien zurückziehen.

Sunniten gegen Schiiten

Baschar al-Assad (Foto: DPA)

Syriens Präsident Assad erhält Unterstützung aus dem Iran

Spätestens seit im Mai 2013 bekannt wurde, dass die libanesische Hisbollah im Syrien-Krieg auf Seiten Assads kämpft, ist immer wieder die Rede von einem eskalierenden Religionskrieg zwischen Schiiten und Sunniten. Auf der einen Seite stehen der schiitische Iran, die Hisbollah und das alawitische Regime in Syrien (Alawiten sind ebenfalls Schiiten). Auf der anderen Seite: die sunnitische Führungsmacht Saudi-Arabien, Katar und die Türkei. Differenzen seien zwar immer da gewesen, sagt Bente Scheller, doch ein Blick auf die langjährige Geschichte zeige eigentlich, dass Sunniten und Schiiten über weite Strecken friedlich miteinander gelebt hätten. "Das ist eher ein Produkt der heutigen Machtverteilung, bei der sich Iran und Saudi-Arabien gegenüberstehen", sagt die Expertin.

Seit der Islamischen Revolution im Iran 1979, die eine Islamisierung der Politik und der Gesellschaft nach sich zog, nimmt Saudi-Arabien den schiitischen Iran als Land wahr, das versucht, seine Hegemonialstellung im Nahen Osten auszubauen. Saudi-Arabien ist seither bemüht, jeglichen Einfluss des Iran zurückzudrängen.

Der Iran hingegen, so Islamwissenschaftler Walter Posch von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, habe eine historische Beziehung zu den Schiiten der Region, die man nicht kappen könne. Als 1982 unter maßgeblicher Regie des Iran und unter dem ideologischen Export der Islamischen Revolution die Hisbollah entstand, hatte der Iran das erste Mal eine direkte Verbindung in die Region. "Die Hisbollah dient den Iranern vor allem dazu, die iranische Rolle in der Region zu legitimieren", sagt Walter Posch. Seit mehr als drei Jahrzehnten zählt auch Syrien zu den engsten Verbündeten der Islamischen Republik in der arabischen Welt, ein Pakt, der bis in die Zeiten des irakisch-iranischen Krieges (1980-1988) zurückreicht.

Sorge vor dem Sturz Assads

Während Saudi-Arabien die Rebellen in Syrien im Kampf gegen das Assad-Regime unterstützt, steht der Iran samt der Hisbollah dem Assad-Regime mit Rat und Tat zur Seite. Er versorgt es mit Geld, Waffen und schickt Militärberater nach Damaskus.

[18472915] Walter POSCH, Iranspezialist Wien, Walter POSCH, Landesverteidigungsakademie, Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement, Iranspezialist;

Walter Posch, Stiftung Wissenschaft und Politik

Denn in Teheran ist die Sorge groß, dass die Regierung in Damaskus gestürzt werden könnte. "Sollte es jemals so weit kommen, dass sunnitische Extremisten die Macht in Syrien übernehmen, dann wäre die Hisbollah eindeutig isoliert: Auf der einen Seite wäre dann ein sunnitisches Syrien, es gäbe weiterhin extremistisch-sunnitische Gruppen im Libanon und im Süden wäre immer noch Israel", sagt Walter Posch. Der Iran könnte mit einer geschwächten Hisbollah und einem gestürzten Regime in Syrien nur schwer seinen Einfluss auf die Region aufrecht erhalten.

Verbesserung der Beziehungen

Nach dem Anschlag in Beirut auf die Botschaft haben sowohl der Iran als auch die Hisbollah trotz eines Bekennerschreibens der Abdallah-Assam-Brigaden mit dem Finger auf Israel gezeigt und das Land für die Anschläge verantwortlich gemacht. "Der Iran will nicht zugeben, dass er durch seine Einmischung in den Syrien-Krieg in eine religiöse Auseinandersetzung geraten ist und es jetzt mit einem neuen Feind zu tun hat: mit sunnitischen Extremisten", sagt der israelische Nahost-Experte Meir Javedanfar. Walter Posch schätzt die erste Reaktion der Iraner als taktisch ein: "Sie werden es vermeiden, die Saudi-Araber öffentlich zu beschuldigen. Die Iraner arbeiten jetzt daran, dass sie ein besseres Verhältnis zu Saudi-Arabien bekommen."

Aus gutem Grund, glaubt auch Bente Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung. Denn, wenn die Lage im Libanon weiter eskaliere, könnte das unwägbare Konsequenzen für den Iran und die Hisbollah haben. "Der Iran hat kein Interesse an einem weiteren großen Konfliktherd. Da reicht Syrien schon aus."

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