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Wirtschaft

Das Land der hochbezahlten Faulpelze

"Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit erodiert", warnt das Institut der deutschen Wirtschaft, während die südlichen Euroländer immer noch über die strikten Reformforderungen stöhnen. Wer hat nun recht?

Glaubt man der Tageszeitung "Die Welt", dann hat sich Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras in der vergangenen Woche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ziemlich blamiert. "Wir müssen nicht nur wettbewerbsfähiger, sondern auch produktiver werden", hatte Tsipras in einem hochkarätig besetzten Forum gesagt. "Wir dürfen nicht nur die Arbeitskosten im Blick haben." Dafür erntete er im Publikum verwirrte Blicke und Kopfschütteln, denn bei den Arbeitskosten geht es nie um die absolute Höhe, sondern stets um die Lohnstückkosten, also das Verhältnis von Löhnen und Produktivität.

Wer effizient wirtschaftet, das heißt: hochproduktiv ist, kann sich auch hohe Löhne leisten, weil die Lohnstückkosten im globalen Vergleich dann trotzdem wettbewerbsfähig sind. Doch genau diesen Zusammenhang zwischen Wettbewerbsfähigkeit, Löhnen und Produktivität scheint Tsipras nicht zu kennen. Lieber kritisierte er noch einmal die mit dem Rettungsprogramm der EZB, des IWF und der EU-Kommission verbundenen Reformauflagen.

Zu hohe Anpassungslasten?

Diese Argumente sind seit der griechischen Schuldenkrise sattsam bekannt, und sie werden nicht nur von den Südländern, sondern auch von einigen US-Wissenschaftlern diskutiert: Deutschland habe fast eine Dekade lang durch Lohnzurückhaltung innerhalb der Eurozone immer mehr an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen und erzeuge damit in Krisenländern wie Griechenland einen immer stärkeren Reform- oder Anpassungsdruck, lautet der Vorwurf.

Genau diese These bezweifelt aber Christoph Schröder, Senior Researcher am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Er hat in einer am Montag veröffentlichen Studie "untersucht, ob die These einer zu hohen deutschen Wettbewerbsfähigkeit überhaupt empirisch belegbar und hieraus ein Schaden für die anderen Mitglieder des Euroraums entstanden ist."

Kein Preisvorteil?

Sein Fazit: "Deutschland hat keinen Preisvorteil", schreibt Schröder. Im Gegenteil: "Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit erodiert." Das muss natürlich der wissenschaftliche Mitarbeiter eines arbeitgebernahen Instituts schreiben, schon allein, um die Gewerkschaften vor zu hohen Lohnforderungen zu warnen. Doch wer hat nun recht? Baut Deutschland durch seine zu große Wettbewerbsfähigkeit in anderen Ländern einen zu hohen Reformdruck auf oder gibt es diese vermeintlich hohe Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich gar nicht?

Witzigerweise benutzen beide Parteien in ihrer Argumentation das gleiche Maß, das Alexis Tsipras nicht zu kennen scheint: Die Lohnstückkosten. Denn wie gesagt, nicht die Arbeitskosten sind entscheidend, sondern was und wie viel zu diesen Kosten produziert wird. Aber beide Parteien betrachten unterschiedlich lange Zeitperioden. "Im Schnitt stiegen die Lohnstückkosten in Deutschland zwischen 1991 und 2014 jährlich um 0,5 Prozent. Bei der ausländischen Konkurrenz blieben die Lohnstückkosten dagegen in etwa konstant. Der Kostenanstieg im Euroausland war mit jährlich 0,5 Prozent genauso hoch wie hierzulande", heißt es in der IW-Studie. Also könne man kaum von einem Wettbewerbsvorteil sprechen.

Eine Frage des Zeitraums

Indes: Die Kritiker der deutschen Lohnzurückhaltung haben immer eine ganz andere Zeitperiode betrachtet, die auch IW-Forscher Christoph Schröder durchaus anerkennt: "Wenn überhaupt von einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gesprochen werden kann, betrifft das lediglich den Zeitraum von 1999 bis 2007 - und nur im Vergleich zu den anderen Ländern des Euroraums. Die expansive Lohnpolitik der vergangenen Jahre hat diesen Kostenvorteil allerdings teilweise wieder aufgezehrt", heißt es in der IW-Studie.

Und damit ist auch klar, welche Empfehlungen das Institut der deutschen Wirtschaft ausspricht: "Die Tarifparteien sollten daher vorsichtig bei weiteren Lohnerhöhungen sein", warnt IW-Direktor Michael Hüther. "Weitere Kostensteigerungen lassen sich bei weltweit eng umkämpften Gütermärkten nicht ohne Weiteres auf die Preise, also auf die Konsumenten überwälzen." Mehr noch: Zu hohe Lohnabschlüsse, die beschäftigungsfeindlich wirkten, würden den Konsum und damit die Konjunktur in Deutschland schwächen.

Lohnstückkosten kein Exklusivmaß

Eine krude Argumentation, denn hohe Lohnabschlüsse bedeuten erst einmal mehr Geld für den privaten Konsum, der keineswegs die Konjunktur in Deutschland schwächt, sondern im Gegenteil mittlerweile zu einer großen Stütze der Konjunktur geworden ist. Dass Arbeitgeber Lohnabschlüsse reflexhaft mit dem Prädikat "beschäftigungsfeindlich" versehen, ist zwar verständlich, angesichts der aktuellen Lage am Arbeitsmarkt aber keineswegs zutreffend.

Vielleicht greifen auch beide Parteien zu kurz. Lohnstückkosten sind allenfalls ein Indiz dafür, wo ein Land im internationalen Wettbewerb steht. Andere Faktoren lassen sich weniger gut quantifizieren, spielen aber auch eine wichtige Rolle. So kann Deutschland zum Beispiel mit stabiler Energie- und Rohstoffversorgung, hoher Rechtssicherheit, marktwirtschaftlicher Ordnung, guter Infrastruktur, konstruktiven Arbeitsbeziehungen und mit leistungsfähigen Zulieferern aufwarten.

"Zudem hat sich die deutsche Industrie durch ein differenziertes Leistungsangebot wichtige Alleinstellungsmerkmale erarbeitet", ergänzt IW-Forscher Schröder. Mit anderen Worten: Nicht nur der Preis entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch ein Mix aus Standortfaktoren, qualifizierten Mitarbeitern und innovativen Produkten.