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Afrika

Deutschlands Marshallplan - Afrikas Skepsis

Mit einem gigantischen Marshallplan will Entwicklungsminister Müller die Armut in Afrika bekämpfen. Bald soll ein Konzept vorliegen. Nicht jeder in Afrika hält das für sinnvoll.

Nigers Arbeitsminister Yahouza Sadissou Madobi (DW/D. Köpp)

Nigers Arbeitsminister Yahouza Sadissou lobt die Idee eines Marshallplans

Wenn es nach einer neuen Studie der Denkfabrik "Club of Rome" und des Netzwerks "Senat der Wirtschaft" geht, dann sollte Deutschland für Afrikas wirtschaftliche Entwicklung deutlich mehr tun als bisher. Das Papier fordert einen Zukunftsfonds für Afrika. 120 Milliarden Euro soll Deutschland bis 2030 einzahlen.

Einen "Marshallplan" für Afrika nennt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller auch sein eigenes Konzept, das er in den nächsten Wochen vorstellen will. Bisher gibt es wenig Konkretes aus seinem Ministerium. Soviel steht allerdings fest: Müller nimmt die Flüchtlingsströme aus Afrika zum Anlass, um auf die Probleme auf dem Kontinent aufmerksam zu machen. Zudem plädiert er dafür, den Menschen in ihren Herkunftsländern eine Perspektive zu geben.

Entwicklungsminister Müller blättert im Saal der Bundespressekonferenz in einer Ausgabe der Studie des Club of Rome und des Senats der Wirtschaft.

Entwicklungsminister Müller liest die Studie des Club of Rome und des Senats der Wirtschaft.

Die Studie, die Club of Rome und Senat der Wirtschaft am Freitag dem Minister überreichten, rechnet vor, was dies für Deutschland bedeuten könnte: Einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling lasse sich die Bundesrepublik 60.000 Euro im Jahr kosten - ein Vielfaches von den rund 2 Euro, die jeder Bürger Afrikas bisher erhalte.

Macht ein Marshallplan im 21. Jahrhundert Sinn?

Nigers Minister für Arbeit und Soziales, Yahouza Sadissou, lobt im DW-Interview den deutschen Vorstoß. Der Marshallplan sei eine Lösung für die Migrationskrise und die Armut, die sich wie eine Pandemie in Afrika verbreitet hätten, sagte Sadissou am Freitag. Doch nicht überall trifft Müllers Vorschlag auf Wohlwollen. 

Die Kritik beginnt schon mit dem Namen - einem Verweis auf die umfassende Wirtschaftshilfe, mit der die USA einst den Wiederaufbau Deutschlands unterstützte. "Das Afrika unserer Zeit kann nicht wirklich mit Deutschland am Ende des Zweiten Weltkriegs verglichen werden", sagt der Generalsekretär der Deutschen Afrika-Stiftung (DAS), Ingo Bardoreck, im DW-Gespräch. Außerdem müsse Afrika heute mehr als Akteur verstanden werden und mehr in Lösungen eingebunden werden, als es der Name Marshallplan suggeriere.

Ähnlich sehen das auch die Nutzer der DW-Facebook-Seiten. "Nehmt euch in Acht vor so einem Plan Europas", schreibt Mathause Sitoe: "Fragt jedes Land, was es braucht und wo es in Infrastruktur investieren will." Der Burundier Nimubona Christian geht noch weiter und empört sich: "Warum müssen immer die anderen für Afrikaner denken? Braucht man solche großen Ideen, um Afrikas Entwicklung zu fördern? Wenn ja: Ich glaube nicht, das so etwas auf dem Kontinent fehlt." Umar Biriji aus Nigeria sieht die afrikanischen Regierungen in der Pflicht. Diese dürften "nicht immer auf Hilfe von außen warten".

Wirtschaftsförderung statt klassischer Entwicklungshilfe

Wo Afrikas Zukunft geplant wird, muss Afrika mit am Tisch sitzen. Das steht auch für den politischen Analysten Japheth Omojuwa aus Nigeria außer Frage. Westliche Länder sollten zunächst mal zuhören: "Persönlich glaube ich nicht, dass Afrikas Problem in fehlender Entwicklungshilfe besteht. Das hat in all den Jahrzehnten nicht funktioniert und es wird auch in Zukunft nicht funktionieren", so Omojuwa im DW-Gespräch.

Die Kritik ist nicht neu. Schon 2009 kritisierte die frühere sambische Weltbank-Ökonomin Dambisa Moyo in ihrem Buch "Dead Aid", dass die Entwicklungshilfe nicht nur jedes Wachstum ersticke, sondern auch neue Abhängigkeiten schaffe. Weitere Experten wie der Südafrikaner Greg Mills legten nach und versuchten, Modelle zu entwickeln, wie Afrika aus eigenen Kräften aus der Armut entkommen kann.

Flüchtlinge in einem sinkenden Schlauchboot im Mittelmeer. Im Hintergrund ein Rettungsschiff.

Mehr Wohlstand in Afrika soll Flüchtlinge vor der gefährlichen Überfahrt nach Europa abhalten

Ein immer wiederkehrender Kerngedanke: Nicht Entwicklungshilfe, sondern wirtschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe sei gefragt. Eine neue Erhebung des afrikanischen Forschungsnetzwerks Afrobarometer belegt nun, dass gerade die Wirtschaftspartnerschaft afrikanischer Länder mit China bei vielen Afrikanern gut ankommt. Zumindest auf dem Papier seien dies Partnerschaften auf Augenhöhe, sagt Analyst Japheth Omojuwa. "Immerhin versteht China es, nicht so mit Afrika zu spielen, wie westliche Länder in der Vergangenheit mit Afrika gespielt haben."

Ein bisschen von dieser Kritik ist in Deutschland offenbar schon angekommen. So sprechen die Autoren der aktuellen Studie ganz bewusst von einem Marshallplan "mit" Afrika - und nicht "für" Afrika. Auch Bundesminister Müller, der zuletzt im August Senegal, Niger und Ruanda bereiste, betont, dass sein Plan nur im Dialog mit Afrika umgesetzt werden könne. Soviel scheint klar: Sein Marshallplan soll zu einem großem Teil die lokale Wirtschaft in afrikanischen Ländern fördern - ohne den Umweg über Regierungen. Den Facebook-Nutzern der DW dürfte das gefallen. Ob Französisch, Haussa oder Kisuaheli - immer warnen sie vor der Korruption der Mächtigen: "Bloß kein Geld für Tansania", schreibt daher auch Omar Salim: "Lieber sterben wir alle, als dass es in den Mägen der Korrupten endet."

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