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Ostmitteleuropa

Deutschland - direkter Nachbar Polens und dennoch so fern

Warschau, 16.12.2004, GAZETA WYBORCZA, poln., DANUTA ZAGRODZKA

Die Spannungen in den Beziehungen zu Deutschland wachsen seit zwei Jahren ständig. Haben die Polen und die Deutschen den Emotionen nachgegeben, die von Politikern hervorgehoben wurden.

Die nervöse Atmosphäre in den polnisch-deutschen Beziehungen (um sie nicht als Krise zu bezeichnen) trägt dazu bei, dass wir alles, was zwischen unseren Regierungen, zwischen Institutionen und zwischen unseren beiden Völkern passiert mit erhöhter Aufmerksamkeit verfolgen.

Wie sehen wir uns heute? Haben sich die beiden Völker durch die Emotionen leiten lassen, die von Politikern hervorgerufen wurden? Es erweist sich, dass in längerer Sicht beide Völker sehr überlegt ihre Meinung bilden und dass sie sich nicht vom Hass, sondern von gesunder Vernunft leiten lassen. Das wird durch Untersuchungen bestätigt, die im Mai d.J. unter Polen und Deutschen durchgeführt wurden (...) Diese Umfrage wurde zwar noch vor dem Sejmbeschluss über Kriegsreparationen aber während der Diskussion über das Zentrum gegen Vertreibungen durchgeführt.

Was interessant ist - die heikle Diskussion um die Entstehung des Zentrums gegen Vertreibungen verbindet eher die beiden Völker anstatt sie zu trennen: Über die Hälfte sowohl der Polen als auch der Deutschen sprechen sich gegen diese Initiative aus. Auch die Zahl der Befürworter ist in den beiden Ländern ähnlich, obwohl der Prozentsatz in Polen überraschend höher liegt als der in Deutschland. (...)

Nicht seit heute schätzen wir die Deutschen höher als sie uns: Das ist zwar traurig und kann unseren Nationalstolz verletzen, aber dies kann auch rational erklärt werden: Deutschland ist ein reiches und gut organisiertes Land, das als Muster in bezug auf wirtschaftliche und soziale Politik dienen kann. Die Polen wissen ziemlich viel über Deutschland und lernen die Sprache. Für die Deutschen hingegen ist Polen ein Land, das sie erst jetzt entdecken, und zwar mit den alten Vorurteilen über Armut, Unordnung und wirtschaftlichen Rückstand.

Sie sehen auf uns von oben herab, wir betrachten sie mit Bewunderung. Das ist keine gute Grundlage für die Schließung einer Freundschaft, trotzdem beweisen die polnischen Untersuchungen, dass im Jahr 2002 drei Viertel der Polen eine bessere Meinung über die Deutschen hatten als noch zehn Jahre zuvor. Unter den Deutschen kann man zwar eine ähnliche Entwicklung beobachten, die jedoch viel langsamer fortschreitet. Jenseits der Oder wird Polen immer noch als der unsympathischste von allen Nachbarn betrachtet. Die Polen lieben die Deutschen auch nicht besonders, aber wir haben sie lieber als sämtliche östliche Nachbarn Polens, nur mit Ausnahme Litauens.

Die Vorurteile beruhen vor allem auf Unkenntnis. Leider hat bisher nur ein Drittel der Einwohner Deutschlands Polen besucht. In Deutschland hingegen waren schon über 50 Prozent der Polen.

Auf der polnischen Seite zeigen Sympathie für die Deutschen vor allem junge, gut ausgebildete und reiche Menschen. In Deutschland ist es umgekehrt: Die größte Gruppe, die Sympathie gegenüber Polen empfindet, bilden vor allem ältere Menschen (22 Prozent) und der Rekord an Antipathie wird unter Schüler aufgestellt sowie unter jungen Menschen, die das 30 Lebensjahr noch nicht erreicht haben.

Diese beunruhigende Erscheinung belastet vor allem das deutsche Schulsystem. Trotz der langjährigen Tätigkeit der polnisch- deutschen Schulbuchkommission und den beharrlichen Versicherungen aus Berlin, dass das wahre Bild des Nachbarn in den deutschen Schulen vermittelt wird, sieht man fast keinen Fortschritt.

