1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Afrika

Die Angst der Christen in Nordnigeria

Kirchen im Norden Nigerias sind immer wieder Ziel der islamistischen Sekte Boko Haram. Viele Gläubige fürchten sich. Die Regierung wirkt hilflos in ihrer Bemühung, den Terror zu bekämpfen.

In der Marienkirche in Sabon Gari, dem christlichen Stadtteil von Kano, singt der kleine Kirchenchor. Es ist Sonntagmorgen, und eigentlich müsste die katholische Kirche bis auf den letzten Platz besetzt sein. Doch seit den Anschlägen in Kano Ende Januar bleiben viele Stühle leer: Vor Kirchen zündet die islamistische Sekte Boko Haram besonders häufig Bomben.

Ein Arbeiter inspiziert den Tatort der Bombenanschläge in Kano Januar 2012 (Foto: AFP)

Anschläge in Kano Januar 2012

Auch Amaka Uzoh sitzt der Schreck noch in den Gliedern, wenn sie an die Anschläge der vergangenen Wochen zurückdenkt: "Wir hatten alle Todesangst und glaubten nicht, den heutigen Tag überhaupt noch zu erleben. Jetzt geht es uns zum Glück wieder besser."

Viele Christen verlassen Kano

In die Wirtschaftsmetropole Kano, wo bei den Anschlägen über 200 Menschen ums Leben gekommen sind, kehrt langsam der Alltag zurück. Tagsüber verstopfen Autos die Straßen, Märkte und Schulen sind wieder geöffnet. Trotzdem haben Tausende Menschen in den vergangenen Wochen die Stadt verlassen. Viele der Zugezogenen waren Christen aus dem Nigerdelta im Südosten des Landes. Sie sind in ihre Heimat zurückgekehrt – und fehlen jetzt in den Gottesdiensten von Priester Peter Ebidero. "Viele Menschen kommen nicht, weil es Anschläge gab. Sie verlassen Kano aus Furcht vor neuen Unruhen", erklärt der Geistliche.

Der Priester selbst hat allerdings kein einziges Mal überlegt, Kano zu verlassen. "Mir sagt eine innere Stimme: So etwas wie im Januar gibt es kein zweites Mal", versucht sich Peter Ebidero in Zuversicht. Und wohin sollte er auch gehen? Er stammt aus Kano und liebt die Stadt. Von den unbeschwerten Kindheitserinnerungen an seine Heimat ist heute aber nicht mehr viel übrig: Seit ein paar Wochen steht an jeder Straßenecke ein Polizist und hält Auto- und Mopedfahrer an. Doch die Kontrollen – eine der Maßnahmen im Kampf gegen Boko Haram – wirken fast lächerlich halbherzig.

"Die Regierung wirkt konfus"

Polizist in der Millionenstadt Kano (Foto: Katrin Gänsler)

Polizeiposten und Straßensperren prägen den Alltag in der Millionenstadt Kano

Neben dem massiven Sicherheitsaufgebot will die nigerianische Regierung den Terroristen nach wie vor den Dialog anbieten. Peter Ebidero glaubt nicht an den Erfolg dieser Strategie: "Die Regierung wirkt so konfus. Auf der einen Seite sucht sie das Gespräch, auf der anderen Seite jagt sie die Mitglieder und versucht, sie auszurotten."

Und noch etwas scheinen die Verantwortlichen nicht bedacht zu haben: "Wer ist Boko Haram wirklich?", fragt sich der Priester. Jeden Tag sorgt die Gruppe für neue Schlagzeilen. Jeder kennt sie, jeder spricht über sie. Trotzdem bleibt Boko Haram ein Gespenst, das sich offensichtlich weder von der Polizei noch vom Sicherheitsdienst fassen lässt.

Die Terroristen hätten sich mittlerweile in ganz Nordnigeria etabliert, sagt Muzzammil Sani Hanga, Generalsekretär des Rates der islamischen Rechtsgelehrten in Nigeria. "Das ist nur möglich, weil sie eine Ideologie haben und überall nach Anhängern suchen, die unzufrieden, arm und arbeitslos sind", erklärt Hanga. "Ihnen wird gesagt: Schaut Euch die schlechte Regierung an, wir jagen sie fort und etablieren eine neue."

Nigeria – ein gespaltenes Land

Mopedfahrer, so genannte Okadas, in Kano (Foto: Katrin Gänsler)

Inzwischen von vielen Nigerianern gefürchtet: Okada-Fahrer

Doch trotz der momentanen Angst hält niemand Boko Haram für so stark, dass sie die Regierung stürzen kann. Eines hat die Gruppe aber geschafft: Viele Nigerianer diskutieren über die Zukunft ihres Landes und eine mögliche Spaltung. Amaka Uzoh zuckt mit den Schultern. Sie weiß nicht, ob es eine Lösung wäre, wenn sich der christliche Süden tatsächlich vom muslimischen Norden trennt. Gespalten fühlt sie sich aber schon jetzt. "Immer hieß es, Nigeria sei ein Land. Aber wir aus dem Süden haben das Gefühl, dass man uns hier im Norden nicht mehr will", ärgert sich die Christin. Wenn es ganz schlimm kommt, will sie zurück in ihre Heimat Enugu gehen.

Autorin: Katrin Gänsler
Redaktion: Stefanie Duckstein

Die Redaktion empfiehlt