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Kultur

Deutsch ist seine Heimat: Der israelische Dichter Elazar Benyoetz ist 80 Jahre alt

Er gilt als Meister des "Jerusalemdeutsch" und hat in Deutschland mehr Leser als in seiner Heimat: Der israelische Autor und Aphoristiker Elazar Benyoetz ist 80 Jahre alt. Eine Würdigung.

"Mit dem Überschreiten der deutschen Grenze hatte ich keine Gemeinde mehr; mit dem Wechseln ins Deutsche keine Aussicht auf Repräsentanz." In ganz wenigen Worten bündelt Elazar Benyoetz das Schicksal seines Wirkens. Es macht ihn zu einem Unikum. Der vielfach preisgekrönte und von Germanisten hoch geschätzte Schriftsteller lebt in Israel – dabei schreibt er seit über 50 Jahren in deutscher Sprache.

Benyoetz ist ein Meister des Aphorismus, jenes kurzen, philosophischen Sinnspruchs, der mit wenigen Worten viel sagt. Dichtung, Geistreiches, Widerspenstiges, Anregendes, Aufschlussreiches, Geheimnisvolles, Tiefsinniges. Es ist eine Kunst, Sprachkunst. Die leisen Aphorismen von Benyoetz, die lange nachklingen, sind die passende literarische Form in Zeiten des laut tosenden medialen Sprach-Überflusses.

Seit 50 Jahren schreibt er auf Deutsch

Blick in Elazar Benyoetz' Bibliothek. Foto: DW/C. Strack

Blick in Elazar Benyoetz' Bibliothek

Dabei birgt Benyoetz' Lebenslauf eine ganz eigene Pointe. Denn der in der Wiener Neustadt unter dem Namen Paul Kloppel geborene Sohn einer jüdischen Familie, die 1938 vor den Nationalsozialisten floh, wuchs im damaligen Palästina mit Hebräisch als Muttersprache auf. Auf Hebräisch veröffentlichte er erste Lyrik-Bände. Die deutsche Sprache eignete er sich erst an, indem er Bücher von Emigranten kaufte und las. Ein Stipendium führte ihn Anfang der 1960er Jahre zurück nach Deutschland, mit einer Empfehlung unter anderem des großen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) im Gepäck. Seitdem schreibt er wieder in deutscher Sprache, seit 1969 fast ausschließlich. Mit seiner Überquerung der Grenze zu Deutschland, "in das (damals) verbotene Land", sei seine hebräische Dichtung "ungültig und gleichgültig" geworden.

"Als ich Ende 1962, so entschlossen wie ahnungslos, zu meinem deutschen Schicksal aufbrach, wusste ich nur über zwei Dinge Bescheid: ich sei Dichter und Jude –  in dieser Reihenfolge, denn ein Besessener der Dichtung war ich schon mit zwölf Jahren", sagt er. "Mit zwölf Jahren war mein erstes Gedicht in Druck erschienen, das war zu lesen, stand also fest. Ich musste Dichter werden, Jude nicht. Damit ist nicht gesagt, dass man nicht werden soll, was man vielleicht schon ist." Und: "Deutschland peitschte den Juden (in mir) auf und hoch, die deutsche Sprache schnitt mich von meinen Quellen ab, ich musste ihr auf den Grund gehen, um Boden zu gewinnen. Es war kein gesunder Boden; es war ein schwerer Gang zu Grunde."

Berlin ist für ihn Ort der Verwandlung

Die Zeit, in der er nach Deutschland kam, nennt Benyoetz die "verbotenen Jahre" der israelisch-deutschen Beziehungen. "Ich wurde in Israel heftigst angegriffen und bald auch abgeschrieben. Das ist die eigentliche Wunde meines Lebens, vielleicht auch eine Quelle meines Schaffens", sagt er. Ein Brief des israelischen Auswärtigen Amtes ermöglichte ihm 1964, in der "Israel-Mission" in Köln zu wohnen, aus der ein Jahr später nach der Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen die Botschaft wurde.

Benyoetz gab den Anstoß zur "Bibliographia Judaica", die den jüdischen Beitrag zur deutschen Geistes- und Zeitgeschichte bis zur Gegenwart aufarbeitet. Als er begann, würdigte Theodor W. Adorno das Projekt als "wichtigen und produktiven" Plan. Bis 1968 wohnte und forschte Benyoetz dafür in Berlin. Die Stadt ist für ihn "Moses Mendelssohn und der Ort meiner Verwandlung". Bis heute hat der nette ältere Herr mit dem weißen Bart, dem beobachtenden Blick und dem wachen Geist mehr Leser in Deutschland als in Israel.

Kandidat für deutschen Friedenspreis?

Der Schriftsteller lebt in Tel Aviv und Jerusalem. Dort birgt seine Wohnstube eine der seltener werdenden Schatzkammern der Emigrantengeneration, gefüllt bis unter die Decke mit den Klassikern der deutschsprachigen Literatur. Bereits 1959 legte Benyoetz übrigens das Rabbinerexamen ab, ohne später als Rabbiner zu arbeiten. Seinen zuletzt erschienenen Werken merkt man diese rabbinische Prägung eher an als den Arbeiten der frühen Jahre. "Du kannst ohne Gott auskommen, aufgeben kannst du ihn nicht. Die Aufgabe steht am Ausgang", heißt es an einer Stelle.

Blick über Jerusalems Altstadt. Foto: Getty Images/AFP/M.Kahana

Jerusalems Altstadt

Wie schaut jemand mit diesem biblischen Sprachgefühl auf Martin Luther, an dessen fundamentale Bedeutung für die deutsche Sprache in diesem Jahr das Reformationsjubiläum erinnert? "Luther zwang die Bibel, ihm zu glauben; so entstand die Lutherbibel", sagt Benyoetz, und: "Die deutsche Sprache kann/ohne Gott, /aber nicht ohneLuther/ auskommen." Benyoetz über Benyoetz: "Ein Erzjude, dicht am Herzklopfen Luthers,/ in der deutschen Sprache,/ wie in einer Kirche." Aber ebi allem Respekt wirft er den Blick dann auch auf die dunkle Seite des Reformators: "Schreibt man Deutsch, ist man auch als Jude Lutheraner, schreibt man über Luther – kommt man, auch als Christ – auf einen Judenhass, dessen Bildersprache Hitler, der Maler, signieren könnte."

Eigentlich wäre der nun 80-jährige Autor ein würdiger Kandidat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Schließlich gab und gibt er der deutschen Sprache so viel zurück. "Dieses Deutsch", sagt er selbst, "wird von einem Israeli gemeistert, es hat seine Adresse und seinen Namen: das Jerusalemdeutsch."

 

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