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Kultur

"Der Zugang zu Wissen wird schwieriger"

Nicht erst seit die Urheberrechtsnovelle verabschiedet wurde, warnen Internet-Nutzer vor dem eingeschränkten Zugang zu digitalen Inhalten. Unter ihnen Robert Gehring, Mitbegründer der Initiative "Rettet die Privatkopie".

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Aktuelle Studienliteratur ist in deutschen Universitäten immer seltener zu finden

Herr Gehring, wie groß war denn der Einfluss der Inhalteindustrie tatsächlich?

Also, meiner Einschätzung nach hat sie den maßgeblichen Einfluss auf das Gesetzgebungsverfahren ausgeübt. Sowohl bei der Formulierung der Richtlinie in Brüssel, als auch hier in Deutschland. Aber als problematisch sehe ich eigentlich nicht so sehr an, dass die Inhalteindustrie einen so großen Einfluss hatte, sondern vielmehr, dass die Öffentlichkeit, die Nutzer und Anwender, so wenig Einfluss bekommen haben.

Und welche Nutzer sind jetzt konkret betroffen? Und wie?

Prinzipiell sind alle betroffen, die in irgendeiner Form mit urheberrechtlich geschützten Informationen oder Werken umgehen. Das betrifft natürlich sowohl reine Konsumenten, also zum Beispiel Nutzer, die jetzt keine CDs mehr kopieren können und dürfen. Das betrifft aber natürlich auch Musiker, die beispielsweise Musik samplen wollen. Die sind in Zukunft darauf angewiesen, aufwändige Verträge mit den Musikfirmen abzuschließen, denen die Musik "gehört". Auch Bibliotheken, und damit mittelbar auch die Öffentlichkeit, sind von den Regelungen betroffen. Sie dürfen der Öffentlichkeit zukünftig bestimmte Dienstleistungen gar nicht mehr oder nur in sehr eingeschränktem Umfang anbieten.

Welche Dienstleistungen zum Beispiel?

Na, man könnte sich ja vorstellen, dass eine Bibliothek im Zeitalter des Internet ihre Informationen nicht mehr nur vor Ort und in Form von Büchern vorrätig hält, sondern dass sie beispielsweise elektronische Zeitschriften abonniert. Im Gegenzug könnte ein Internet-Nutzer, der auch bei dieser Bibliothek angemeldet ist, von zuhause aus auf diese Zeitschrift zugreifen. Das wäre natürlich für die Verbreitung von Wissen von ganz erheblichem Vorteil. Aber das ist den Bibliotheken nach den neuen gesetzlichen Bestimmungen nicht möglich.

Kann man denn in dem Zusammenhang davon reden, dass nicht zuletzt durch das novellierte Urheberrechtsgesetz so eine Art "Wendepunkt" im Umgang mit Wissen stattfindet?

Davon kann man sehr wohl sprechen. Das Ganze nimmt die Form an, dass die Verbreitung von Wissen in Zukunft wesentlich stärker kontrolliert werden wird. Und das hat natürlich Konsequenzen für die Anwender. Allein die Frage, ob ich beispielsweise in Zukunft noch elektronische Bücher lesen darf, ohne mich vorher beim Rechteinhaber anmelden zu müssen, ist meines Erachtens noch ungeklärt. Es hat aber noch weitergehende Konsequenzen: Sieht man sich die EU-Richtlinie an und das entsprechende deutsche Gesetz, das ja der Richtlinie konform formuliert worden ist, stellt man fest, dass für den Bereich des online-Vertriebes bestimmte Regelungen, die traditionell im Urheberrecht vorhanden waren, gar nicht mehr gelten. Denn wenn ich ein Buch online kaufe, dann kann mir der Verlag z.B. diktieren, dass ich dieses Buch nicht weiterverkaufen darf. Und da kann man schon einen Wendepunkt beobachten. Verschiedene Kommentatoren, vor allem in den USA, haben an der Stelle schon von einer Privatisierung des Urheberrechts gesprochen.

Blicken wir in die Zukunft: Wie sieht der Umgang mit Wissen und Informationen im sogenannten Internet-Zeitalter da Ihrer Ansicht nach aus?

Der Umgang mit Wissen wird schwieriger. Aus meiner Erfahrung als Lehrender an der Universität kann ich sagen, dass es sehr schwierig ist, beispielsweise bestimmte Inhalte, die ich für meine Kurse nutzen möchte, online zur Verfügung zu stellen. Die Rechte, die man dafür einkaufen muss, sind zum Teil sehr teuer. Und der Universitätshaushalt gibt die Finanzierung auch nicht her. In der Konsequenz stehen zum Beispiel meinen Studenten viele aktuelle Informationen aus online-Zeitschriften gar nicht mehr zur Verfügung. Und ich denke, auch in anderen Bereichen werden ähnliche Entwicklungen zu verzeichnen sein. Im Endeffekt wird die Bevölkerung unter der eingeschränkten Verbreitung von Wissen doch zu leiden haben.

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  • Autorin/Autor Das Gespräch führte Lydia Heller
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