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Kultur

"Deutschland ist mein Zuhause"

Deutsch lernte Olga Martynova erst mit fast 30 Jahren. Für ihr fulminantes Romandebüt in deutscher Sprache bekommt sie den Chamisso-Förderpreis. Gedichte schreibt sie weiterhin in der russischen Muttersprache.

Olga Martynova (Foto: Verlag Droschl)

Noch bevor sie ihren Mantel ablegen kann, wird Olga Martynova im Café des Frankfurter Literaturhauses stürmisch begrüßt. Eine junge Frau lässt ihren Cappuccino stehen, küsst die Autorin enthusiastisch auf beide Wangen und unterhält sich kurz mit ihr auf Russisch. Andere gratulieren ihr auf Deutsch zum Literaturpreis. In diesem großräumigen Cafe, zwischen Bücherregalen und schwarzen Tafeln mit Fragmenten aus Gedichten, fühlt sich die Autorin wohl. Doch ihre Bücher schreibt sie nicht in Cafés - das ist für ihren Geschmack "etwas zu theatralisch".

"Auf Deutsch zu schreiben ist ein Abenteuer"

Olga Martynova vor dem Literaturhaus Frankfurt (Foto: DW/Alexandra Scherle)

Olga Martynova vor dem Literaturhaus Frankfurt

Viel inspirierender findet sie lange Zugfahrten. Verschiedene Fragmente ihres ersten deutschsprachigen Romans "Sogar die Papageien überleben uns" sind - zumindest in der Rohfassung - auf langen Fahrten quer durch Deutschland entstanden. "Ich finde es sehr spannend, auf Deutsch zu schreiben - das ist wirklich ein Abenteuer für mich!", erzählt die Autorin. "Ich habe angefangen, Deutsch zu lernen, als ich fast 30 war - und das ist eigentlich zu spät, um in eine Sprache einzutauchen." Doch sie habe von Anfang an sehr viel Zeit und Herzblut darauf verwendet, die Sprache zu lernen, die sie heute so sehr liebt. Das Deutsche ist trotzdem nicht zu ihrer alleinigen Schriftsprache geworden. Gedichte verfasst Olga Martynova weiterhin in ihrer russischen Muttersprache. "In der Lyrik kommt es viel mehr auf Schnelligkeit an", sagt die Autorin. "In wenigen Minuten muss man zwischen Hunderten von Versionen eines einzigen poetischen Bildes wählen - und das kann ein Dichter am besten in seiner Muttersprache."

Die Fremdsprache erleichtert die Arbeit des Autors

Buchcover Olga Marynova: Sogar Papageien überleben uns (Foto: Literaturverlag Droschl)

Für die Prosa sei das Schreiben in einer Fremdsprache jedoch von Vorteil: "Man muss unbedingt eine Distanz zwischen sich und der Sprache schaffen. Niemand wird unsere Romane lesen wollen, wenn wir einfach nur niederschreiben, was wir denken und fühlen", meint Olga Martynova. Und da eine Fremdsprache diese Distanz biete, erleichtere sie die Arbeit des Schriftstellers, der nicht in seiner Muttersprache schreibt. In die deutsche Sprache einzutauchen sei für sie eine Selbstverständlichkeit gewesen, erklärt die Autorin, die in Sibirien geboren und in Leningrad (heute Sankt Petersburg) aufgewachsen ist, wo sie auch ihr Studium der russischen Literatur abgeschlossen hat. Als leidenschaftliche Leserin deutschsprachiger Autoren wie Joseph Roth, Robert Musil und Thomas Bernhard war es für sie ein logischer Schritt, nach dem Umzug nach Deutschland auch selber in der Sprache dieser Klassiker zu schreiben.

Die Emigration nach Deutschland: das Ergebnis glücklicher Zufälle

Seit 1991 lebt Olga Martynova in der Bundesrepublik – als Folge einer Reihe von glücklichen Zufällen. Schon vor dem Ende des Eisernen Vorhangs hatten die Autorin und ihr Mann, der Schriftsteller Oleg Jurjew, unter anderem als Korrespondenten für Radio Liberty in München gearbeitet. 1991 waren die beiden auf Lesereise in Deutschland - und wollten ihre Honorare für Radiobeiträge abholen. In dieser Zeit wurde Jurjew ein Vertrag von einem deutschen Theaterverlag angeboten. Kurz darauf folgte ein Literatur-Stipendium. "Weil wir uns hier sehr wohl gefühlt haben - und die Möglichkeit hatten, hier zu arbeiten und zu leben - sind wir geblieben. Und natürlich aus Neugier", erinnert sich Olga Martynova.

Zwischen den Welten zu leben ist ein Geschenk

Fremd habe sie sich in Deutschland nie gefühlt, obwohl sie sich am Anfang nur auf Englisch verständigen konnte. Doch die deutsche Sprache lernte sie so schnell, dass sie schon bald Buchbesprechungen und Essays in führenden deutschsprachigen Zeitungen wie der "Zeit" veröffentlichen konnte. Und zu Russland hat sie weiterhin eine sehr enge Beziehung - nicht nur durch Lesereisen und Artikel über russische Themen, sondern auch durch ihre eigenen Gedichte in der Muttersprache, die auch ins Deutsche übersetzt wurden. Gedichte, die sie in Russland vor der Wende nicht publizieren durfte - weil ihre phantasievollen Verse nicht der offiziellen Linie des "sozialistischen Realismus" entsprachen.

"Russland ist immer noch meine Heimat - aber Deutschland ist mein Zuhause, weil ich seit 20 Jahren hier lebe und die meisten meiner Freunde natürlich auch hier sind", erklärt die Autorin. "Ich fühle mich irgendwie in der Mitte zwischen den Welten - oder in beiden Welten gleichzeitig präsent. Es ist ein Geschenk meines Lebens, dass ich die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann."

"Die Menschen werden besser, wenn sie gute Literatur lesen"

Die Autorin im Café des Frankfurter Literaturhauses (Foto: Alexandra Scherle/DW)

Die Autorin im Café des Frankfurter Literaturhauses

Zum Beispiel die komplizierte Beziehung zwischen Russen und Deutschen - die sie im Roman "Sogar Papageien überleben uns" am Beispiel einer bewegenden Liebesgeschichte mit heiter-schwungvollen Zwischentönen thematisiert. Die russisch-deutsche Liebesgeschichte sei am besten geeignet, um über die beiden Völker zu erzählen, meint die Autorin. "Denn in der Liebe ist die Bereitschaft am Größten, den anderen zu verstehen."

Nicht nur die Liebe kann einen Menschen von Grund auf verändern - das vermag aus der Sicht von Olga Martynova auch die Literatur: "Die Menschen werden besser, wenn sie gute Literatur lesen. Damit meine ich nicht, dass sie aus den Büchern direkt gute Ideen übernehmen - wir können ein Buch lesen, das schlecht geschrieben, aber voller sehr guter und edler Ideen ist, und es wird nicht funktionieren. Funktionieren wird es nur, wenn das Buch interessant geschrieben ist - denn dann beginnt der Leser, intensiver zu denken."

Wer das Abenteuer dieses intensiven Denkens wagt, bedient sich nicht mehr der abgenutzten Sprache der fremden Gedanken - und wird dadurch weniger manipulierbar.

Autorin: Alexandra Scherle

Redaktion: Gudrun Stegen

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