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Asien

Deutsche Wiedervereinigung keine Blaupause

Deutsche Experten blicken 50 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer auf das noch geteilte Korea: Könnte die deutsche Wiedervereinigung als Modell für Korea gelten?

Anti-Nordkoreademonstration in Seoul, Südkorea Foto: AP/ Lee Jin-man)

Das Verhältnis zwischen Nord-und Südkorea ist nach wie vor angespannt

Die jüngere deutsche und koreanische Geschichte weist einige Parallelen auf. Beide Länder wurden Opfer des Kalten Krieges: beide Völker wurden nach dem zweiten Weltkrieg in Ost-und Westdeutschland beziehungsweise Süd-und Nordkorea geteilt.

Doch während Deutschland bereits wiedervereinigt ist, bleibt Korea noch heute ein geteiltes Land. Nordkorea wird als letzte Bastion des Stalinismus gesehen, während Südkorea sich in eine liberale Demokratie - zum Kapitalismus hin - entwickelt hat.

Soldaten bewachen die Grenze zwischen Süd-und Nordkorea (Foto: AP/Ahn Young-joon)

Die Grenze zwischen Nord-und Südkorea wird streng bewacht

Hanns Günter Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin ist sich sicher, dass Nordkoreas irgendwann der Geschichte angehören wird.

Ein Wiedervereinigungsprozess sei unausweichlich. Doch wann und wie dieser Prozess stattfinden wird ist sich Hilpert jedoch nicht sicher: "Alle Szenarien sind möglich", so Hilpert gegenüber DW-WORLD.DE. "Es ist nie klar, was die Zukunft bringen wird, aber Diktaturen sind schwach und sie werden früher oder später fallen", meint auch Stefan Wolle, Historiker und wissenschaftlicher Leiter des DDR Museums in Berlin.

"Nicht vergleichbar"

Auch wenn viele Parallelen zwischen Deutschland und Korea sehen, sieht Hilpert doch zu viele Unterschiede, um das deutsche Modell als Blaupause für eine koreanische Wiedervereinigung zu nehmen. Er sagt: "Deutschland ist eher eine Referenz als eine Anleitung."

Historisch decken sich die Schicksale Deutschlands und Koreas nur bis zu einem gewissen Punkt. Ein fundamentaler Unterschied sei, dass es nie einen Krieg zwischen Ost- und Westdeutschland gegeben hat, erklärt Wolle. In Korea dagegen starben Millionen Menschen während des Koreakrieges zwischen 1950 und 1953.

Nordkoreaner arbeiten am Fließband (Foto: AP/Chang Jae-soon)

Die Sonderwirtschaftszone Kaesong gehört zu den wenigen Erfolgen der Sonnenscheinpolitik


Seitdem gibt es wenig Kontakt zwischen den Bürgern der beiden Koreas - abgesehen von den kurzen und streng überwachten Familienzusammenführungen. Eine beschränkte Zahl von Nordkoreanern arbeitet zudem für südkoreanische Firmen im gemeinsamen Industriegebiet Kaesong an der innerkoreanischen Grenze.

Ost- und Westdeutsche Bürger dagegen blieben auch nach der Teilung in Kontakt. Es gab Briefverkehr und Telefonate, ab und zu - wenn auch eingeschränkt - gegenseitige Besuche.

Gescheiterte Sonnenscheinpolitik

Ein anderer signifikanter Unterschied sei, dass es in Korea keine mit Willy Brandts Ostpolitik vergleichbarer Strategie gibt, glaubt Wolle. Der damalige Bundeskanzler verfolgte damals eine Politik der gegenseitigen Annäherung. Ohne diese Politik, wäre "der Mauerfall undenkbar" gewesen. Auch wenn die südkoreanische Regierung eine ähnliche Politik im Jahre 1998 ins Leben rief, wurde diese zehn Jahre später als Fehlschlag angesehen. Das Ministerium für Wiedervereinigung erklärte, dass die sogenannte Sonnenscheinpolitik das Verhalten Pjöngjangs nicht verändert habe. Auch das Leben der Nordkoreaner habe sich nach einem Jahrzehnt der Zusammenarbeit, grenzüberschreitender Austausche und Hilfsgelder in Milliardenhöhe nicht verbessert.

