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Sport

Die Abwehr ist schon titeltauglich

Ein Standard, ein Kopfball, ein Tor - c'est ça! Die Ausbeute der DFB-Elf gegen Frankreich klingt minimal, ist aber top. Nun scheint der WM-Titel wieder möglich - vor allem, weil die Abwehr endlich steht.

Eine Szene wie aus dem Fußballgeschichtsbuch: Kroos legt sich den Freistoß zurecht, zirkelt den Ball in den Strafraum, dort steigt Hummels hoch, köpft - Tor. Klingt profan und irgendwie aus einer lange vergessenen Vergangenheit stammend. Ein Tor, das der spielerischen Klasse dieser Mannschaft geradezu unwürdig erscheint. Schließlich wurden ruhende Bälle lange von Bundestrainer Joachim Löw verschmäht, er widmete sich lieber dem gepflegt hin und her rollenden Ball. Doch nun ist es tatsächlich eine simple Standardsituation, die dieses Spiel entscheidet. Deutschland gewinnt das WM-Viertelfinale gegen Frankreich mit 1:0 (1:0), steht nun im Halbfinale gegen Brasilien - und das alles wegen eines schnöden Kopfballtores.

Nein, ganz so einfach ist es natürlich nicht. Hinter diesem minimalistischen Sieg im legendären Maracanã von Rio de Janeiro steckt mehr: Joachim Löw setzt bei dieser WM zunehmend erkennbar auf nüchternen Ergebnisfußball. Der "Schöngeist" Löw scheint nun seinerseits ein Fall für die Fußballgeschichtsbücher. Gegen Frankreich waren es nicht seine brillanten Offensivgenies Müller, Özil oder Götze, die das Spiel gewannen, sondern die Defensivabteilung.

Kaum Raum für Benzema

Mats Hummels jubelt (Foto: Getty)

Lufthoheit auch im gegnerischen Strafraum: Mats Hummels jubelt

Nicht nur, dass Verteidiger Mats Hummels mit viel Wucht und gutem Timing das goldene Tor zum Halbfinale köpfte, nein, vor allem die konzentrierte Leistung des Abwehrverbundes sicherte den Erfolg. Maßgeblichen Anteil hatte dabei Hummels selbst, der das Zentrum gemeinsam mit Jérôme Boateng effektiv zustellte und Frankreichs Mittelstürmer Karim Benzema kaum Raum zur Entfaltung ließ. Per Mertesacker, der nach bisher vier Spielen von Anfang an überraschend draußen bleiben musste, wurde so nicht vermisst.

Eine andere Umstellung ließ in Deutschland Millionen selbsternannte Bundestrainer jubeln: Löw beorderte Kapitän Philipp Lahm auf die rechte Verteidigerposition zurück - eine überwältigende Mehrheit der Fans hatte genau das gefordert. Lahm gab der deutschen Abwehr im Vergleich zum glücklichen Achtelfinal-Sieg gegen Algerien deutlich mehr Stabilität und war zugleich auch im Spielaufbau über die Außenbahn wertvoll. Er dürfte dort nun auch in den kommenden Spielen auflaufen, auch wenn sowohl er als auch Löw sich in dieser Frage bedeckt hielten.

Frankreichs Spitzen Mathieu Valbuena, Antoine Griezmann und Karim Benzema versuchten es im weiteren Spielverlauf immer wieder mit schnellen Vorstößen und Positionswechseln, doch die deutsche Viererkette verschob sich geschickt und machte die Räume eng. Weil davor Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger nun gerade rechtzeitig zur entscheidenden Phase des Turniers zu ihrer Form gefunden haben, gab es für die Équipe tricolore kaum gute Gelegenheiten zum Abschluss. Die neu formierte deutsche Verteidigung präsentierte sich erstmals in diesem Turnier wirklich titeltauglich.

Offensiv mit Luft nach oben

"Wir haben wenige Torchancen zugelassen gegen Frankreichs starke Offensivkräfte. Wir saßen dem Gegner ständig im Nacken im Mittelfeld und natürlich galt das auch für unsere Abwehrreihe", lobte Bundestrainer Löw sein Team für eine reife Defensivleistung.

Vorne war die DFB-Elf nicht ganz so überzeugend: Stürmer Miroslav Klose nutzte seine Startelf-Chance nicht hundertprozentig. Er ackerte zwar, um anspielbar zu bleiben, konnte sich aber kaum entscheidend durchsetzen. Thomas Müller spielte zwar gut, konnte gegen Frankreichs kompakte Verteidigung aber nicht viel ausrichten und Mesut Özil zeigte sich zwar verbessert, aber immer noch klar unter seinen gewaltigen Möglichkeiten. Am Ende hatte André Schürrle gleich doppelt freistehend die Chance zur Entscheidung, nutzte aber keine davon.

Auf Neuer bleibt Verlass

Deshalb fuhr dem Bundestrainer in der Nachspielzeit der Schreck noch einmal in die Glieder: Karim Benzema setzte sich im Strafraum durch, zog aus rund sechs Metern ab - doch Manuel Neuer war zur Stelle. Reflexartig schoss seine rechte Hand in die Höhe und wehrte den Schuss von Benzema ab. Die beruhigende Erkenntnis für Löw: Wenn die Abwehr sich doch mal einen Fehler leistet, ist Neuer der gewohnt sichere Rückhalt. Die Szene war die letzte Chance im Spiel, Frankreich war geschlagen.

Löw und Lahm nach dem Spiel Deutschland - Frankreich

Umgestellt: Löw ließ Lahm auf rechts spielen. Eine populäre und erfolgreiche Maßnahme

Der Schlusspfiff offenbarte, wie immens groß der Druck war, der auf Trainerstab und Verantwortlichen lastete. Nach außen hin hatte sich die Führungsriege des Deutschen Fußball-Bundes nichts anmerken lassen, doch innerlich wussten alle: Dieses Spiel entscheidet - nicht nur über das Weiterkommen, sondern sehr wahrscheinlich auch darüber, ob das Langzeit-Projekt Löw weitergehen kann. Mit hochroten Köpfen umarmten sich DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Generalsekretär Helmut Sandrock auf der Ehrentribüne, schunkelten und freuten sich wie kleine Kinder. Ähnliche Bilder weiter unten auf dem Platz: Joachim Löw jubelte ausgelassen mit Co-Trainer Hansi Flick, sein Team feierte stürmisch den Abpfiff.

Das Ziel scheint erstmals greifbar

Zum 13. Mal steht damit eine deutsche Mannschaft im Halbfinale bei einer Weltmeisterschaft. Und auch das soll nur eine Zwischenstation sein: "Ich hoffe, dass unser Weg noch nicht zu Ende ist", sagte Siegtorschütze Mats Hummels nach der Partie, ehe er verdient als Spieler des Spiels geehrt wurde. Das große Ziel ist und bleibt der WM-Titel. Neu ist: Nun scheint dieses Ziel wirklich erreichbar.

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