1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Lebensart

Deutsches Know-how bei der London Fashion Week

Von den großen deutschen Namen hört man wenig in der britischen Modewelt. Dabei mischen deutsche Talente bei der London Fashion Week 2016 kräftig mit, allerdings eher hinter den Kullissen - dort, wo es besonders zählt.

Dass Mode in London ein ganz großes Geschäft ist, fällt nicht nur während der alljährlichen London Fashion Week auf. Das ganze Jahr über laden Schaufenster mit den neusten Designs und Ideen auf Luxusmeilen wie der Bond Street zum Shoppen ein.

Wie viel Handarbeit in den schrillen Outfits steckt, bekommt man auf den Modeschauen kaum mit. Dort geht es um Glanz und Glamour und um Shows, die die Presse zum Schwärmen und das Publikum zum Kaufen bringen sollen.

Hinter den Kulissen arbeiten in London auch viele deutsche Fachkräfte, deren Geschick und fundierte Ausbildung in den Ateliers hoch geschätzt werden. Über mehrere Wochen werkeln deutsche Modemacher an den Textilien - bis alles reif für den Laufsteg ist.

Murat Kuscu mischt schon seit über acht Jahren in der Londoner Modeszene mit. Nach einem Masterstudium in Fashion Design am Londoner Royal College of Art bekam der gebürtige Bremer prompt ein Jobangebot und blieb in England.

London Fashion Week, Brewer Street, Soho

Die Ruhe vor dem Sturm: morgens ist der Andrang noch überschaubar, aber ab mittags tummeln sich Presse und Modeexperten bei der London Fashion Week

"Ich wollte eigentlich nach Berlin zurückkommen und vielleicht mein eigenes Label gründen, aber daraus ist nichts geworden. Ich bin in London hängengeblieben", berichtet Kuscu. Der 38-jährige Modeexperte meint, dass sich die Unterschiede zwischen den deutschen und den britischen Fachkräften bereits in der Ausbildung zeigen.

"Die Deutschen gelten in London als sehr 'technical'. Ich habe in Deutschland zum Beispiel mehr Schnitt im Studium gelernt als jemand, der in London Mode studiert." In diesem Bereich könnten die meisten Deutschen in London den Einstieg in den Beruf schaffen, meint Kuscu. "Wir haben hier in vielen handwerklichen Bereichen einfach die gefragten Kenntnisse, zum Beispiel als Schnittmacher."

Gelegenheiten für Quereinstiger

Anne Wanders hat ähnliche Erfahrungen im Bereich Schnitt gemacht. Wanders arbeitet - wie Kuscu auch - freiberuflich in der britischen Modeindustrie. Beide sind als in Deutschland ausgebildete Fachkräfte sehr gefragt, da sie die entsprechenden Erfahrungswerte mitbringen.

London Fashion Week - Murat Kuscu

Murat Kuscu macht in London Karriere, denn das deutsche Handwerk ist in der britischen Hauptstadt sehr gefragt

“Deutsche mit deutscher Ausbildung sind in den Ateliers hier gern gesehen, in Bereichen wie Maßschneiderei oder Studio Management." Natürlich könne man sich auch in einem der alteingesessenen Ateliers in London hocharbeiten, wie es zum Beispiel Alexander McQueen gemacht habe, erkärt Wanders, "aber eine standardisierte Berufsausbildungen mit Lehrplan und Tarifvertrag wie in Deutschland, wo vor allem das Handwerk betont wird, das gibt es hier in England nicht." Deshalb falle vielen Ausländern der Quereinstieg in Londoner Modeateliers leichter.

"Man kann sich in London besser als Quereinsteiger behaupten, auch wenn man kein Zeugnis für die genaue Spezialisierung hat. Für Freiberufler gibt es viele Agenturen, die den Einstieg erleichtern können, erläutert Anne Wanders. So etwas gäbe es in Deutschland kaum. "In Deutschland scheinen dafür die Wege klarer, wenn man sich hocharbeiten will. Man verpflichtet sich langfristig, aber dafür wird man auch in der eigenen Entwicklung unterstützt. Man hat auch mehr Rechte in Deutschland, zum Besipiel besseren Kündigungsschutz und Mutterschutz."

Deutsches Handwerk auf den Londoner Laufstegen

London Fashion Week Blick ins Atelier

In den Showrooms stellen vor allem junge Talente ihre Arbeiten vor

Vor der London Fashion Week sind die Schnittmacher bis zu 15 Stunden täglich im Atelier tätig, um den Kleidern den letzten Schliff zu geben. Nicht selten wird auch im letzten Moment noch einmal alles vom Designer umgeworfen und geändert. Da zählt dann die Verlässlichkeit und das gute Handwerk "made in Germany" um so mehr.

"Eigentlich gehören die Schnittmacher zu den wichtigsten Leuten im ganzen Design-Prozess, denn man muss verstehen, was genau die Designer wollen und das umsetzen können", sagt Murat Kuscu. Der Modemacher, der in der Vergangenheit viel für Designer wie Peter Pilotto und Mary Katrantzou gearbeitet hat, genießt die Vorzüge seiner Laufbahn als Freiberufler. Doch irgendwann möchte er auch wieder nach Berlin zurückkehren. "Ich vermisse Deutschland, aber karrieretechnisch glaube ich im Moment nicht, dass ich dasselbe dort machen kann, was ich hier mache", sagt Kuscu.

Berliner Modewelt im Vergleich zu London

Die Unterschiede zwischen der britischen Hauptstadt und Berlin sind trotz der wachsenden Beliebtheit der Berlin Fashion Week nach wie vor groß. Im Vergleich zur London Fashion Week ist Berlin überschaubar und wirkt fast wie ein Nischenprodukt. "Was Luxus- und Designermode angeht, wird es schwer, die Presse und Einkäufer auch noch nach Berlin zu locken. Die haben mit London, Paris, New York und Mailand schon genug zu tun", meint Anne Wanders.

London Fashion Week: Leute werden auf der Straße fotografiert.

Während der London Fashion Week wird sogar der Bürgersteig zum Laufsteg

In London sind viele große Firmen ansässig. Es gibt vom Zulieferer für Modeketten über das Maßatelier bis hin zu internationaler Luxusmode einfach alles an einem Ort. Und das Lebensgefühl sei anders, meint Murat Kuscu. "Das sind zwei ganz verschiedene Lifestyles. Berlin ist eigentlich das Gegenteil von London", findet Kuscu. London sei - anders als Berlin - sehr auf den Kommerz bezogen.

"Die Deutschen sind einfach nicht so auf Konsum fokussiert. Da fehlt dann vielleicht für die deutsche Mode die Kundschaft. Die, die Geld haben, kaufen lieber ein Chanel Kostüm, als etwas neu zu entdecken von einem neuen, jungen Modelabe", sagt Murat Kuscu.

Anne Wanders meint, dass es eigentlich auch in Deutschland genug Designer gäbe, die mit den Londonern mithalten könnten. "Trotz des international sehr guten Rufs klingt der Begriff 'Handwerk' in Deutschland ironischerweise immer noch so angestaubt, während in London das Ganze als kulturelles Erbe verstanden und frisch vermarktet wird. Vielleicht könnte man sich in Berlin ja etwas davon abgucken und so deutsches Talent besser fördern."

Die Redaktion empfiehlt