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Kultur

Israels Literatur erleben

Vor 50 Jahren nahmen Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen auf. Heute sind israelische Autoren fester Bestandteil der deutschen Verlagslandschaft. Auch in Leipzig präsentieren sie ihre Bücher.

Eines wusste Amos Oz als junger Mann ganz genau: Er würde nie nach Deutschland fahren, nie in das Land reisen, das für den Holocaust und die Shoah verantwortlich war. Ja, davon sei er damals überzeugt gewesen, sagt Amos Oz heute, rund 50 Jahre später. Er sitzt auf der Bühne des Schauspiels Leipzig und stellt in den ersten anderthalb Stunden einer Langen Nacht der deutsch-israelischen Literatur seinen neuen Roman "Judas" vor. Für dessen kunstvoll zurückhaltende Übertragung ins Deutsche ist die Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler kurz zuvor mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet worden.

Von der Kraft der Literatur

Die deutsche Nachkriegsliteratur sei Schuld, dass er seinem Vorsatz untreu geworden ist, sagt Amos Oz. Er liebe Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Siegfried Lenz, der ihm ein guter Freund und Vertrauter wurde, und habe sich in die Figuren ihrer Romane und Erzählungen hineinversetzt. Danach konnte er Deutschland nicht mehr hassen. "Wenn man einen Roman liest, reist man in die Seelen vollkommen Fremder. Am Ende können sie Teil der eigenen Familie geworden sein."

Amos Oz verleiht der Übersetzerin Mirjam Pressler den Preis der Leipziger Buchmesse (Foto: Foto: Jan Woitas/dpa)

Amos Oz überreichte der Übersetzerin Mirjam Pressler den Preis der Leipziger Buchmesse

Davon, dass Literatur Brücken bauen und Beziehungen festigen kann, ist in diesen Tagen in Leipzig immer wieder die Rede. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind fest und freundschaftlich und sehr besonders, denn immer schwingt die Geschichte in ihnen mit. Nun, im 50. Jahr der diplomatischen Beziehungen beider Länder, ist Israel Gast der Leipziger Buchmesse - mit zahlreichen Veranstaltungen und rund 40 angereisten Autoren und Autorinnen.

Geschichten und Geschichte

Einer, der sich darüber besonders freut, ist Thomas Feist, Bundestags-Abgeordneter der CDU und in Leipzig ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Hier, erzählt er, hätten vor dem Zweiten Weltkrieg sehr viele Juden gelebt, nach 1945 aber gab es nur noch eine große Leerstelle. Heute hat die jüdische Gemeinde der Stadt wieder über 1300 Mitglieder. Man habe sich gekümmert in Leipzig, sagt Thomas Feist. Und Kontakt gehabt, schon mit dem jungen Staat Israel. Aber, sagt er dann auch, nach 1989 musste viel nachgeholt werden.

Die Synagoge Leipzig bei ihrer Wiedereröffnung 1993 (Foto: Picture alliance/dpa)

Einige Jahre nach dem Mauerfall, 1993, wurde die Leipziger Synagoge nach aufwendiger Rekonstruktion wiedereingeweiht. Es ist die einzige von ehemals 13 Leipziger Synagogen und vier jüdischen Betstuben, die die Nazizeit überstanden hat.

Zu DDR-Zeiten galt Israel offiziell als imperialistisches System. Und allein die Bundesrepublik wurde als Land der NS-Täter betrachtet. "So habe ich das auch in der Schule gelernt", bestätigt Thomas Feist. Diese Weltsicht habe darüber hinweggetäuscht, dass in der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg viele Fehler gemacht worden seien. "Dass beispielsweise enteignete jüdische Gebäude in Volkseigentum überführt worden sind, also nochmal enteignet wurden". Er selber, sagt Thomas Feist, habe sich schon früh für Kultur und Menschen aus Israel interessiert und irgendwann überraschenderweise herausgefunden, dass das auch etwas mit seiner Biographie zu tun hat. Sein Urgroßvater war der letzte jüdische Pelzhändler in der Stadt und hat den Holocaust nur überlebt, "weil seine sogenannte arische Frau sich nicht von ihm scheiden ließ".

Neue Perspektiven

Feist hat viele Jahre für den Jugendaustausch mit Israel gesorgt. Lange, sagt er, sei die Geschichte die Grundierung dieser Beziehungen gewesen. Heute schaue man mehr nach Gemeinsamkeiten und in die Zukunft. Einen ähnlichen Perspektivwechsel hat auch die Literatur aus Israel vorgenommen – obwohl die Vergangenheit oft die unsichtbare Folie ist, vor der sie erzählt wird. "Israel ist Vielfalt" lautet das Motto des Messeauftritts. "Unser Alltag ist laut und immer etwas chaotisch", ergänzt verschmitzt Botschafter Yakov Hadas-Handelsman. Der kann sich übrigens vorstellen, in seinem späteren Leben Schriftsteller zu werden, "weil man dann alles sagen kann und nicht diplomatisch sein muss".

Junge Leute tanzen bei einer der Meschugge-Parties in Berlin (Foto: Aviv Netter)

In Berlin feiern Israelis inzwischen "Meschugge"-Partys. In Leipzig erzählen Bücher vom Tel Aviver Nachtleben. Und von vielem mehr aus Israel.

Was er damit meint, erfährt, wer Israels Autoren auf dieser Messe erlebt und ihre Bücher liest. Rotzfreche Geschichten aus Tel Avivs Clubnächten, Meir Shalevs bluttriefende Rachephantasie "Zwei Bärinnen", Gila Lustigers als Ermittlungsgeschichte getarnter Gesellschaftsroman "Die Schuld der anderen", Dan Diners kluge Ausleuchtung der deutsch-israelischen Beziehungen, Lizzie Dorons Aufzeichnungen über ihre komplizierte Freundschaft mit einem arabisch-palästinensischen Journalisten (Titel: "Who the Fuck is Kafka?") oder oder oder. Und natürlich Amos Oz neuer Roman "Judas", der nicht nur den Verräter Jesu in ein ganz neues Licht rückt, sondern auch eine wunderschöne Liebesgeschichte ist und von Hoffnungen, Konflikten und Irrglauben in Jerusalem um 1960 erzählt.

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