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Kultur

Vor 75 Jahren: NS-Bilderverbrennung

Bis heute ist ungeklärt, ob die Aktion stattgefunden hat. Rund 5000 Werke der "entarteten Kunst" aus deutschen Museen fielen angeblich 1939 den Flammen zum Opfer. Andere Bilder gingen gegen Devisen ins Ausland.

"Kein Bild findet Gnade", kritzelte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am 13. Januar 1938 in sein Tagebuch. Ein vernichtender Satz mit verheerenden Folgen. Rund ein Jahr später – am 20. März 1939 – sollen im Hof der "Alten Feuerwache" in Berlin über 5000 Werke der "entarteten Kunst" verbrannt worden sein. Bis heute jedoch ist nicht eindeutig belegbar, ob es die Aktion wirklich gegeben hat. Es gibt keine offiziellen Bilder von der Verbrennung, die - im Gegensatz zur Bücherverbrennung 1933 - unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen ist. Auch in Goebbels Tagebuch findet sich kein Hinweis auf diesen Tag.

Doch die Kunsthistorikerin

Meike Hoffmann

von der Forschungsstelle "Entartete Kunst" der FU Berlin ist da anderer Meinung: "Wir glauben, dass es die Verbrennung gab. Die Nationalsozialisten waren große Bürokraten, aber sie hätten nicht eine angeordnete Vernichtung von mehr als 5000 Werken vertuschen können." Zudem gäbe es von dem Bilderbestand, der angeblich zur Vernichtung freigegeben wurde, keine Spuren in Dokumenten oder Sammlungsunterlagen. Knapp 20.000 moderne Kunstwerke wurden insgesamt von den Nationalsozialisten beschlagnahmt.

Ausstellung "Entartete Kunst" lockte zwei Millionen in die Museen

Forschungsstelle Entartete Kunst (Freie Universität Berlin)

Meike Hoffmann betreut eine umfangreiche Datenbank der "entarteten Kunst"

Im Juni 1937 beauftragte Goebbels den Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, Adolf Ziegler, damit, alle Museen auf "deutsche Verfallskunst" zu durchforsten. "Darunter fielen die Werke deutscher Künstler, die nach 1910 entstanden", erklärt Meike Hoffmann. "Alles, was damals unter moderner Kunst zusammengefasst wurde, durfte beschlagnahmt werden", so Hoffmann.

Ziegler stellte daraufhin eine Kommission zusammen, die in einer Eilaktion mehrere hundert Werke beschlagnahmte und zur Schau "Entartete Kunst" zusammentrug. "Sie sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtskönnertums und der Entartung. Uns allen verursacht das, was das Auge bietet, Erschütterung und Ekel" - mit diesen Worten eröffnete Ziegler am 19. Juli 1937 die Ausstellung im Galeriegebäude am Münchener Hofgarten. Die Schau wurde zu einem Publikumsmagneten: Mehr als zwei Millionen Menschen strömten dort hin.

Diffamierung der modernen Künstler

Entartete Musik im Dritten Reich

Auch die Ausstellung "Entartete Musik" erreichte viele Besucher

Mit der Bezeichnung "entartete Kunst" diffamierte die nationalsozialistische Propaganda Kunst, die nicht als vereinbar mit ihrem nationalsozialistischen Schönheitsideal galt. Es handelte sich um Werke der Moderne, insbesondere des deutschen Expressionismus. Bilder von Emil Nolde, Käthe Kollwitz und Skulpturen von Ernst Barlach. Aber auch internationale Künstler wie Kandinsky, Chagall oder Picasso wurden zur Zielscheibe der Diffamierungskampagne.

Der unerwartete Erfolg der Ausstellung war der Auslöser für eine zweite Beschlagnahmewelle. Ziegler sollte in alle Museen "die noch vorhandenen Produkte der Verfallszeit beschlagnahmen". Aus den Museen wurden daraufhin rund 19500 Werke abtransportiert. "Gegenwehr gab es kaum", sagt

Kunsthistorikerin Anja Tiedemann

von der Universität Hamburg, die sich wissenschaftlich mit dem NS-Kunsthändler Karl Buchholz beschäftigt hat. "Die Angst vor Repressionen war zu groß."

Ein Großteil der Bilder wurde im Viktoria-Speicher am Berliner Hafen und in einem Getreidespeicher in der Köpenicker Straße gelagert. "Die Werke, die man für international verwertbar hielt, brachte man ins

Schloss Niederschönhausen

, wo sie interessierten Käufern vorgeführt wurden", ergänzt Hoffmann.

