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Kultur

Deutsch: keine Weltsprache - aber wieder "in"

Eine Weltsprache ist Deutsch längst nicht mehr. Dennoch: Vor allem in Osteuropa avanciert Deutsch zur beliebtesten Fremdsprache, so Klaus Reichert, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, im Interview.

Leipziger Buchmesse Feature

DW-WORLD.DE: Herr Reichert, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung debattiert derzeit über die Bedeutung der deutschen Sprache. Um welche Themen geht es genau?

Klaus Reichert, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Foto: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung)

Akademiepräsident Klaus Reichert

Klaus Reichert: Wir haben zum Beispiel zwei Autoren eingeladen, die zwei Bücher über die deutsche Sprache vorgelegt haben, zum einen Günter Grass, der ein Buch geschrieben hat mit dem Titel "Grimms Wörter" mit dem Untertitel "Eine Liebeserklärung". Es ist eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache, an die Brüder Grimm und insbesondere an ihr deutsches Wörterbuch. Der andere Autor ist Thomas Steinfeld, der Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung. Er hat das Buch "Der Sprachverführer" mit dem Untertitel "Die deutsche Sprache – was sie ist, was sie kann" verfasst.

Beide Autoren treibt um, dass die deutsche Sprache ins Gerede gekommen ist: Man würde kein gutes Deutsch beherrschen. Das beginnt bei solchen Dingen wie dem Schwinden des Konjunktivs, der starken Verbformen oder der kompetenten Beherrschung der Grammatik. Das ist eine Erscheinung, die wir nicht nur bei den sozial schwächeren Schichten haben, sondern das geht durch die gesamte Gesellschaft. Dazu äußern sich dann auch ganz unterschiedliche Sprachvereine, wie die Gegner der Anglizismen oder der Fremdwörter oder andere. Wir wollen jetzt mal den Spieß umdrehen und von dem Reichtum und der Schönheit der deutschen Sprache sprechen.

Also geht es beim Stichwort "Gutes Deutsch" nicht unbedingt nur um korrekte Schreibweise oder Aussprache?

Nein. Die sogenannte "Rechtschreibreform" ist ja jetzt vom Tisch und einige der unsinnigsten Entscheidungen dort sind mit Hilfe unserer Sprachwissenschaftler von der Deutschen Akademie ohnehin schon korrigiert worden. Aber das ist jetzt kein Thema, das kann man im Grunde auch nicht mehr hören.

Sie tagen sowohl einmal in Deutschland wie jetzt in Darmstadt als auch einmal im Ausland, das war in diesem Jahr Istanbul. Welches Feedback erhalten Sie im Ausland über die Bedeutung der deutschen Sprache im internationalen Vergleich?

Wir haben festgestellt, dass das Interesse an der deutschen Sprache im Allgemeinen, an der deutschen Gegenwartsliteratur im Besonderen, außerordentlich groß ist. Man hört manchmal von Politikern oder Wissenschaftlern oder liest in den Zeitungen, dass das Deutsche im Schwinden sei, das mag vielleicht so sein, aber es gibt Länder, wo das überhaupt nicht stimmt. Wir waren beispielsweise in den ehemaligen Ostblockländern, in Polen, der Ukraine, in Russland, und haben gemerkt, wie groß das Interesse am Deutschen und der deutschen Literatur ist.

Und das Interesse dort steigt immer mehr an. In Istanbul ist das ganz ähnlich: wir haben Lesungen gehalten an den fünf Universitäten und den beiden deutschen Schulen, und wir hatten immer einen ganz großen Zulauf. Die Goethe-Institute sind oft überlaufen, zwar in erster Linie wegen des Spracherwerbs, aber auch das Interesse an deutscher Literatur ist sehr groß. Wir kommen immer zurück mit einem Bündel Adressen von Leuten, die regelmäßig informiert werden möchten über das Deutsche.

Ist Deutsch nur eine wichtige Kultursprache oder ist Deutsch auch eine Weltsprache? Was meinen Sie?

Deutsch ist nicht mehr eine Weltsprache, wie sie es im 19. Jahrhundert noch war; damals war Deutsch die wichtigste Wissenschaftssprache. Wir beobachten aber, gerade durch unsere Tagungen im Ausland, dass das Deutsche doch immer mehr an Boden gewinnt und dass es zum Teil von unseren Politikern klein geredet wird, es sei nicht mehr so wichtig. Darüber hinaus haben wir in Deutschland selbst eine immer größere Anzahl von glänzenden deutschen Autoren, die einen türkischen Hintergrund haben, arabische Autoren, serbische, kroatische, spanische oder italienische. Und wenn wir fragen, was ist das Besondere für euch, dass ihr euch für deutsch entschieden habt, dann sagen sie, im Deutschen gibt es Möglichkeiten, die wir in unserer Sprache nicht haben.

Es ist ja auch ein interessantes Phänomen, dass von den 20 Autoren, die auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis standen, neun einen anderssprachigen Hintergrund hatten, also fast die Hälfte, und Melinda Nadj Abonji, eine serbische Ungarin, die in der Schweiz lebt, den Buchpreis bekommen hat. Das sind Phänomene, die uns zeigen: Hier tut sich sehr viel und ich glaube sogar, wenn man das als Prognose wagen darf, dass sich langfristig das Deutsche dadurch auch verändern wird, denn diese Autoren bringen natürlich eine andere Sprachkompetenz mit in das Deutsche hinein.

Interview: Klaus Gehrke
Redaktion: Manfred Götzke

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