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Wirtschaft

Deutsche Löhne haben Luft nach oben

Jahrelang hat Deutschland durch Lohnzurückhaltung Wettbewerbsvorteile erzielt. Zuletzt sind die Löhne zwar wieder gestiegen, aber es gibt noch viel Luft nach oben, so eine Studie.

Trotz eines etwas stärkeren Anstiegs hat Deutschland seinen über Jahre aufgelaufenen Rückstand bei der Entwicklung von Löhnen, Arbeitskosten und Lohnstückkosten noch nicht wieder aufgeholt. Das hat auch zum erneuten Rekordüberschuss der deutschen Leistungsbilanz von 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beigetragen. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Arbeits- und Lohnstückkostenreport, den das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in Berlin vorgestellt hat.

Danach rangiert Deutschland bei den Lohn- und Arbeitskosten für die private Wirtschaft wie in den Vorjahren im westeuropäischen Mittelfeld. Ende 2015 lag die Bundesrepublik unverändert an achter Stelle unter den EU-Ländern. Mit nominal 2,7 Prozent lag der Zuwachs der deutschen Arbeitskosten 2015 oberhalb des Durchschnitts von 2,2 Prozent in der Europäischen Union und von 1,6 Prozent im Euroraum.

"Nachdem sich die deutschen Arbeitskosten in der Privatwirtschaft in den gesamten 2000er Jahren deutlich geringer als der EU-Durchschnitt entwickelt haben, scheint sich die Entwicklung seit 2011 in Deutschland langsam zu normalisieren", schreiben die Wissenschaftler. Die Arbeitskosten spiegelten die kräftigere Entwicklung bei den Löhnen wider, die zuletzt wesentlich dazu beitrug, die hartnäckige Nachfrageschwäche bei den privaten Haushalten zu überwinden.

Schiffbruch mit einseitiger Exportorientierung

"Dass die deutsche Wirtschaft in einem schwierigen internationalen Umfeld noch ganz passabel wächst, ist vor allem dieser Normalisierung zu verdanken", sagt Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. "In Zeiten von Wachstumsschwäche in den Schwellenländern, von Brexit und nachwirkender Euroraum-Krise würden wir mit dem alten, einseitig und ausschließlich auf Export fixierten Wachstumsmodell Schiffbruch erleiden."

Dabei konstatieren die Ökonomen in der längerfristigen Betrachtung allerdings noch einige Luft nach oben: Zwischen 2000 und 2015 nahmen die Arbeitskosten laut IMK in der Privatwirtschaft in der EU um durchschnittlich 2,8 Prozent pro Jahr zu, im Euroraum um 2,5 Prozent. Das Wachstum in Deutschland lag in diesem Zeitraum lediglich bei 2,0 Prozent im Jahresdurchschnitt. Das ist EU-weit der drittniedrigste Wert nach Griechenland (0,5 Prozent) und Portugal (1,8 Prozent), wo die Arbeitskosten im Zuge der Krise in den vergangenen Jahren zeitweise stagnierten oder sogar sanken.

Lohnstückkosten steigen moderat

Auch bei den für die internationale Wettbewerbsfähigkeit wichtigeren Lohnstückkosten weist Deutschland für den Zeitraum von 2000 bis ins 1. Quartal 2016 weiterhin eine moderate Tendenz auf. Trotz einer ebenfalls etwas stärkeren Steigerung in den vergangenen Jahren sind die deutschen Lohnstückkosten seit Beginn der Währungsunion deutlich schwächer gestiegen als in allen anderen in der Studie betrachteten Mitgliedsstaaten des Euroraums mit Ausnahme Irlands und schwächer, als mit dem Inflationsziel der EZB vereinbar ist.

Die deutschen Lohnstückkosten lagen zuletzt laut IMK zwölf Prozent unter dem Durchschnitt des Euroraums ohne Deutschland. Das langjährige extrem schwache Wachstum der deutschen Lohnstückkosten hat zu den ausgeprägten wirtschaftlichen Ungleichgewichten im Euroraum beigetragen.

Inländische Nachfrage stärken

Eine langfristig stabilitätskonforme Wachstumsrate bei den Arbeitskosten liegt nach Analyse des IMK bei zwei Prozent pro Jahr - nahe an der EZB-Zielinflationsrate. Dieser Wert sei 2015 in Deutschland zwar erreicht worden, während die Rate im Euroraum bei sehr niedrigen 1,2 Prozent lag. Im längerfristigen Durchschnitt seit 2000 nahmen die deutschen Lohnstückkosten aber nur um ein Prozent im Jahr zu. Das zeige, dass weiterhin Spielraum und erheblicher Nachholbedarf bei der Stärkung der inländischen Nachfrage bestehe, so die Forscher. "Die deutschen Exporte haben sich seit Anfang 2000 real mehr als verdoppelt, während die Binnennachfrage preisbereinigt gerade einmal um rund elf Prozent zulegte", schreiben die Autoren der Studie.

2015 mussten deutsche Arbeitgeber in der Industrie und im privaten Dienstleistungsbereich 32,70 Euro pro geleistete Arbeitsstunde aufwenden. Höher liegen die Arbeitskosten in sieben Ländern: In Dänemark, Belgien, Schweden, Luxemburg, Frankreich, Finnland und den Niederlanden

Dass der Anstieg bei den Dienstleistungen in Deutschland anders als in den meisten Vorjahren nicht hinter dem in der Industrie zurückgeblieben ist, erklären die Forscher des IMK auch mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. In verschiedenen Dienstleistungsbranchen, in denen zuvor viele Beschäftigte für Stundenlöhne unter 8,50 Euro arbeiteten, ließen sich deutliche Lohneffekte ausmachen. "Somit kann davon ausgegangen werden, dass die Arbeitskostenentwicklung in der Privatwirtschaft und insbesondere dem Dienstleistungssektor im Jahr 2015 durch den Mindestlohn positiv beeinflusst wurde", schreiben die Wissenschaftler.