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Kultur

Die Aidspillenmafia

Zehntausende Packungen von Aidsmedikamenten waren für leidende Afrikaner bestimmt. Doch sie landeten in deutschen Apotheken. Illegale Medikamentenschieberei wird zum Problem für die Pharmaindustrie

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"Teures" Schmuggelgut

Es ist Judith Kramers Job, sich um das ramponierte Image der Pharmafirma GlaxoSmithKline (GSK) zu kümmern. Da hätte es für sie kaum schlimmer kommen können. Alles war so gut gemeint. GSK schließt Abkommen mit Hilfsorganisationen in Afrika - und liefert Medikamente, die den tödlichen Virus HIV in Schach halten.

Seit dem Frühsommer 2001 verschifft der Pharmariese Aidsmedikamente nach Westafrika und gewährt den Empfängern bis zu 90 Prozent Rabatt. Die Präparate Combivir, Epivir und Trizivir sollten gezielt da verteilt werden, wo der Bedarf am größten ist.

Doch vor ein paar Wochen landeten 43.000 Packungen aus den Hilfslieferungen in Deutschland und den Niederlanden auf dem Apothekentresen - zum vollen Preis. "Allein vom Präparat Combivir sind 34.000 Packungen betroffen," klagt Judith Kramer, im Gespräch mit DW-WORLD. "Das ist ein Viertel unserer Gesamtlieferungen nach Afrika." 3000 Aidskranke hätten mit dem Medikament ein Jahr lang behandelt werden können.

Krimineller Re-Import

Wahrscheinlich haben die Medikamente nie den Zoll in Afrika verlassen, sondern sind direkt nach Europa zurückverfrachtet worden. Hier gelangten sie in die normale Vermarktungskette zurück – mit riesigen Gewinnen für die kriminellen Re-Importeure. In Afrika kostet Combivir etwa 50 Euro pro Packung, in Deutschland fast das fünfzehnfache, 740 Euro. Ein Großteil der Pillen landete in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein.

Firma aus Essen unter Verdacht

Wie konnte das geschehen? Auch für Judith Kramer steht hier noch "ein großes Fragezeichen". Mittlerweile steht eine Firma aus Essen im Verdacht, in den Deal verwickelt zu sein. Spezialisten für Wirtschaftskriminalität der Bochumer Staatsanwaltschaft vermuten, dass die Essener den Transport der Pillen aus den afrikanischen Zolllagern zurück nach Europa eingefädelt haben. Von dort soll sie ein niederländischer Händler weitervertrieben haben.

"Doch wir stehen noch am Anfang," betont Bernd Bieniossek, Sprecher der Staatsanwaltschaft gegenüber DW-WORLD. "Wir wissen noch nicht, ob die Essener nur Boten waren, oder ob sie auch die Medikamente vor Ort angekauft haben."

Reimport von Medikamenten ist durchaus üblich, aber nur innerhalb der EU legal. Ein Präparat, das in Frankreich von einer Firma billiger angeboten wird als in Deutschland, kann ein Großhändler in die Bundesrepublik importieren und den Apotheken günstiger anbieten. "Aber solche Transaktionen werden bei uns angemeldet," betont Judith Kramer. "Irgendwo in der Kette zwischen Afrika und Europa müssen die Papiere gefehlt haben, oder jemand hat bewusst auf sie verzichtet."

Abkommen der Pharmakonzerne unterlaufen

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Aidsklinik in Nigeria: Pharmakonzerne liefern Medikamente zum Selbstkostenpreis

Der Schaden für die Pharmaindustrie ist riesig. Zusammen mit fünf anderen Herstellern von Aids-Medikamenten verkauft GlaxoSmithKline seine Präparate in Entwicklungsländern zu "not for profit"-Preisen. "Um weiter profitabel arbeiten zu können, sind wir aber auf die Erlöse aus dem Geschäft in der ersten Welt angewiesen," sagt Christophe de Callatay vom europäischen Verband der Pharmaproduzenten EFPIA. Wenn kriminelle Re-Importe dieses System unterlaufen, könne die Industrie langfristig nicht mehr ihre Forschung finanzieren.

Die Kontrollen müssten verschärft, die "not for profit"-Medikamente unverwechselbar gemacht werden. "Wir könnten in Zukunft den Aidsmitteln für Afrika einfach eine andere Farbe geben," schlägt de Callatay vor. Die geschmuggelten Pillen, die jetzt in Deutschland und den Niederlanden aufgetaucht sind, waren nur an Aufklebern mit den Namen "Kohlpharma" und "mpa-Pharma" zu erkennen.

Derart dreiste Medikamentenschieberei ist noch nie aufgeflogen. Doch die Pharmafirmen befürchten, dass das Beispiel Schule macht. Das kriminelle Potential ist da. Und mit Medikamentendeals ist in der Dritten Welt viel Geld zu verdeinen. Erst im September hat die Polizei eine Bande in Uganda ausgehoben. Mitarbeiter von Gesundheitszentren hatten gespendete Aidsmedikamente der Firma Pfizer geraubt und an Privatkliniken verkauft.

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