Der seit 2007 amtierende südkoreanische Präsident Lee Myung-bak fährt einen wesentlich härteren Kurs und bestand beispielsweise darauf, dass Nordkorea ihr Atomwaffenprogramm aufgibt - im Gegenzug für humanitäre Hilfe. Doch beide Strategien scheinen nicht zu fruchten. "Das Regime hat nur Interesse an der eigenen Macht und das eigene Überleben", sagt Hilpert, "Nordkorea hat von der DDR gelernt und wird alles tun, um zu überleben."

Atomwaffen als Druckmittel

Nordkoreas Yongbyon Nuklearreaktor (Foto: AP Photo/Xinhua, Wang Wei, FILE) al

Nordkorea weigert sich ihr Atomprogram endgültig aufzugeben

Ein Grund, warum Nordkorea bis jetzt überleben konnte, ist die Unterstützung Chinas. Sowohl der Historiker Wolle als auch Hilpert sind der Ansicht, dass Pekings Unterstützung für Pjöngjang in Form von Energie- und Lebensmittellieferungen überlebenswichtig für das Regime ist. Da die chinesische Regierung eine nordkoreanische Flüchtlingswelle fürchtet, die über die gemeinsame Grenze schwappen könnte, werden diese Hilfsleistungen wohl auf unbestimmte Zeit andauern.

Allerdings lässt sich Pjöngjang nichts von China vorschreiben, so Hilpert. Nordkorea sei unabhängig und fällt Entscheidungen selber – vor allem seitdem es Atomwaffen besitze.

"Während die DDR sich nicht von der Sowjetunion lösen konnte, ist Nordkorea mit seinen Nuklearwaffen sogar in der Lage, die USA davon abzuschrecken, in das Land einzumarschieren", so Hilpert weiter.

Keine inneren Zwänge

Der internationale Druck auf Nordkorea hat bisher wenig Wirkung gezeigt. Doch noch unwahrscheinlicher ist es, dass Veränderungen durch Massenproteste im Land selbst erzwungen werden. Und das trotz Lebensmittelknappheit und der allgemein herrschenden Unzufriedenheit im Land. Außerdem gibt es in Nordkorea keine öffentlichen Diskussionen oder Proteste, wie sie zum Beispiel von den christlichen Kirchen Ende der 1980er Jahre in Ostdeutschland angeregt wurden.

Nordkoreas Präsident besucht Armee (Foto: EPA/KCNA FILE)

Kim Jong Il (mitte) bereitet seinen Sohn schon für die Nachfolge vor

"Auch wenn in entlegenen Gebieten das Regime und die Anführer verhasst sind und es manchmal zu Unruhen kommt – immer nur kleine Vorfälle, keine richtigen Aufstände – dies sind vereinzelte Fälle, die nicht miteinander zusammenhängen", so Hilpert weiter, "Es gibt keine Zivilgesellschaft und sogar kleine Organisationen sind nicht frei von Regierungseinflüssen."

Im Gegensatz dazu glaubt Hilpert an eine Veränderung von Innen. Besonders im Hinblick auf den bevorstehenden Generationswechsel an der Spitze Nordkoreas. "Ich glaube, ein Militärputsch ist sehr wahrscheinlich", sagt er, "Vor allem ist es zweifelhaft, ob die erfahrenen Offiziere Befehle des jungen Kims entgegen nehmen werden, wenn er an der Macht ist".

Unterschiedliches Einkommen und Mentalität

Die Zukunft der beiden Koreas bleibt also ungewiss. Klar ist, falls Korea jemals wiedervereint wird, wird das Land einen anderen Weg einschlagen, als es Deutschland getan hat.

Während Ost- und Westdeutschland moderne Industriestaaten waren, so Wolle, "ist der Unterschied bezüglich des Lebensstandards zwischen den beiden Koreas gigantisch." "Südkorea exportiert an einem Tag das, was Nordkorea in einem Jahr exportiert", erklärt Hilpert.

Für Hilpert jedoch ist die unterschiedliche Mentalität die größte Herausforderung für eine Wiedervereinigung Koreas. Daran, dass es eine Wiedervereinigung geben wird, zweifelt er nicht.

Autorin: Anne Thomas/ zr
Redaktion: Ziphora Robina/ Chi Viet Giang

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