Verkauf gegen Devisen

Vier vom Propagandaministerium ausgewählte Kunsthändler, Bernhard Böhmer, Karl Buchholz, Ferdinand Möller und Hildebrand Gurlitt, der Vater von Cornelius Gurlitt, wurden mit dem Verkauf der beschlagnahmten Bilder beauftragt, um für das NS-Regime Devisen zu beschaffen. "Sie landeten aber nur zu einem relativ geringen Teil in den Kriegstaschen", betonte Hoffmann. Jemand habe einmal ausgerechnet, dass man von dem Geld gerade einmal einen Panzer hätte kaufen können.

Der Verkauf der Werke ins Ausland hatte aber einen anderen Nebeneffekt: Einer der vier Kunsthändler, Karl Buchholz, konnte fast 650 Werke an seinen nach New York ausgewanderten jüdischen Geschäftspartner Curt Valentin verkaufen. "Damit gelang dem jüdischen Emigranten die Etablierung der deutschen Moderne auf dem nordamerikanischen Kontinent", sagt Tiedemann. Hitler hätte gewiss nicht beabsichtigt, dass in einem anderen Teil der Welt diese Kunst plötzlich zum "Shooting-Star" der Kunstsalons und Museen avancierte.

Zur Vernichtung freigegeben

Werke, die nicht auf diese Weise "verwertet" werden konnten, wurden von Propagandaminister Goebbels 1939 zur Vernichtung freigegeben - fein säuberlich in Listen erfasst. Der Referent in der Abteilung Bildende Kunst, Rolf Hetsch, hatte alle Exponate der "entarteten Kunst" bürokratisch genau dokumentiert. "Allerdings ist die Liste nur noch in Fragmenten erhalten und ist zum Teil fehlerhaft", schränkt Meike Hoffmann ein.

Harry Fischer Liste Inventarliste der Nazis Entartete Kunst

Die "Harry-Fischer-Liste gilt als einzige Abschrift der NS-Beschlagnahmeliste

Erhalten gelieben davon ist nur eine Abschrift: die "

Harry-Fischer-Liste

". Dem Historiker Andreas Hüneke fiel sie erst 1997 in London durch Zufall in die Hände. Die Liste stammt aus dem Nachlass des Kunsthändlers Harry Fischer. Anfang 2014 wurde sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, eine Fundgrube für Provinienzforscher aus aller Welt. "Die Liste ist einzigartig für die Aufklärung entarteter Kunst", schwärmt Tiedemann. Und die einzige Inventarliste, die vollständig erhalten blieb. Zudem zeige sie den ganzen Umfang der Beschlagnahme von "entarteter Kunst" aus den deutschen Museen.

Verschollen gelaubte Werke tauchen auf

"Mittlerweile haben wir die Beschlagnahme schon relativ weit rekonstruiert", bestätigt Hoffmann, die mit ihrem Team die

umfangreichste Datenbank

mit über 21.000 Einträgen zur "entarteten Kunst" aufgebaut hat. Dennoch gibt es immer wieder Überraschungen. "Im NS-Inventar haben all die Werke, die vernichtet werden sollten, ein 'X' erhalten. Wir haben einige dieser Werke trotzdem wieder ausfindig machen können", so Hoffmann.

Kunsthändler wie Hildebrand Gurlitt haben somit solche Werke vor dem Feuertod "gerettet", indem sie sie aufkauften oder ihren Depots versteckt hielten. 2012 hatten Steuerfahnder in der Münchener Wohnung von Cornelius Gurlitt, dem Sohn Hildebrand Gurlitts, rund 1280 Kunstwerke beschlagnahmt. Davon konnten nach Angaben der

Schwabinger Taskforce

etwa 380 Werke der "entarteten Kunst" zugeordnet werden. Zu den Entdeckungen zählt zum Beispiel auch Franz Marcs Gouache "Landschaft mit Pferden". "Ich rechne nicht mehr damit, dass wir eine Sammlung von dieser Größenordnung noch einmal entdecken werden – zumindest was die entartete Kunst betrifft", sagt Meike Hoffmann. "Aber wir haben die Hoffnung noch nicht verloren, auch weitere Werke, die als 'X' gekennzeichnet waren, wieder aufzufinden."

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