Die Tatsache, dass die ältesten Polen keine Sympathie für die Deutschen empfinden, ist nicht verwunderlich - sie haben den Krieg und die deutsche Besatzung selbst erlebt. Viel komplizierter dagegen erscheint die Sympathie der älteren Deutschen zu Polen. Eine der Theorien besagt, dass die älteren Deutschen viel schneller als die Polen die Geschichte akzeptiert haben und keine Schuldgefühle gegenüber uns empfinden. Gerade aus diesem Grunde können sie sich heute warme Gefühle gegenüber uns leisten. Ich selbst bin jedoch der Meinung, dass ihre Einstellung durch die Gefühle zu ihrer eigenen Heimat geprägt wurde. Das wird auch durch Untersuchungen bestätigt, die besagen, dass die meisten älteren Deutschen Gdansk (Danzig )und Mazury (Masuren) besuchen wollen, wobei sich die jüngeren Deutschen - falls sie überhaupt nach Polen fahren wollen - für Warschau entscheiden würden. Fast 50 Prozent der Deutschen haben überhaupt kein Bedürfnis, Polen zu besuchen.

Was die gegenseitigen Beziehungen anbelangt, werden wir vor allem durch allgemeine Klischees geleitet. Aber was die Beziehung zur Geschichte anbetrifft, so unterscheiden wir uns voneinander vor allem durch die Weltanschauung und durch die eigenen Erfahrungen. Das wichtigste Ereignis für die Deutschen im vorigen Jahrhundert stellte die Wiedervereinigung Deutschlands und der Mauerfall dar. Für die Polen hingegen war der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am wichtigsten. (...)

Die deutschen Soziologen klagten, dass über 40 Prozent der Deutschen ihre eigene Geschichte nicht kennen. Hier sind die Polen viel besser. (...)

Seit einem halben Jahr sind wir Partner in der EU. Wird sich das positiv auf die gegenseitigen Beziehungen auswirken? Ja - meinen sogar mehr Deutsche als Polen, aber jeder fünfte Deutsche vertritt die Meinung, dass sich die Beziehungen verschlechtern werden. An die Verbesserung glauben mehr die Westdeutschen als die Ostdeutschen. Darunter gibt es mehr Sozialdemokraten als Anhänger der CDU/CSU. Eine Verschlechterung der Beziehungen wird vor allem von jungen Deutschen und alten Polen erwartet. (...)

Über die Hälfte der Deutschen sprechen sich gegen die Aufnahme der Türkei zur EU aus. Diese Meinung wird aber nur von einem Viertel der Polen geteilt. Polen neigen auch mehr dazu, Russland in die EU aufzunehmen. Das ist eine echte Überraschung, wenn man die "Schwäche" Deutschlands gegenüber Russlands und unsere sogenannte "Abneigung" in Betracht nimmt.

Vor über einem Monat (...) veröffentlichte die Zeitung RZECZPOSPOLITA die Ergebnisse einer Meinungsumfrage, aus der hervorging, dass sich über 70 Prozent der Polen für die Kriegsreparationen aussprechen. Bedeutet das, dass wir den 15 Jahre andauernden Prozess der Versöhnung mit den Deutschen beiseite legen? Ich denke nicht. Diese Ergebnisse kann man auch anders interpretieren: Wir wissen, dass wir von der Geschichte ungerecht behandelt wurden und dass das Unrecht nicht wiedergutgemacht wurde. Wenn sich eine Möglichkeit für Wiedergutmachung bietet, warum nicht? Es gab damals auch keine Zeit, um sich die Folgen dieser Idee genau vorzustellen. Alle wurden wir dann durch den Ton der Entschiedenheit im Sejmbeschluss über Kriegsreparationen überrascht.

Aus diesen ganzen Untersuchungen kann man einen generellen Schluss ziehen: Polen und Deutsche sollten sich besser kennen lernen.

Wir Polen öffnen uns, obwohl wir etwas Misstrauen gegenüber den Deutschen empfinden. Wenn die jungen Deutschen wirklich solche Vorurteile gegenüber Polen hegen, dann muss man - und zwar vor allem auf der deutschen aber auch auf unserer Seite - sehr viel Kraft investieren, um diese Vorurteile abzubauen. Das ist eine Aufgabe , die viele Jahre dauern wird, aber es gibt auch keine andere Lösung. Wir müssen die Geschehnisse der Vergangenheit in Erinnerung behalten, und zwar in beiden Ländern. Sie sollten aber nur als eine Warnung und nicht als Grundlage für die Zukunft dienen. (sta)

  • Datum 22.12.2004
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