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Wirtschaft

Destination Bagdad

Die von der Wirtschaftskrise schwer getroffenen Airlines suchen nach neuen Einnahmequellen. Weil sich das Leben im Irak ganz langsam normalisiert, haben immer mehr Fluggesellschaften das Land als Ziel wiederentdeckt.

Ein Junge verkauft Kaffee auf einer Fußgängerbrücke am Al-Shorja-Markt in Bagdad (Foto: UNICEF)

Das Leben in der irakischen Hauptstadt normalisiert sich

Der Norden ist besonders attraktiv. Hier spricht keiner mehr vom wilden Kurdistan; eher vom wirtschaftlich aufstrebenden Erbil: "Das ist eine Stadt von dreieinhalb Millionen Einwohnern, in der es friedlich zugeht, in der es Strom gibt und Infrastruktur, und es ist eine aufstrebende Region, die wirtschaftlich auch sehr viel Austausch sucht", sagt Barbara Fanslau. Sie ist Geschäftsführerin von Everest Travel und organisiert bereits seit fünf Jahren Flüge in den Irak.

Die erste Maschine startete im September 2005 vom Frankfurter Flughafen aus. Bis heute fliegt Hamburg International regelmäßig für Everest Travel nach Erbil; inzwischen von Düsseldorf aus. Vor allem Exil-Iraker nutzen die Charterverbindung, um ihre Familien zu besuchen. Linienflüge gibt es neuerdings von Air Berlin nach Erbil und Suleimanija. Das liegt ebenfalls im kurdischen Norden, nahe der Grenze zum Iran.

Auch Lufthansa denkt darüber nach

Zwei Lufthansa-Maschinen (Foto: AP)

Lufthansa will dort sein, wo ihre Kunden sind

Und nachdem Turkish Airlines jetzt sogar täglich nach Bagdad fliegt und Royal Jordanian und die Golflinien alle ihre Angebote aufstocken, denkt man auch bei Lufthansa darüber nach; Jörg Hennemann von der Netzplanung: "Wir haben natürlich in letzten Wochen die Entwicklung interessiert verfolgt: Viele Firmen - nicht nur deutsche Firmen - fangen wieder im Irak an, Geschäfte zu tätigen und wo unsere Kunden hingehen, da sollten wir nicht fehlen."

Und warum drängt es die Kunden so sehr in Richtung Irak? Sein Kollege Sebastian Hollmeier: "Der Irak hat die drittgrößten Ölreserven der Welt. Das ist ein starker Wirtschaftszweig des Irak und damit natürlich wirtschaftlich in der ganzen Welt interessant."

Angedacht sind tägliche Verbindungen nach Bagdad und viermal die Woche nach Erbil. Etliche Mitarbeiter hätten bereits die Lage im Land erkundet. Jörg Hennemann: "Man kann da schon fast von einer gewissen Routine sprechen. Wir werden uns trotz aller Schnelligkeit nicht treiben lassen, sondern wir werden sehr sorgfältig vorgehen."

Offiziell gilt noch Ausnahmezustand

Aufräumarbeiten nach einem Anschlag in Bagdad (Foto: AP)

Aufräumen nach einem Anschlag - auch das ist noch Teil des Alltags in Bagdad

Profitieren kann der Lufthansa-Netzplaner von den Erfahrungen der Konzerntochter Austrian Airlines. Sie fliegt seit vier Jahren von Wien nach Erbil und zurück. Und auch Aerologic - das Gemeinschaftsunternehmen von Lufthansa Cargo und DHL will Fracht von und nach Bagdad bringen. Doch DHL-Piloten dürfte noch präsent sein, dass eine ihrer Maschinen im November 2003 kurz nach dem Start in Bagdad von einer Boden-Luft-Rakete getroffen wurde und notlanden musste. Bis heute gilt im Irak offiziell Ausnahmezustand. Das Auswärtige Amt hat die Entführungen der Archäologin Susanne Osthoff und der beiden Ingenieure aus Leipzig nicht vergessen, spricht zwar von einer "statistisch verbesserten Sicherheitslage", rät jedoch von Reisen dorthin ab. Auch die Vereinigung Cockpit formuliert in einem Positionspapier ihre Sorgen und rät den Mitglieds-Piloten, nicht in den Irak zu fliegen.

Bei etlichen Airlines werden deshalb die Bedingungen für Flüge in Kriegs- und Krisengebiete noch ausgehandelt. Für die Irak-Spezialisten von Everest Travel ist das eine Frage der Kosten und der Kriegs-Risiko-Versicherung. Barbara Fanslau: "Es gibt natürlich Versicherungen, die wir auch zahlen müssen. Aber die sind natürlich in dem Preis mit einkalkuliert." Ein Ticket für Flüge in den Irak koste zwischen 550 und 800 Euro. Es sei ein Seiltanz: "Man kann nie heute wissen, was morgen ist. Außerdem weiß man nicht, ob irgendein Verrückter auf einmal durchdreht", sagt Fanslau weiter.

Mit dem Öl kommt der Reichtum

Ölraffinerie in Basra (Foto: AP)

Ölraffinerie in Basra, 550 Kilometer südöstlich von Bagdad

Sie weiß, wovon sie spricht. Ihre Kollegen von der kanadischen Konzernmutter Sky Link haben im Auftrag der Vereinten Nationen zivile Flughäfen im Irak aufgebaut. Ein Himmelfahrtskommando sei das gewesen. Kaum einer wollte freiwillig mitmachen. Doch inzwischen hat sich viel verändert, sagt Tamir Preisler von Sky Link: "Das Land ist ruhiger geworden. Es ist nicht mehr so gefährlich wie vor zwei, drei oder vier Jahren. Es fließen Einnahmen von Öl und von anderen Quellen. Das bringt dann natürlich Reichtum für gewisse Schichten." Und das Resultat sei: Man müsste heute in Erbil für eine Wohnung manchmal mehr bezahlen als in Frankfurt pro Quadratmeter, meint Tamir Preisler.

Gründe genug also für immer mehr Fluggesellschaften, Erbil, Bagdad und vielleicht auch Basra anzusteuern. Und wenn es stimmt, dass das Airline-Geschäft ein Barometer ist, dann wird es womöglich wirklich bald ruhiger und sicherer im Irak.

Autorin: Sylvia Kuck
Redaktion: Zhang Danhong

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