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Kultur

Deutsche Museen sind skeptisch

Jutta Limbach möchte die von den Nazis als "entartet" beschlagnahmte Kunst an jene deutschen Museen zurückgeben lassen, denen sie vor knapp 80 Jahren genommen wurde. Die Museen haben kein Verständnis.

"Dieser Vorschlag ist absoluter Unsinn. Es ist ein Unfug, den sich diese Frau da ausgedacht hat", sagt der Direktor des Wuppertaler

Von der Heydt-Museums

, Gerhard Finckh, im Gespräch mit der DW.

Ihre Idee

hätte katastrophale Folgen für die Museen. "Die Museen haben sich nach 1945 mühsam ein neues Profil erarbeitet, wenn die Sammlungen jetzt auseinander gerissen werden, darüber möchte ich gar nicht nachdenken", so Finckh.

Die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und Vorsitzende der beratenden Komission für Raubkunst, Jutta Limbach, plädiert im Interview mit der

Süddeutschen Zeitung

dafür, nicht nur in der NS-Zeit enteignete Juden zu entschädigen, sondern auch Museen ihre moderne, als "entartet" verfemte Kunst zurückzugeben. Das entsprechende NS-Gesetz von 1938 sei unwirksam. Etliche Werke von zeitgenössischen Künstlern wie Max Beckmann, George Grosz, Wassily Kandinsky oder Paul Klee wurden beschlagnahmt und aus deutschen Museen enfernt. Gegen Devisen gingen sie dann ins Ausland und wurden nach dem Krieg zum Teil wiederum von deutschen Museen zurückgekauft. Außerdem hatten die Besatzungsmächte sichergestellte Bilder aus NS-Depots später an Museen verteilt.

Finckh: "Riesiger Aufwand an Recherche"

Jutta Limbachs Vorschlag ist radikal. Würde er umgesetzt, könnte das einen großen Ringtausch unter den deutschen Museen und gravierende Umwälzungen in der deutschen Museumslandschaft zur Folge haben. In den vergangenen Jahrzehnten von den Museen aufgebaute Sammlungen könnten auseinandergerissen werden. Es wäre auch ein "riesiger Aufwand an Recherche" notwendig, meint Finckh weiter. "Schauen Sie, wie lange die Taskforce im Fall von Cornelius Gurlitt braucht."

Harry-Fischer-Liste (Foto: Victoria & Alber Museum)

Die "Harry-Fischer-Liste": eine Inventarliste mit den von den Nazis beschlagnahmten Werken

Auch Martin Roth vom

Victoria and Albert Museum

in London geht davon aus, dass das ein oder andere Museum ziemlich nackt aussehen würde, wenn man dem Vorschlag von Frau Limbach folgen würde. Dennoch begrüßt er ihre Idee: "Ich finde es richtig, was Frau Limbach sagt." Trotzdem sei Deutschland noch weit entfernt von einer Lösung im Umgang mit NS-Raubkunst. Roth appelliert an die Transparenz und ist hier mit seinem Museum auch schon mit gutem Beispiel voran gegangen. Im Januar 2014 veröffentlichte das Victoria and Albert Museum die

"Harry-Fischer-Liste"

– eine Inventarliste der von den Nazis beschlagnahmten Werke, die zuvor nur Wissenschaftlern zugänglich war. "Wir müssen uns international noch viel mehr vernetzen und brauchen eine internationale Provenienzforschung", fordert Roth im

Interview mit der DW

.

Spieler: "Soll Geschichte unsichtbar gemacht werden?"

Reinhard Spieler vom

Sprengel Museum

in Hannover regt an, dass sich die betroffenen Museen untereinander verständigen und vielleicht über die Möglichkeit von Werktauschen nachdenken. Doch auch er findet Limbachs Vorschlag noch aus anderen Gründen problematisch: "In Museen bewahren wir Erinnerung; die Verwerfungen der NS-Geschichte werden gerade an den Provenienzen sichtbar. Soll es wirklich ein Ziel sein, diese Geschichte unsichtbar zu machen?"

Der nationalsozialistische Führer Adolf Hitler (r) und der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels (M), besuchen 1937 die Ausstellung Entartete Kunst im Münchner Haus der Kunst. In München wurden etwa 1500 Gemälde beschlagnahmt, die von jüdischen Sammlern geraubt oder als entartete Kunst konfisziert wurden. (Foto: Ullstein)

Adolf Hitler (r) und Propaganda-Minister Joseph Goebbels (M) 1937 in der Ausstellung "Entartete Kunst" in München

Parzinger: "Neue, organische Sammlungszusammenhänge"

Der Vorschlag von Jutta Limbach wirft für die deutschen Museen viele Fragen auf: "Die Berliner Museen haben schwere Verluste durch die Aktion 'Entartete Kunst' erlitten, die zweifelsohne eine große Barbarei war", sagte Hermann Parzinger, Präsident der

Stiftung Preußischer Kulturbesitz

, die für die staatlichen Museen in Berlin zuständig ist. Die Häuser seien aber auch Teil des nationalsozialistischen Staatsapparates gewesen. Nach 1945 hätten die Museen versucht, mit teils großartigen Werken die Lücken aus der NS-Zeit zu schließen. "Dadurch wurden in den vergangenen Jahrzehnten auch neue, organische Sammlungszusammenhänge geschaffen, die dann wieder aufgebrochen werden müssten", so der Stiftungspräsident.

Und die Museen im Ausland? Würden sie sich darauf einlassen, Kunstwerke zurückzugeben? Sie "werden nicht im Traum daran denken, ihre in Deutschland mitgenommenen Kunstwerke zurückzugeben", davon ist Museums-Direktor Gerhard Finckh überzeugt. Seine Vorgängerin im Wuppertaler Von der Heydt-Museum hätte einmal im Louvre in Paris angefragt und auch in Museen in Amerika: Da habe sie eine klare Absage erhalten.

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