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Politik & Gesellschaft

Deutsche Kritik an Facebook-Gesichtserkennung

Die von Facebook gestartete automatische Gesichtserkennung wird von deutschen Datenschützern heftig kritisiert. Besonders, weil die Funktion ohne Wissen der User aktiviert worden war.

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Das weltgrößte soziale Netzwerk Facebook hat erneut die Diskussion um den Datenschutz seiner Nutzer angeheizt. In dieser Woche wurde die automatische Gesichtserkennung in mehreren Ländern gestartet.

Längst können User ihre Freunde auf Fotos markieren, die Bilder also mit Namensstempeln versehen. Ein Klick auf den Namen genügt, und der User wird auf das Profil der im Bild markierten Person weitergeleitet. Diese Funktion wurde nun um die automatisierte Option "Markierungen vorschlagen" erweitert. Die Grundlage bildet eine Gesichtserkennungstechnologie, mit deren Hilfe hochgeladene Fotos mit Fotos abgeglichen werden, in denen bereits Personen markiert wurden. Facebook schlägt daraufhin vor, um welche Person es sich im neuen Bild handeln könnte und bietet an, eine entsprechende Namensmarkierung vorzunehmen.

Automatisch aktiviert

Das Feature wurde in den USA bereits im Dezember 2010 eingeführt, gerät mit dem Start in weiteren Ländern nun aber wieder in den Fokus. Grund dafür ist vor allem, dass die Gesichtserkennung in allen Profilen automatisch aktiviert worden war, ohne dass User darüber benachrichtigt wurden.

Facebook-Userprofil in den USA (Foto: AP)

Facebook-Userprofil in den USA

"Einmal mehr wirkt es so, als würde Facebook die Online-Privatsphäre seiner Mitglieder heimlich untergraben", schrieb Graham Cluley, technischer Berater bei der Internet-Sicherheitsfirma Sophos, in seinem Blog. Facebook hat die Funktion mit der Begründung verteidigt, die User könnten die "Markierungen vorschlagen"-Option auf Wunsch auch sperren. Dafür müssen Nutzer allerdings erst die Kontoeinstellungen aufrufen und sich dort durch diverse Untermenüs navigieren.

"Wenn jemand aus irgendeinem Grund nicht möchte, dass sein Name in den Vorschlägen auftaucht, kann er das Feature in seinen Privatsphäre-Einstellungen deaktivieren", sagte ein Facebook-Sprecher der Nachrichtenagentur AFP. "Wir hätten die User während des Einführungsprozesses besser informieren sollen."

Freunde taggen - "eine der beliebtesten Funktionen"

Justin Mitchell, Facebook-Techniker und offizieller Unternehmensblogger, erklärt, das Unternehmen habe die Funktion entwickelt, weil sich viele User über die Handhabung der Fotomarkierung beschwert hätten. Das "Taggen" der Fotos, eines der "beliebtesten Features" der Mitglieder, sei demnach umständlich – besonders, wenn in mehreren aufeinanderfolgenden Fotos dieselbe Person markiert werden soll.

Automatisch aktiviert lassen sich die Markierungs-Vorschläge aber immerhin nachträglich sperren. User können so festlegen, dass ihr Name nicht über die Gesichtserkennung vorgeschlagen werden kann. Facebook-Freunde können die Markierung allerdings auch ohne Automatik vornehmen.

So lässt sich die Markierungs-Vorschlag-Funktion deaktivieren:

- "Konto" klicken und "Privatsphäre-Einstellungen" aufrufen - auf "Inhalte auf Facebook teilen", dann "Benutzerdefinierte Einstellungen" klicken

- dort im zweiten Absatz unter "Dinge, die andere Personen teilen" bei "Freunden Fotos von mir vorschlagen" auf "Gesperrt" setzen

- "ok" klicken

Deutsche Sensibilität

Deutsche Datenschützer haben das neue Feature ebenso kritisiert, wie Facebooks Vorgehen bei dessen Einführung. Der Umgang mit Personendaten wird in Deutschland besonders intensiv diskutiert. Grund dafür sind auch die historischen Erfahrungen mit der Nazi-Herrschaft und dem DDR-Geheimdienst "Staatssicherheit" (Stasi).

