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Europa

Designer entdecken das Kopftuch

Westliche Modeunternehmen experimentieren mit islamischen Bekleidungstraditionen. In der Modewelt gewinnt das Kopftuch neue Ausstrahlung - riskiert aber auch, seinen ursprünglichen Sinn zu verlieren.

Katholische Priester, sizilianische Witwen - und nun das islamische Kopftuch: Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis das italienische Modelabel Dolce & Gabbana die islamischen Bekleidungsvorschriften für sich entdecken würde. Seit Jahren lassen sich die beiden italienischen Modedesigner von Traditionen inspirieren, die man mit Haute Couture nicht direkt in Verbindung bringt. Die Trauer der allein gebliebenen alten Frauen, die Zurückgezogenheit des Gottesmannes: Auf dem Laufsteg bleibt die karge Aura nur als Zitat erhalten - aber immer noch stark genug, um herbe Akzente auch in der mondänen Welt der Mode zu setzen.

Nun also die islamische Kopfbedeckung.

Und nicht nur Dolce & Gabbana sind dabei. Die schwedische Kette H&M hat mit Mariah Idrissi, einer jungen Britin pakistanisch-marokkanischer Herkunft, erstmals ein islamisches Model fast weltweit bekannt gemacht. Mango hat weibliche Mode für den Fastenmonat Ramadan auf den Markt gebracht, DKNY entwirft Kleidung nach islamischen Vorschriften, Marks & Spencer bieten ihren streng muslimischen Kundinnen nun einen sogenannten Burkini an, einen Badeanzug, der den gesamten Körper bedeckt.

Und der deutsche Modeschöpfer Wolfgang Joop plant, eine Filiale ausgerechnet

in Teheran,

der Hauptstadt der islamischen Revolution, zu gründen. Für ihn sei der islamische Kleidungsstil ein Ausdruck weiblicher Emanzipation, erklärt der Designer im deutschen Fernsehen: "Ich entziehe mich den Blicken und der Kritik und dem Vergleich - gerade in den orientalischen Ländern, wo wir wissen, dass die Stimmung sexuell sehr aufgeheizt ist. Und für mich hat diese ganze orientalische Haltung, Kultur, Mode etwas sehr, sehr Erotisches und sehr Geheimnisvolles."

Muslimische Modenschau in Kuala Lumpur (Foto: Getty Images/AFP/M. Vatsyanana)

Mode oder Religion? Oder beides zugleich? Modeschau in Kuala Lumpur

"Der Hidschab soll normal werden"

Verhüllung und Erotik: ein uraltes Motiv. Aber auch ein islamisches? Der Koran legt eine andere Deutung nahe. "Und wenn ihr die Gattinnen des Propheten um etwas bittet, das ihr benötigt, dann tut das hinter einem Hidschab hervor!" So lautet eine seiner Passagen, die sich auf die Bedeckung der Frauen beziehen. Zuerst auf die Frauen des Propheten gemünzt, sollte die Anweisung später auch für alle anderen muslimischen Frauen gelten. Deren Ziel, nach Lesart der Deutschen Islamkonferenz: beizutragen zur Segregation der Geschlechter.

"Ich glaube an den Koran", erklärt das H&M-Model Mariah Idrissi in einem Interview auf Spiegel-Online. "Es ist eine Pflicht - für Männer wie Frauen - sich zu bedecken." Zugleich, bekennt Idrissi, verfolge sie ein weiteres Ziel: "Der Hidschab soll normal werden."

Um das zu erreichen, begibt sie sich in ein nicht leicht aufzulösendes Spannungsfeld zwischen Religion und Ästhetik. "Look chic", heißt es in dem H&M-Clip in jenem Moment, in dem Idrissi zu sehen ist. Mit anderen Worten: Der Hidschab sucht das Bündnis mit der Ästhetik. Aber ist die Betonung weiblicher Schönheit im öffentlichen Raum nicht genau das, was islamische Kleidervorschriften bislang zu verhindern suchten?

Islamisches Modell Mariah Idrissi (Foto: H&M/dpa)

Mariah Idrissi: "Es ist eine Pflicht - für Männer wie Frauen - sich zu bedecken"

Ein hoher Preis

Das Angebot, das die Modebranche den Musliminnen macht, hat es in sich: Es trägt offenbar dazu bei, die Kopfbedeckung auch in der westlichen Welt hoffähig zu machen. Aber der Preis dafür ist hoch: Denn er beugt die Frauen unter das Diktat der Schönheit. Genau das versuchte der Islam zumindest in seiner klassischen Lesart zu verhindern. Mag sein, dass der Hidschab auf diese Weise in Zukunft tatsächlich zu einem selbstverständlichen Anblick auch im westlichen Alltag wird - doch möglich ist das nur, weil er sich dem Diktat der Ästhetisierung unterworfen hat.

So könnten jene muslimische Frauen, die sich eben nicht durch ihre Schönheit definieren und sich auch nicht als Objekt

männlicher Begierde

verstanden wissen wollen, durch die von der Modeindustrie vorangetriebene Ästhetisierung des Hidschab vor einem Problem stehen: Eben jenes Kleidungsstück, das ihre Selbstständigkeit bislang wahren sollte, hat eine ganz neue Bedeutung erfahren - und zwar eine, die für das exakte Gegenteil der alten steht. Der Hidschab verbirgt Schönheit nicht mehr, er steigert sie.

Auf diese Weise gerät die herkömmliche Deutung des Hidschab unter Druck. Und zwar durch jenen Schönheitskult, den die Modebranche dem Kleidungsstück nun angedeihen lassen will. Lässt sich die islamische Kleiderordnung auf dieses Angebot ein, ist ihr bisheriger Sinn zumindest in Frage gestellt. Die verstärkte Präsenz des Hidschab geht einher mit der Preisgabe seiner bisherigen Funktion.

Indonesien Jakarta Modenschau (Foto:picture-alliance/Pacific Press/Azwar)

Der Hidschab auf der Bühne: Muslimische Modeschau in Jakarta

Abschied vom Kontext

Der klassische Hidschab ist vor allem eines: konsequent. Er bricht den Blick der Männer auf das Objekt ihrer Begierde, schirmt die Frau vor Taxierungen ab. Insofern, sagt die Kulturwissenschaftlerin Barbara Finken im Deutschen Fernsehen, kann man den Hidschab "als Schutz der Frau davor, gesehen zu werden und Lockvogel für das männliche Begehren zu sein" betrachten.

Doch genau diese Funktion droht der Hidschab im Bündnis mit der Modeindustrie zu verlieren. Das kann man begrüßen oder bedauern. Klar ist nur, dass der Hidschab unter den kreativen Händen der Designer zu einem Objekt werden könnte, das wie die sizilianische Witwenkleidung oder die Kleidung der Priester mit seinem ursprünglichen Kontext nur noch spielerisch und lose verbunden ist.

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