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Deutsch ins Grundgesetz?

Eine Unterschriftenkampagne setzt sich dafür ein, die deutsche Sprache in der Verfassung zu verankern. Migrantenverbände verfolgen die Debatte mit Unbehagen.

Schülerinnen in Leipzig (Foto: dpa)

Schülerinnen in Leipzig

"Die Sprache in der Bundesrepublik ist Deutsch" - ginge es nach dem "Verein Deutsche Sprache" (VDS), würde dieser Satz künftig im Grundgesetz stehen. "Wir glauben, dass das Deutsche in unserer Gesellschaft zu wenig Ansehen genießt", sagt VDS-Sprecher Holger Klatte und verweist auf den Siegeszug des Englischen in Wissenschaft, Technik und anderen Gebieten. "Durch die Aufnahme in das Grundgesetz wäre der Stellenwert der deutschen Sprache ein anderer."

Holger Klatte vom Verein Deutsche Sprache (Foto: VDS)

Holger Klatte vom "Verein Deutsche Sprache"

Vor zwei Jahren erzielte der Verein einen Etappensieg: Die konservative Regierungspartei CDU machte sich die Forderung zu Eigen. Doch dabei blieb es dann auch; in den Koalitionsvertrag zwischen den Unionsparteien und der liberalen FDP fand die Idee keinen Eingang.

Zusammen mit dem Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA) will der VDS nun das Parlament dazu bewegen, über eine Gesetzesänderung zu beraten. Am Dienstag (09.11.2010) übergaben Vertreter der beiden Organisationen rund 50.000 Unterschriften an Bundestagspräsident Norbert Lammert. Unterstützt wird die Kampagne von Deutschlands größtem Boulevard-Blatt. Die "Bild"-Zeitung hat ihre Leser dazu aufgerufen, einen vorformulierten Brief an den "Verein Deutsche Sprache" zu schicken, in dem es unter anderem heißt: "Ich will keine Zuwandererfamilien, die sich bis in die dritte Generation weigern, die Sprache des Landes korrekt zu lernen, in dem sie leben!"

"Ihr gehört nicht dazu"

Unterricht in 'Deutsch als Fremdsprache' an einer Berliner Volkshochschule (Foto: dpa)

Unterricht in "Deutsch als Fremdsprache" an einer Berliner Volkshochschule

Auch wenn eine Grundgesetzänderung derzeit ausgeschlossen ist, da dazu eine Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern des Parlaments nötig wäre, lässt die Debatte Migranten-Vertreter aufhorchen. "Das gefährdet das friedliche Zusammenleben", glaubt etwa Karamba Diaby, Vorsitzender des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrates. "Es verstärkt die negative Stimmung in Deutschland, bei der im Moment einigen Volksgruppen der Eindruck vermittelt wird: Ihr gehört nicht dazu." Die Forderung selbst hält er nicht nur für überflüssig, sondern auch für gefährlich: "Die deutsche Sprache im Grundgesetz zu verankern kommt fast einer Assimilationsforderung gleich - und das ist dem Zusammenleben nicht förderlich."

"Man muss nicht alles in die Verfassung aufnehmen - und dass Deutsch Amtssprache in Deutschland ist, ist ja selbstverständlich", sekundiert Mehmet Tanriverdi, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände. "Wenn Menschen einwandern, bringen sie ja ihre Kultur mit - und ihre Sprache gehört dazu und die muss auch geschützt werden."

Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde (Foto: AP)

Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde

Drastischer drückt es Kenan Kolat aus, der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland: Die vorgeschlagene Formulierung könne "als Legitimation für verbotsähnliche Zustände dienen". So dürfe schon jetzt an einigen Schulen während der Pausen nur noch Deutsch gesprochen werden. Würden solche Regelungen vermeintlich durch die Verfassung gedeckt, könnten sie in vielen weiteren Bereichen Schule machen. Im Grundgesetz könne nicht die Sprache des Landes, sondern allenfalls die Amtssprache festgelegt werden - und dies müsse durch den Satz flankiert werden: "Der Staat achtet die Identität der kulturellen und sprachlichen Minderheiten."

"Kein eigener Wortschatz mehr"

Beim "Verein Deutsche Sprache" wehrt man sich gegen den Vorwurf, man wolle andere Sprachen benachteiligen. "Zuwanderer sollen ermutigt werden, ihre Herkunftssprachen zu beherrschen", sagt VDS-Sprecher Klatte. Sein Verein sehe die deutsche Sprache nicht primär durch Einwanderung bedroht, sondern durch die zunehmende Verwendung von Anglizismen. "Das Deutsche entwickelt keinen eigenen neuen Wortschatz mehr", sagt Klatte. "Die Sprache wird in ihrer Entwicklung abgeschnitten."

Nicht alle Anglizismen schließen Bennenungslücken: Ein sogenannter Service-Point der Deutschen Bahn (Foto: dpa)

En sogenannter "Service Point" der Deutschen Bahn

Doris Steffens, die am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache die Entstehung neuer Worte erforscht, sieht darin einen ganz normalen Prozess. "Anglizismen werden auch deshalb entlehnt, weil sei eine Benennungslücke schließen." So erkläre sich ein Begriff wie "chatten" sofort - mit Wörtern wie "plaudern", "schwatzen" müsse man ihn umständlich umschreiben. "Entlehnungen gibt es seit Jahrhunderten - früher aus dem Französischen, noch früher aus dem Lateinischen." Verhindern lasse sich das nicht - schon gar nicht durch eine Grundgesetzänderung. "Die deutsche Sprache ist keine absolute Größe, die in ein Gesetz gegossen werden kann, sondern ein ständig im Wandel begriffenes System."

Autor: Dennis Stute

Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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