Foto: dpa; Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz: Peter Schaar

"Wieder hat Facebook seine Bestimmungen zur Privatsphäre ohne Wissen der User verändert", sagte der deutsche Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar gegenüber der Deutschen Welle. "Ich glaube nicht, dass das Vorgehen von Facebook mit europäischen oder deutschen Datenschutzbestimmungen in Einklang steht."

Für Jimmy Schultz, FDP-Abgeordneter und Mitglied in der neu gebildeten "Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft" des Deutschen Bundestages, ist die neue Funktion ein tiefer Eingriff in die persönliche Freiheit. "Diese Funktion ist der erste Schritt hin zu einem Ende der Anonymität in der Öffentlichkeit", sagte er der Financial Times Deutschland.

Und dennoch: Auch deutsche Datenschützer können gegen das Vorgehen des großen US-amerikanischen Unternehmens wenig ausrichten – mehr als 600 Millionen Internetnutzer weltweit sind Facebook-Mitglieder.

EU will Untersuchung

Die Europäische Union hat angekündigt, wegen der neuen Funktion ein Untersuchungsverfahren gegen Facebook einzuleiten. Datenschutz-Beauftragte aus den 27 EU-Mitgliedsländern werden die Gesichtserkennungsfunktion auf mögliche Regelverletzungen hin prüfen, sagte Gerard Lommel, luxemburgisches Mitglied der sogenannten "Artikel-29-Datenschutzgruppe", einem unabhängigen Gremium, das die EU-Kommission in Fragen des Datenschutzes berät.

Auch in Großbritannien und in Irland soll die Foto-Markierung des beliebten sozialen Netzwerkes nun von offizieller Stelle geprüft werden. Die Artikel-29-Datenschutzgruppe hat Facebook in der Vergangenheit häufiger für Änderungen in ihren Privatsphäre-Bestimmungen kritisiert.

Veraltete Privatsphäre-Vorstellungen?

Foto: AP; Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (rechts)

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (rechts)

Während Facebook betont, das Feature vereinfache lediglich die Markierung von Freunden beim Foto-Upload, fürchten Kritiker, dass dabei auch kommerzielle Interessen eine Rolle spielen. So könnten Daten aus der Gesichtserkennung Unternehmen dabei helfen, Werbung noch gezielter auf die User hin auszurichten, als sie es bisher können. Andere sorgen sich, dass sich über auf der Straße geschossene Fotos, einmal bei Facebook hochgeladen, eine direkte Verbindung zu Personendaten herstellen lassen könnten. Bislang können User nur Personen in Fotos markieren, mit denen sie bereits als Freunde verbunden sind.

Das Unternehmen mit Hauptsitz in Kalifornien wird seit langem verdächtigt, eine nachlässigen Umgang mit Userdaten zu pflegen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist der Meinung, Netzwerk-Mitglieder wollten Privates öffentlich machen und zunehmend mehr Inhalte mit ihren Freunden teilen.

Ist Privatsphäre noch eine "soziale Norm"?

Im vergangenen Jahr sagte Zuckerberg auf einer Preisverleihung, Privatsphäre sei nicht länger eine "soziale Norm". Immer wieder wurde das Unternehmen wegen Änderungen der Privatsphäre-Bestimmungen heftig kritisiert.

Etwa, als 2009 bekannt wurde, dass private Nachrichten auch dann noch gespeichert werden, wenn ein Facebook-Mitglied das Netzwerk verlässt. 2008 zog Facebook einen Service zurück, der Userdaten an Dritte weitervermarktete. Trotz der wiederkehrenden Proteste wird Facebook in Kürze die 700-Millionen-Mitglieder-Marke erreichen. Und bisher sind groß angekündigte Protestaktionen ohnehin immer wieder im Sande verlaufen.

Autor: Kyle James
Redaktion: Stuart Tiffen / Insa Moog