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Wirtschaft

Deutsche Bank: Trauerspiel in der Festhalle

Das Vertrauen zwischen Aktionären und Führung der Deutschen Bank ist tief gestört, Besserung vorerst nicht in Sicht. Das wurde auf der Hauptversammlung in Frankfurt deutlich.

Auch Demonstranten werden irgendwann müde. Jedenfalls waren vor der Festhalle in Frankfurt am Main, wohin die Deutsche Bank traditionell ihre Aktionäre zur Hauptversammlung einlädt, gerade einmal zwei Männer zu sehen, die ihren Unmut kundtaten. Einer bat mit einer Spardose um Spenden, "damit die Bank die ganzen Prozesskosten bezahlen kann." Nicht wie sonst lautstarke Proteste, die sich gegen zweifelhafte Geschäfte der Bank richteten wie die Finanzierung von Waffengeschäften oder Umweltschäden, die durch von der Bank finanzierte Aktivitäten entstanden sind.

Deutsche Bank Hauptversammlung

Nur wenige Proteste vor Beginn der Hauptversammlung in Frankfurt/Main

"Bild ist beschädigt"

Denn es sind nicht mehr Umweltschäden, die für Aufregung sorgen. Es ist vielmehr der Zustand von Deutschlands führender Bank. Eine Bank, die vor gar nicht allzu langer Zeit vor Kraft kaum laufen konnte, die sich auf dem Weg an die Weltspitze wähnte. Heute kämpft die Deutsche Bank vor allem mit sich selbst. Aufsichtsratschef Paul Achleitner, einst Finanzvorstand beim Versicherungsriesen Allianz, redet zu Beginn der Hauptversammlung auch gar nicht um den heißen Brei herum: "Das öffentliche Bild der Deutschen Bank ist stark angeschlagen und beschädigt." Kein Aktionär könne mit dem Erscheinungsbild der Bank und der Entwicklung des Aktienkurses zufrieden sein. Doch der Plan, damit den unzufriedenen Aktionären zumindest ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen, geht nicht auf.

Das gelingt auch den beiden Co-Chefs der Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen nicht, obwohl sie sich alle Mühe geben, bei den Aktionären für ihre Strategie zu werben: Schonungslose Aufarbeitung der Vergangenheit und die Neuaufstellung für die Zukunft. Aber es wirkt schon seltsam, wenn Jain seine Rede zwar auf Deutsch beginnt, dann aber auf Englisch weitermacht und man ihm das Mikrofon abdreht. Im Saal ist nur die deutsche Simultanübersetzung zu hören. Man muss offenbar jedes Wort auf die Goldwaage legen. Jain, der mit Fitschen seit bald drei Jahren an der Spitze des Geldhauses steht, gibt sich geläutert. Ja, Aktienkurs und Rendite seien nicht zufriedenstellend, der versprochene Kulturwandel brauche mehr Zeit. Das Verhalten Einzelner habe die Reputation der Bank beschädigt, "wir sind entsetzt darüber und ziehen Konsequenzen." Auch Fitschen müht sich, betont die Verankerung der Bank auf ihrem deutschen Heimatmarkt, wirbt damit, die Hälfte der Erträge an die Aktionäre auszuschütten. Doch auch das besänftigt die Aktionäre in der Festhalle nicht. Der Beifall ist dürftig, dafür gibt es vereinzelt Buhrufe.

Deutsche Bank Hauptversammlung

Anshu Jain (li.), wird mächtiger als sein Co Jürgen Fitschen (re.)

Sturm der Kritik

Den Reigen der zahlreichen Wortmeldungen eröffnet Klaus Nieding von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz. Er beklagt die ständigen Negativschlagzeilen, für die die Bank sorge. Man zahle heute die Zeche "für die Zockereien der Investmentbanker." Und ein Ende sei nicht in Sicht. Nieding fordert eine freiwillige Sonderprüfung, die zeigen soll, ob die finanziellen Rückstellungen für weitere mögliche Strafzahlungen ausreichen. Sollte der Aufsichtsrat das ablehnen, werde er vor Gericht ziehen. Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre richtet seine Frage direkt an Anshu Jain: "Sind Sie das Problem dieser Bank, die Lösung oder beides?"

Auch andere Aktionärsvertreter zweifeln daran, ob Anshu Jain der Richtige ist, um die Bank in die Zukunft zu führen. Schließlich sei er viele Jahre Chef des Investmentbankings gewesen, wo es die meisten Verfehlungen gegeben hat. Kann einer die Deutsche Bank führen, fragt Hans-Martin Buhlmann vom Verein institutioneller Privatanleger, "der von all diesen Verfehlungen nichts gewusst haben wollte, sollte oder konnte?" Von acht verlorenen Jahren für die Bank spricht Ingo Speich von der Fonds-Gesellschaft Union Investment. Nun drohten weitere fünf unprofitable Jahre des Übergangs.

Wirkungsloses Stühlerücken?

Für Unmut sorgen ebenfalls die unmittelbar vor der Hauptversammlung verkündeten Personalrochaden. Stühlerücken reiche nicht aus, man brauche frische Leute, so lautet die Hauptkritik. Der Aufsichtsrat hatte am Vorabend beschlossen, Anshu Jain mehr Macht zu geben, er verantwortet jetzt auch die Entwicklung der Strategie und der Organisation. Rainer Neske, bislang Chef der Privatkundensparte, verlässt nach 25 Jahren die Bank. Er hatte vergeblich für den Verbleib der Postbank gekämpft und sieht nun wohl keine Perspektive mehr. Neuer Finanz-Vorstand wird Marcus Schenck, er folgt auf Stefan Krause, der andere Aufgaben im Konzern übernimmt. Für seinen Nachfolger hat er noch eine Überraschung parat: Nein, sagt er, man habe noch keine Klarheit über Belastungen aus ausstehenden Rechtsstreitigkeiten. Und davon gibt es reichlich: Um die 6000 Verfahren sind anhängig, rund 1000 davon haben einen Streitwert von über 100.000 Euro. Die Aktionäre vernehmen es mit merklichem Grummeln.

Vielleicht ist mancher der rund 5000 Aktionäre, die den Weg nach Frankfurt gefunden haben, auch mit 11.000 belegten Brötchen, 5.500 Würstchen zufrieden oder mit den 12.000 Stück Blechkuchen am Nachmittag. Mit den Antworten der Vorstandsspitze sind es viele nicht. Normalerweise gibt es bei Hauptversammlungen deutliche Zustimmungsquoten von 90 und mehr Prozent. Aber davon ist die Führung der Deutschen Bank in diesem Jahr weit entfernt. Etliche Fonds verweigern den Vorständen, über die einzeln abgestimmt wird und nicht wie üblich en bloc, die Entlastung. Das an sich ist noch nicht dramatisch. Aber es fügt dem sowieso schon schlechten Image der Bank noch weitere, tiefe Kratzer hinzu. Man kann davon ausgehen, dass Deutschlands Bankhaus Nummer Eins so schnell nicht zur Ruhe kommen wird.