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Wirtschaft

Deutsche Mittelschicht altert und schrumpft

Junge Erwachsene haben heute häufiger ein geringes und seltener ein mittleres Einkommen als vor 20 Jahren. Die Mittelschicht schrumpfte, so eine aktuelle Studie, in Deutschland in ähnlichem Ausmaß wie in den USA.

Der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten geschrumpft - auf derzeit 54 Prozent. Rund 20 Jahre zuvor lag er noch bei 60 Prozent. Vergleicht man die Entwicklung von 1991 bis 2013, ist für Deutschland mit 6 Prozentpunkten ein ebenso großes Schrumpfen der Mittelschicht zu verzeichnen wie in den USA. Das zeigt eine am Freitag in Berlin veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Zur Einkommensmittelschicht zählen alle Erwachsenen, deren gesamtes Haushaltseinkommen vor Steuern und Sozialabgaben zwischen 17.000 und 50.500 Euro liegt. Oder, anders formuliert: Deren Einkommen mindestens 67 und höchstens 200 Prozent des Medians beträgt.

Der Median trennt die einkommensstärkere von der einkommensschwächeren Bevölkerungshälfte. Der Median ist ein in der Statistik häufig verwendeter Wert. Anders als der "Durchschnitt" einer beliebigen Menge wird der Median nicht so stark von "Ausreißern" in der einen oder anderen Richtung beeinflusst.

Für ihre Studie haben die Forscher neueste Zahlen der im DIW Berlin angesiedelten Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) mit Daten aus den USA verglichen. Betrachtet wurden dabei die gesamten, realen Haushaltseinkommen inklusive Renteneinkünften und staatlichen Transfers. Der SOEP ist eine der größten Langzeiterhebungen in Deutschland und wird regelmäßig fortgeschrieben. Jährlich werden 30.000 Menschen in fast 11.000 Haushalten befragt.

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Ausländer sind am stärksten betroffen

Insgesamt gab es in den USA aber eine größere Polarisierung, so das DIW. Einkommensverluste und -gewinne seien nämlich vergleichsweise größer gewesen in Deutschland. Als zentrale Gründe für das Schrumpfen der Mittelschicht in Deutschland sehen die Experten ein Anwachsen des Niedriglohnbereichs. Hintergrund sei die Zunahme der im Schnitt geringer bezahlten Jobs im Dienstleistungssektor und der Wegfall von Arbeitsplätzen in der Industrie.

Besonders betroffen sind Ausländer. "In Deutschland sind in den letzten Jahren zunehmend die Ausländer aus der Einkommensmittelschicht abgestiegen", sagte Markus M. Grabka vom Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) des DIW. In den USA seien verstärkt aus Lateinamerika stammende Menschen abgestiegen.

Die Mittelschicht wird älter: Der Anteil bei den 18- bis 30-Jährigen sank in Deutschland von 1983 bis 2013 von 69 auf 52 Prozent, bei den 30- bis 45-Jährigen von 78 auf 64 Prozent. Menschen im Rentenalter haben dagegen aufgeholt: von 24 auf 41 Prozent. Bei den jungen Erwachsenen stieg der Anteil der Einkommensschwachen besonders deutlich - bei den ab 65-Jährigen nahm dieser stark ab.

Wasser auf die Mühlen der Populisten

Beim Vergleich der Lage in den USA und in Deutschland ergaben sich laut DIW einige Parallelen: In beiden Ländern ist die Gruppe der Bezieher eines mittleren Einkommens von 1991 bis 2013 um sechs Prozentpunkte zurückgegangen. Während ihr in Deutschland noch 54 Prozent angehören, sind es in den USA 50 Prozent.

Als die jüngsten Daten zur Erosion der Mittelschicht in den USA erschienen waren, stellte etwa die "Los Angeles Times" fest: "Mittelklassen-Familien, lange die Säule des amerikanischen Traums, sind nicht länger in der Mehrheit". Dass Populisten in vielen Ländern auch in Europa Zulauf haben, wird auch auf Abstiegsängste der Mittelschicht zurückgeführt: Angst mache anfällig für einfache Antworten.

dk/bea (dpa)