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Wirtschaft

Deutsche Biotech-Firmen gehen an die Nasdaq

Wagemut für riskante und langwierige Anlagen ist immer noch meist in den USA zu finden. Auch deutsche Biotech-Unternehmer zieht es daher vermehrt an die US-Börsen. Aus New York berichtet Philipp Hassemer.

An der Technologiebörse in New York steht der gleichnamige Index Nasdaq seit Jahresanfang auf neuen Rekorden. Auch neulich wurde wieder ein neues Allzeithoch überschritten. Mit von der Partie ist das deutsche Biotech-Unternehmen Affimed. Das Heidelberger Unternehmen ist seit vergangenen Herbst an der Nasdaq gelistet: "Hier ist ein sehr großes Volumen an Finanzierung möglich und das ist letztendlich der Auslöser für den Börsengang in den USA gewesen", sagt Firmenchef Adi Hoess.

Forschungszyklen dauern oft mehrere Dekaden

Affimed forscht an DNA-veränderten Antikörpern des menschlichen Immunsystems, um diese unter anderem in der Krebstherapie einsetzen zu können. Nahezu alle Konkurrenz-Unternehmen seien ebenfalls in den USA gelistet, meint Hoess. "Hier vertreten zu sein, macht es einfacher, uns direkt mit diesen Firmen zu vergleichen", sagt der CEO. "Insbesondere dann, wenn wir mit Investoren sprechen und unsere Technologie bzw. Produkte erklären."

Denn viele Biotech-Startups und Firmen in Deutschland haben - trotz häufiger Hilfe bei der Gründungsfinanzierung und Steuervergünstigungen - Schwierigkeiten, Kapital für ihre aufwendigen und langwierigen klinischen Studien zu finden. Forschungszyklen dauern nicht selten mehrere Dekaden, auch deswegen ist die Biotech-Industrie weltweit eine der kapitalintensivsten.

"Es ist ein sehr ungewöhnliches Gewerbe: Im Voraus müssen große Summen langfristig investiert werden, und die Unternehmen machen lange keine Gewinne", erklärt Luke Timmermann, einer Online-Fachzeitschrift für die Biotechnologie-Branche. Traditionelle Bewertungs- und Finanzierungskriterien würden nicht greifen, sagt Timmerman, der seit rund 15 Jahren über die Biotech-Branche schreibt: "Man braucht Wagemut und einen gesunden Appetit auf hochriskante, spekulative Investitionen". Und das sei einfach immer noch mehr die amerikanische Art zu investieren.

"Das ist eine Chance für Europa"

Seit knapp neun Jahren hat es keinen Biotech-Börsengang an der Deutschen Börse in Frankfurt gegeben, während allein im vergangenen Jahr sieben europäische Unternehmen ihr Börsendebüt an der Nasdaq feierten. Der Biotechnologie-Index hat sich in den letzten drei Jahren fast verdreifacht. Die Firma Affimed hat am Tag der IPO über 56 Millionen Dollar einsammeln können und das Geld in weitere klinische Studien zur Krebstherapie investiert.

"Das ist eine Chance für ganz Europa", sagt Firmenchef Adi Hoess. Die Kapital-Volumen, die man in den USA für eine Firma holen kann, seien höher. "Es gibt Börsengänge zwischen 50 und 150 Millionen Dollar und das Kapital stünde derzeit in Europa nicht zur Verfügung", sagt Hoess. Ein Bericht der Deutschen Bank zeigt, dass Forschung und Innovationen der deutschen Biotechnologie-Branche rückläufig sind.

Während 2007 noch rund die Hälfte der Umsätze in Forschung und Entwicklung gesteckt wurde, war es 2013 nur noch ein Drittel. Vor allem weil Risikokapital fehlt. Es gebe natürlich immer wieder sehr gute Firmen, die auch hoch innovative Arbeit machen, räumt Hoess ein. Aber die Anzahl sei immer noch gering, im Vergleich zu dem, was in den USA passiere. "Uns geht damit auch die Gründergeneration verloren, die in der zweiten und dritten Welle weitere Firmen aufbauen würde", sagt Hoess.

Dabei geht es nicht darum, abzuwandern

Auch für 2015 planen weitere Biotech-Firmen aus Europa, darunter auch einige aus Deutschland, einen Börsengang in New York. Die hohen Kosten und strengen Anforderungen schrecken nicht ab. Dabei gehe es ganz klar nicht darum, abzuwandern, sondern mit dem Geld aus den USA die europäischen Tätigkeiten zu sichern: "Unsere Entwicklung, unsere Arbeitslätze sind jetzt für mindestens zwei Jahre gesichert. Vorher hatten wir eine Sicherung von ungefähr sechs Monaten", erklärt Hoess. Somit habe der Börsengang die Stabilität der Firma enorm erhöht.

Die USA also eher als Chance für Europa, um dort Arbeitsplätze und Fortschritt zu sichern. Zudem seien Europa, Amerika und überhaupt der globale Markt in der Biotech-Branche nicht wirklich zu trennen, meint Luke Timmerman: "Die Industrie ist ohnehin eine sehr internationale", sagt der Biotech-Spezialist. Eine Firma könne beispielswesie in Europa ansässig sein und ihre Forschungs- und Entwicklungslabore dort haben, gleichzeitig aber akademische Mitarbeiter in Forschungszentren in den USA beschäftigen. Oft gebe es Investoren und Partnerschaften mit Pharmariesen auf beiden Kontinenten. "Wenn Sie ein Biotech-Unternehmen in Europa leiten, sind die Chancen hoch, dass Sie regelmäßig im Flugzeug Richtung USA sitzen", sagt Luke Timmerman.