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Zentralafrikanische Republik

Der vergessene Krieg in der Zentralafrikanischen Republik

Seit Jahren kämpfen Rebellengruppen in der Zentralafrikanischen Republik. Hilfsorganisationen warnen, dass sich die humanitäre Lage dramatisch zuspitzt. Von Jan-Philipp Scholz und Adrian Kriesch, Iyeda.

Mit einem Hammer in der Hand läuft Marcel Hamat durch sein Haus. Oder besser durch das, was davon übrig geblieben ist. Der 52-Jährige ist zum ersten Mal in seinen Heimatort Iyeda zurückgekehrt, der im Oktober 2016 angegriffen und fast komplett niedergebrannt wurde. Der Ort liegt zwischen den Fronten: Wenige Kilometer westlich kontrolliert die 3R-Miliz die Nachbarstadt Koui. 3R steht für "retour, réclamation, réhabilitation", "Rückkehr, Anspruch, Rehabilitierung" und besteht aus mehrheitlich muslimischen Viehhirten der Volksgruppe der Peuhl (auch Fulbe genannt). Im Osten, in der Stadt Makunzi Wali, herrschen die Anti-Balaka, eine mehrheitlich christliche Miliz.

Iyeda ist jetzt eine Geisterstadt, kein Mensch lebt mehr hier. Hamats Haus ist ausgebrannt, auch das von seinen Verwandten nebenan. "Das haben die Peuhl hier angerichtet", sagt Hamat, während er die letzten Metallreste aus der Wand bricht, die er noch verwenden will. Mit dem Altmetall macht sich Hamat auf den Weg nach Makunzi Wali, wo er Zuflucht gefunden hat. Hier steht er als Christ unter dem Schutz der Anti-Balaka, die sich ihre Dienste durch Schmiergelder an Checkpoints und Schutzgeldzahlungen von Geschäftsleuten bezahlen lassen.

Zentralafrikanische Republik (DW/A. Kriesch)

Anti-Balaka-Anführer Goumou Passy: ""Wir haben uns entschlossen, die Versorgung abzuschneiden"

Colonel Goumou Passy ist einer der Anführer der Anti-Balaka. Seine Truppe könnte kaum abenteuerlicher aussehen: Benebelt von Drogen, bewaffnet mit Jagdgewehren, behangen mit Fetischen, die sie vor den Kugeln ihrer Gegner schützen sollen. Passys größter Feind ist die 3R-Miliz in Koui. Wochenlang hat er Hilfslieferungen nach Koui blockiert - und so die humanitäre Situation in der Region noch verschärft. "Das ist ein Krieg - da hat jede Seite ihre eigenen Strategien", sagt er der DW. "Und wir haben uns eben dazu entschlossen, eine Weile die Versorgung abzuschneiden."

Vom Viehhirten zum Rebellenführer

Der Krieg in der Zentralafrikanischen Republik tobt seit über vier Jahren. Im März 2013 stürzten Rebellen der mehrheitlich muslimischen Gruppe Séléka die Regierung, von der sie sich vernachlässigt fühlten. Sie plünderten ganze Städte und Dörfer - dagegen gründete sich die Anti-Balaka-Bewegung. Ursprünglich eine mehrheitlich christliche Selbstverteidigungsgruppe, zerfiel die Miliz mehr und mehr in unkontrollierbare Banden bewaffneter Jugendlicher. 2016 wurde zwar wieder eine offizielle Regierung gewählt, doch ihr Machtbereich reicht nicht über die Hauptstadt Bangui hinaus. Das Land spaltete sich immer mehr entlang religiöser und ethnischer Linien. 14 bewaffnete Rebellengruppen sind inzwischen in Zentralafrika aktiv. Regelmäßig fechten sie Kämpfe aus, zwischen deren Fronten die Zivilbevölkerung gerät. Allein in der Region um Koui mussten in den vergangenen Monaten 15.000 Menschen ihre Heimat verlassen.

Zentralafrikanische Republik (DW/J.-P. Scholz)

3R-Kommandant Sidiki Abass: "Die Regierung übernimmt keine Verantwortung, also tun wir das"

In Koui hat Kommandant Sidiki Abass das Sagen. Mit Turban und weißem Gewand steht er vor seinem Haus, bewacht von einem Duzend schwer bewaffneter Männer. Abass war früher selbst Viehhirte, jetzt ist er der Anführer der Rebellengruppe 3R - und hat nach eigenen Angaben mehr als tausend Kämpfer. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft der Gruppe Menschenrechtsverletzungen vor, unter anderem Folter und Vergewaltigungen. Abass bestreitet das. "Wir Peuhl sind hier nicht sicher, wir werden ständig von Banditen und den Anti-Balaka angegriffen." Abass gestikuliert wild. "Die Regierung übernimmt keine Verantwortung, also müssen wir das tun."

"Wenn die 3R's verschwinden, wäre das eine Katastrophe", sagt auch der Bürgermeister und Sultan von Koui, während er Vertreter von Hilfsorganisationen und Journalisten in seinem spärlichen Palast empfängt. "Die Anti-Balaka wollen alle Muslime hier vertreiben. Sie haben schon so viel Unheil gebracht. Unzählige Häuser und Dörfer von Muslimen wurden niedergebrannt." Adamou Dawda Yahya fürchtet einen erneuten Angriff der Anti-Balaka - als Reaktion darauf, dass die 3R ihrerseits vor wenigen Wochen eine nahegelegene Anti-Balaka-Hochburg attackiert haben. Der Sultan drückt sich vorsichtig aus, Kritik an den 3R-Rebellen äußert er nicht.

Zentralafrikanische Republik (DW/J.-P. Scholz)

Pastor Leon Dollet und Imam Goni Abassi haben gemeinsam einen Appell für Frieden verfasst

"Wir haben immer friedlich zusammengelebt"

Während der Sultan mit den Journalisten diskutiert, wartet in seinem Empfangsraum eine Gruppe Männer geduldig darauf, die Besucher anzusprechen. Zurückhaltend wenden sich fünf Pastoren und ein Imam an uns: Sie haben gemeinsam einen Brief geschrieben, in dem sie fordern, den Konflikt endlich zu beenden. "Es gibt doch keinen Unterschied zwischen den Muslimen und den Christen hier", sagt Pastor Leon Dollet und überreicht den Brief der Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation. "Wir haben hier immer in Harmonie zusammengelebt. Es sind die 3R und die Anti-Balaka, die hier für Spannungen sorgen. Aber wir wollen wieder gemeinsam friedlich zusammenleben. Und wir wollen, dass die Vertriebenen aus den Nachbardörfern wieder zurückkehren und wieder mit uns leben."

Auch Marcel Hamat würde gern mit seiner Familie in sein Dorf zurückkehren - aber noch sei das undenkbar. Mit dem Überresten seines niedergebrannten Hauses will er nun in Makunzi Wali eine neue Bleibe bauen. "Was passiert ist, ist passiert", sagt Hamat. "Aber ich bin nicht wütend. Wir müssen einfach nach vorne schauen, in die Zukunft."

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